Heraclit ist auch der Urheber des zuerst von Cusanus und Bruno wieder so viel betonten Prinzips der Coincidenz der Gegensätze, das von Hegel als logische Einheit des Widerspruchs mißdeutet wurde. Er selbst hat damit nur das antagonistische Spiel der Naturkräfte bezeichnen wollen, in dem nicht das Gleichgewicht, sondern das Übergewicht und die Störung wesentlich sind und die stetige Bewegung und das Leben erhalten; dagegen stand er den Hegelschen Begriffsverwirrungen fern, und die Darstellung seiner Lehre durch den Junghegelianer Lassalle ist eine arge Verdrehung.[524] Freilich finden wir bei ihm Äußerungen wie: Tag und Nacht sind dasselbe (d. h. es ist Ein Wesen, welches bald licht, bald dunkel ist); Heilsames und Verderbliches, Oberes und Unteres, Anfang und Ende, Sterbliches und Unsterbliches ist dasselbe.[525] Hunger und Sättigung, Anstrengung und Erholung gehören zusammen; aus dem Lebenden wird Totes und aus dem Toten Lebendiges, aus dem Jungen Altes und aus dem Alten Junges u. s. w., nur in der Bewegung beruht alles Leben, besteht überhaupt das Dasein der Dinge, kein Ding ist dieses oder jenes, sondern es wird nur in der beständigen Bewegung des Naturlebens.[526] Während Parmenides dem Begriff des Werdens, als einem vereinigten Widerspruch von Sein und Nichtsein, die Realität abspricht und ihn, ähnlich wie der moderne Philosoph v. Kirchmann in das Wissen verlegt, behauptet also Heraclit: Sein ist Werden.

Wenn nun alles in unaufhörlicher Bewegung und Veränderung begriffen ist, so folgt, daß alles Feuer ist. Offenbar will er, da er sein tieferes philosophisches Bewußtsein noch nicht abstrakt ausdrücken kann, seiner Metaphysik damit nur eine sinnlich symbolische Ausdrucksform leihen.[527]

„Diese Welt“, sagt er, „hat weder der Götter noch der Menschen einer gemacht, sondern sie war immer und wird sein, ein ewig lebendiges Feuer, nach Maßen sich entzündend und nach Maßen erlöschend.“[528] Offenbar verstand Heraclit unter dem Feuer nicht bloß das sichtbare Feuer, sondern überhaupt das Warme, Wärmestoff, oder wie seine Nachfolger sagten, „trockene Dünste“, ja geradezu Hauch, die ψυχὴ, also etwa den Äther. Nichts aber wäre verkehrter, als es mit Lassalle in eine metaphysische Abstraktion aufzulösen, wie „die prozessierende Einheit des Sein und Nichtsein.“[529]

