Jedes der Gestirne bringt durch seinen Umschwung um das im Mittelpunkt stehende Centralfeuer einen eigenartigen Ton hervor, da jeder schnell bewegte Körper einen Ton erzeugt. Diese Töne der Planeten setzen sich zu einer Harmonie zusammen; daß wir von dieser Sphärenharmonie, die man sich durch eine Anzahl verschieden abgestimmter Brummkreisel veranschaulichen könnte, nichts hören, erklärte man durch die Bemerkung, es gehe uns damit wie den Bewohnern einer Mühle; da wir das gleiche Geräusch von Geburt an unausgesetzt vernehmen, so kämen wir nie in den Fall, sein Dasein am Gegensatz der Stille zu bemerken.

Was die Psychologie des Pythagoras betrifft, so ist unstreitig zunächst seine Lehre von der Seelenwanderung, die man unrichtig gewöhnlich als Metempsychose, also wörtlich übersetzt „Umbeseelung“ bezeichnet, während man richtiger von einer Metensomatose, d. h. Umkörperung reden sollte. Pythagoras wurde dieser Lehre wegen schon von Xenophanes verspottet[557]; und in der That scheint die Seelenwanderungslehre der alten Pythagoräer sich von der krassesten Form dieses Aberglaubens, der sogar eine Wanderung der Menschenseele in Tier- und Pflanzenleiber für möglich hielt, nicht sehr weit entfernt zu haben. Andererseits berichtet auch Aristoteles in seiner Psychologie, einige von den Pythagoräern hätten die Seelen in den Sonnenstäubchen oder auch in dem, was diese bewege, gesucht.[558]

Gleichzeitig wurde auch der Glaube an unterirdische Wohnsitze der Abgeschiedenen festgehalten, und nach Aelian V. H. IV. 17 soll Pythagoras sogar die Erdbeben von Wanderungen (συνοδοι) der Toten hergeleitet haben. Vielleicht läßt sich der Seelenwanderungsglauben und der an einen Aufenthalt im Hades so zusammenreimen, wie dies später bei Plato und Vergil geschieht, daß nämlich ein Teil der Seelen vor dem Wiedereintritt in einen Körper sich durch Strafen und Qualen im Hades, der dann also als Fegefeuer dient, läutern muß.

Ob die Pythagorärer sich die Verbindung der Seele mit ihrem Leibe durch Wahl, wie später Plato, oder durch natürliche Verwandtschaft oder durch den Willen der Gottheit bestimmt dachten, ist nicht klar zu stellen. Wahrscheinlich war ihre Lehre in dieser Richtung noch nicht fest ausgebildet. Ebenso wenig wissen wir, ob und wieso sie ihre Seelenwanderungslehre mit der Grundlehre des Systems, wofern man ihnen überhaupt ein System zuschreiben darf, von den Zahlen in Verbindung gebracht haben.

Wenn nämlich einerseits berichtet wird, Pythagoras habe die Seele als Harmonie des Körpers aufgefaßt, so könnte man daraus auf eine die Unvergänglichkeit der Seele leugnende materialistische Psychologie schließen.

Denn sofern die Harmonie das Produkt einer Zusammensetzung ist, muß sie ja zweifellos mit der Auflösung des Zusammenhangs untergehen. Andererseits ist aber doch der Pythagoräische Unsterblichkeitsglaube zu gut beglaubigt. Da sie die Zahl hypostasierten, wird man bei ihnen vielleicht den Keim jener späteren neuplatonischen Definition der Seele als einer idealen oder sich selbst „bewegenden“ Zahl voraussetzen dürfen, die eine große Rolle bei Plotin und später noch bei Bruno spielt.[559] Dem modernen Kritizismus freilich, dem die Zahl ein subjektiver Beziehungsbegriff ist, muß eine solche Verdinglichung derselben ganz unverständlich erscheinen. Allein die Hypostasierung der Gedankenbewegung ist ja eben das eigentliche Element aller Spekulationsdichtung.

