Im Gegensatz zu denjenigen Geschichtsschreibern der Philosophie, welche die jonischen Naturphilosophen, zumal sie von eigentlichen metaphysischen Voraussetzungen sich, wie es scheint, ziemlich frei hielten, nach dem Vorgange des Aristoteles mit Geringschätzung betrachten und sich auch über ihre vom Standpunkte des modernen Naturwissens selbstverständlich rohen Vorstellungen belustigen, glaube ich die einzig gerechte Würdigung ihrer unbefangenen und ehrlichen, occultistisch freilich wenig Ausbeute liefernden, Positivität in folgenden Worten Dührings zu finden:
„Wichtiger, als die verhältnismäßige Übereinstimmung, welche unser modernes naturwissenschaftliches Bewußtsein den Vorstellungen der jonischen Denker nahe bringt, ist die Gemeinschaft und Analogie in der Nötigung unserer Ideen zu einer bestimmten Voraussetzung. Heute ist es bekanntlich die astronomische Beobachtung, welche uns besonders mit Rücksicht auf die Abplattung der rotierenden Weltkörper und im Hinblick auf die mechanischen Wirkungen der Drehung bildsamer Massen zu dem Rückschluß nicht bloß berechtigt, sondern nötigt, daß ein weniger fester Aggregatzustand den gegenwärtigen Verhältnissen vorausgegangen sein müsse. Durch derartige Gedankenbewegung greifen wir stetig und zwar immer an der Hand der leitenden Thatsachen in eine Vergangenheit des Kosmos zurück, die der uns übrigens bekannten und etwa durch Rechnung rückwärts feststellbaren Verfassung und Beschaffenheit desselben vorausgegangen sein muß. Wo die Fingerzeige der aus der gegenwärtigen Gestaltung sprechenden Züge aufhören, da hat auch die wissenschaftlich begründete und mit ihr eigentlich alle gerechtfertigte Vorstellung eine Schranke. Es ist daher kein Mangel, wenn bei irgend einem Zustande mit den Rückschlüssen Halt gemacht werden muß. Sind wir einmal bei der gasförmigen Gestalt der Welt angelangt, so ist zu einer weiteren Voraussetzung innerhalb dieser Gattung, d. h. in der Geschichte der Natur weder Antrieb noch Anknüpfungspunkt vorhanden. Die Zustände der Materie sind bis zum Extrem durchlaufen und durch den Urnebel hindurch dürfte keine physische Hypothese mehr sichtbar werden. Etwas Unvollkommenes liegt aber in dieser Schranke durchaus nicht. Im Gegenteil lehrt sie uns, daß wir in dieser Richtung in dem, was der engeren Naturphilosophie wesentlich ist, auch nicht weiter gelangen, als die ersten antiken Denker, und daß wir vor ihnen nichts, als die bessere Begründung und Kenntnis des Weges voraus haben. Hierbei bleibt nur noch für die logische Notwendigkeit ein letzter Abschluß offen, und dieser besteht in der unumgänglichen Voraussetzung eines allem zählbaren Wechselspiel der Vorgänge vorangegangenen sich selbst gleichen Zustandes des Weltmediums.“[515]
[V.]
Heraclit der Dunkle.
Die Lehre dieses Philosophen schließt sich zwar insofern noch an die drei bisher behandelten sog. Physiker an, als auch sie allem Seienden eines der sog. vier Elemente als Grundstoff, aus dem alles entstanden sei, zu Grunde legt, nämlich das Feuer. Sie geht aber in ihrer Entwickelung so erheblich über die von den Vorgängern gesteckten Grenzen hinaus und enthält soviel keimkräftige, erst in späteren Perioden der Philosophie-Geschichte von einzelnen Systemen zu einseitiger Entwickelung geförderte Gedanken, daß man ihrer Universalität Unrecht thun würde, wollte man Heraclit noch zu den sogenannten Physikern rechnen, wie dies Aristoteles Metaphys. I. 3ff. thut. Heraclit wurde nach Hermann (De philos. Jonic. aetatt S. 10. 22) um 510 v. Chr. zu Ephesus geboren und lebte etwa bis 450 v. Chr.; Zeller dagegen (Philosophie der Griechen I. S. 524) setzt seine Geburt in die Zeit zwischen 530–540 v. Chr. Es steht fest, daß er ein Alter von 60 Jahren erreichte. Er entstammte einer der vornehmsten Familien seiner Vaterstadt, wie schon daraus hervorgeht, daß er das in seiner Familie erbliche Amt eines Opfer-Königs seinem jüngeren Bruder abtrat. Er trat der demokratischen Partei seiner Vaterstadt mit entschieden aristokratischen Grundsätzen entgegen und erfreute sich deshalb keiner großen Popularität. Seine Verbitterung gegen die Mitbürger steigerte sich in hohem Grade, als sein Freund Hermodor verbannt wurde, jener Hermodor, von dem uns der Jurist Pomponius in seiner Rechtsgeschichte Dig. I. 1, 1. 2 § 4 berichtet, daß er den römischen Dezemvirn bei Abfassung der Zwölf-Tafeln an die Hand ging.
Über Heraclits Tod und sonstige Lebensschicksale haben wir nur wenige und teilweise widersprechende Nachrichten. Die Fragmente seiner Schriften hat P. Schuster in den Acta philos. societ. Lipsiensis Tom. III, Leipzig 1873, zusammengestellt.
Man darf behaupten, daß Heraclit seinem Philosophieren schon eine gewisse Erkenntnis-Kritik vorausgehen ließ. „Wenn eine Rede verständig sein soll“, sagt er, „so muß sie sich auf das stützen, was allen gemeinsam ist, das Denken.“[516] Was unsere Sinne wahrnehmen, ist nur die flüchtige Erscheinung, nicht das Wesen. Alle Sinnesempfindung entsteht aus dem Zusammentreffen von zwei Bewegungen, sie ist das gemeinsame Erzeugnis aus der Einwirkung des Gegenstandes auf das Sinnesorgan und der Thätigkeit des Organs; sie zeigt daher nichts bleibendes und an sich seiendes, sondern nur eine Einzelerscheinung, so wie diese in dem gegebenen Falle und für diese bestimmte Wahrnehmung sich darstellt.[517] Schlechte Zeugen sind der Menschen Augen und Ohren, wenn sie unverständige Seelen haben.[518] Gerade dieses Zeugnis aber ist es, dem die Menge allein folgt. Daher finden wir bei ihm ähnlich geringschätzige Äußerungen über die große Masse der nicht denkenden Menschen, auch sogar über frühere und gleichzeitige Dichter und Denker, wie sie in ähnlich aristokratischer Geisteshaltung bei Giordano Bruno wiederkehren. Besonders verächtlich erscheint ihm die bloße Vielwisserei. Polymathie noon u didaskei, die bloße Vielwisserei, schafft keine Weisheit.[519] Er will sich begnügen, mit vieler Arbeit weniges zu finden, wie die Goldgräber, nicht leichthin über das Wichtigste urteilen, nicht andere befragen, sondern sich selbst oder vielmehr die Gottheit.[520] Nur wer dem göttlichen Gesetz, der allgemeinen Vernunft, lauscht, kann die Wahrheit finden, wer dagegen dem täuschenden Schein der Sinne und den unsicheren Meinungen der Menschen folgt, dem bleibt sie ewig verborgen.
Wie das Erkennen der Menschen, so ihr Handeln. Darum leben die meisten Menschen dahin wie das Vieh, sie wälzen sich im Schmutze und nähren sich von Erde gleich dem Gewürm, werden geboren, zeugen Kinder und sterben, ohne ein höheres Lebensziel zu verfolgen.[521]
Die meisten Menschen sind für die Wahrheit auch dann taub, wenn man sie ihnen in die Ohren schreit, und wie Hunde bellen sie alles und jedes an, das sie nicht kennen. Besonders durch seine Unglaublichkeit entschlüpft das Wahre zumeist dem Erkanntwerden.[522]
Der Esel frißt eben lieber Spreu, als Gold.
Der Grundfehler der bisherigen Philosophie hat nun nach Heraclit darin bestanden, daß man in den Dingen eine Beharrlichkeit des Seins suchte, die ihnen fremd ist. Vielmehr gibt es nichts festes und bleibendes in der Welt, alles ist in unablässiger Veränderung begriffen (τὸ πᾶν ῥεῖ), wie ein Strom, „man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen.“[523]