Aus dem Urfeuer, dem an sich gestaltlosen Äther, läßt er alle Einzelsubjekte durch Streit (eris) (auch πόλεμος) hervorgehen, welcher der „Vater aller Dinge ist.“[530] Die Welt ist die zerteilte Gottheit, das ἒν διαφερόμενον αὑτὸ αὑτῷ; aber indem sie sich in sich selbst unterscheidet, geht sie auch wieder mit sich zusammen, zu einer Harmonie, die wie die des Bogens und der Leyer auf entgegengesetzter Spannung beruht.[531] In ihr vollzieht sich ein stetiger Doppelprozeß der relativen Materialisierung des Feuergeistes und der Wiedervergeistung der Erde und des Wassers. Denn auch Erde und Wasser, d. h. der feste und flüssige Aggregatzustand, sind nur Erscheinungsformen des Einen, des Feuers; dieses geht in sie über in der ὁδός κάτω, dem Wege nach der Tiefe; es kehrt aber auch Erde und Wasser ins Feuer zurück, in der ὁδός ἄνω, dem Weg nach oben. Des Feuers Tod ist, Wasser zu werden, des Wassers, Erde zu werden, aus Erde aber wird wieder Wasser und aus Wasser Feuer (oder Seele). „Alles wird umgesetzt gegen Feuer und Feuer gegen alles, wie Waaren gegen Gold und Gold gegen Waaren.“[532] Alles Leben bewegt sich also im Kreise; nachdem es seine elementarische Beschaffenheit im festen Aggregatzustand am weitesten von der Urform entfernt hat, kehrt es durch die früheren Zwischenstufen schließlich doch zum Anfang zurück. Somit strebt auch die aus dem Streit entstandene Vielheit der Dinge immer wieder zur anfänglichen Einheit zurück; und dies Streben wird von den Dingen empfunden als Zustand der begehrenden Bedürftigkeit, die wiedergewonnene Einheit aber als Sättigung, Eintracht und Friede.[533] Der ewige Kampf und die ewige Versöhnung im steten Strome des Stoffwechsels, im Fluß des Geschehens, wird aber von strenger Gesetzmäßigkeit beherrscht, die er mit dem Namen der Harmonie, der Dike (Gerechtigkeit), des Schicksals, der weltregierenden Weisheit bezeichnet. Er nennt sie auch Zeus oder die Gottheit, unterscheidet aber diese weltbeherrschende Kraft, der er auch kein besonderes Bewußtsein zuschreibt, nicht von der Welt als Ganzem. Seine Weltanschauung läßt sich daher, zumal ihm aller Stoff beseelt ist, als hylozoistischer Monismus oder Pantheismus bezeichnen.[534]

Interessante Anticipationen bieten seine kosmischen Ansichten. Die Sonne ist, sagt er, eine brennende Dunstmasse, deren Feuer durch die aufsteigenden Dünste genährt wird; es findet ein stetiger Zu- und Abfluß an ihrem Körper statt. Man wird versucht, dabei an Robert Mayers Theorie vom Wiederersatz der Sonnenwärme durch Meteormassen zu denken.[535]

Die Welt als Ganzes ist zwar ohne Anfang und Ende; allein die einzelnen Weltsysteme haben ihren Anfang und ihr Ende, aus Feuer entstanden gehen sie in Feuer wieder unter, und zwar, da alles in der Welt sein festes Maß, auch Zeitmaß, hat, nach Ablauf gewisser Perioden. Eine solche Periode nennt Heraclit ein großes Jahr, das er zu 18 000 Sonnenjahren angenommen haben soll.[536]

Man sollte nun glauben, daß ein Monist, wie Heraclit, die Selbständigkeit und Substantialität der Menschenseele konsequent habe leugnen müssen. Aber dem ist nicht so. Sein Pantheismus schließt den Individualismus, wenigstens als relativen, nicht aus, sondern ein.

Der Leib an sich ist starr und leblos, erst durch die Seele wird er bewegt; die Seele aber ist ein unendlicher Teil des menschlichen Wesens, in ihr hat sich das göttliche Feuer in relativ reinster Form erhalten. Je „trockener“ dieses Feuer ist, um so weiser und besser ist die Seele[537], durch Feuchtigkeit wird dagegen das Seelenfeuer verunreinigt und geht die Vernunft verloren, wie die Erscheinungen des Rausches, der „angefeuchteten Seele“ beweisen. Wie übrigens jedes Ding in unablässiger Umwandlung begriffen ist, so auch die Seele, auch sie muß sich vom Feuer außer ihr nähren, das sie durch die Sinnesorgane empfängt. Dieses beweist der Schlaf, der das Licht des Bewußtseins verdunkelt. Und dennoch bewahrt die Seele ihre Identität im Tode. Die Menschen, sagt er, sind sterbliche Götter, die Götter unsterbliche Menschen; unser Leben der Tod der Götter, unser Tod ihr Leben; denn solange der Mensch lebt, ist der göttliche Teil seines Wesens mit den niederen Stoffen verbunden, von denen er im Tode wieder frei wird; die Seelen durchwandern ebenfalls den „Weg nach unten“ und „den Weg nach oben“, sie treten in Leiber ein, weil sie der Veränderung bedürftig sind, und ebenso verlassen sie die Leiber wieder.[538]

Des Menschen wartet nach seinem Tode, was er nicht zu hoffen noch zu glauben wagt.[539]