Endlich haben nach Angabe des Aristotelikers Eudemos[560] die Pythagoräer schon jene eigentümliche Lehre von einer Wiederbringung aller Dinge und Ereignisse aufgestellt, die dann mit besonderer Vorliebe von einigen Stoikern und Neuplatonikern kultiviert worden ist und die in unserem Jahrhundert eine der Beachtung meistens infolge der abstrakten Fassung entgangene merkwürdige Neubegründung durch einen deutschen Philosophen erhalten hat, bei dem man eine solche mystische Konzeption am allerwenigsten vermuten möchte, nämlich durch den Realisten v. Kirchmann. Vergl. dessen Schrift: Die Unsterblichkeit, Berlin 1865. IV, 3. Die Wiederkehr des Wissens. S. 130: „Wenn irgend ein Wirksames fortschreitend das Wissen in dem Sein erweckt, so ist es sehr wohl möglich, daß solcher Ursachen nicht bloß eine besteht, sondern daß mehrere in gewissen Abständen einander folgen. Die Wirkung würde dann die sein, daß das Sein des Menschen nach seinem Tode nicht für alle Ewigkeit zur Bewußtlosigkeit verdammt bliebe, sondern daß mit dem Eintritt eines zweiten Lichtstreifens, welcher in gleicher Weise fortschritte, das Sein des Menschen wieder mit dem Bewußtsein sich verbinden würde. Wäre dieser zweite Lichtstreifen dem ersten durchaus gleich, so würde das bewußte Leben des Menschen ganz in derselben Weise sich dann wiederholen, wie er es bereits das erste Mal durchlebt hat; dieselbe Jugend, dasselbe Alter, dieselben Handlungen, dieselben Freuden und Leiden würden noch einmal von ihm wiederholt werden. Dies zweite Leben wäre nur eine genaue Wiederholung des ersten.“ – Eine wenig verlockende Aussicht! Man sieht, es kann nichts so Wunderliches erdacht werden, was nicht irgend ein Philosoph auch einmal alles Ernstes für erwiesen oder wenigstens probabel erkennte! Die ausführlichste Darstellung dieser Idee giebt „Synesios, die Aegypter oder die Vorsehung“. Vergl. auch Bruno, de Triplici minimo, c. l. v. 170–174.

Die ägyptische, pythagoräische Seelenwanderungslehre, die wir als Metensomatose (Umkörperung) bezeichnet haben, mußte bei den gebildeten Griechen schon früh Anstoß erregen. Man versuchte ihr daher allmählich eine bloß allegorische Deutung zu geben, unter Anspielung auf die homerische Wendung von der Zauberin Kirke, welche Menschen in Tierleiber verwandelte. So erzählt Xenophon in seinen Memorabilien des Sokrates 3, 7, daß letzterer oft scherzend geäußert habe, er glaube „Kirke habe dadurch Leute zu Schweinen gemacht, daß sie ihnen vieles vorgesetzt habe, Odysseus aber sei darum nicht zum Schweine geworden, weil er auf die Warnung des Hermes und aus eigener Enthaltsamkeit sich vor dem übermäßigen Genusse der Speisen gehütet habe.“

Plato entwickelte hieraus die feinere und mehr pantheistisch zu denkende Lehre von der Palingenesie, deren Unterschied von der groben Umkörperung darin besteht, daß sie nur annimmt, daß die allgemeine oder die Weltseele in allen wechselnden Erscheinungen der Körperwelt wirksam bleibe.[561]

Als der erste Pythagoräer, der die Lehre seines Meisters in einer Schrift dargestellt hat, gilt Philolaos, ein Zeitgenosse des Sokrates. Die von dieser Schrift überlieferten Fragmente, denen aber fremdartige Elemente beigemischt zu sein scheinen, hat Boeckh zusammengestellt. (Philolaos des Pythagoräers Lehren nebst den Bruchstücken seines Werkes. Berlin 1819.) Ein anderer Jünger des Pythagoras, der Arzt und Anatom Alkmäon, ein Krotoniate, wird von Aristoteles und Theophrast erwähnt und soll zuerst den Sitz der Seele in's Gehirn verlegt haben, zu dem alle Empfindungen von den Sinnesorganen aus durch Kanäle hingeleitet würden. Der schon erwähnte Lysis, der sich beim Brande des Milonischen Hauses rettete, begab sich nach Theben und wurde dort der Lehrer des Epaminondas. Vielleicht war dieser Lysis Verfasser der sog. goldenen Sprüche des Pythagoras. Außerdem werden als ältere Pythagoräer noch genannt der Tarentiner Eurytus, der Architekt Hippodamus aus Milet, ein Zeitgenosse des Sokrates und Epicharmus von Kos, endlich jener Tarentiner Archytas, dessen mathematisch-physikalische Kenntnisse und Tod auf dem Meere Horaz in der Ode 18, Buch I, mit den Versen verewigt hat: