L. Kuhlenbeck.

[Erstes Buch.]
Der Occultismus bei den Akkadern, Babyloniern, Chaldäern und Assyriern.

[Erstes Kapitel.]
Religionsphilosophie, weiße und schwarze Magie der Akkader.

Der Occultismus ist so alt wie die ihrer selbst bewußte Menschheit, und selbst wo uns die Hieroglyphen Ägyptens im Stich lassen, führt uns die Keilschriftlitteratur der Euphrat- und Tigrislande in die graueste Urzeit des Menschengeschlechts hinauf und zeigt uns, daß zum allermindesten tausend Jahre vor Beginn der beglaubigten Geschichte der Occultismus in seinem Kern derselbe war wie heute. Natürlich wechselten mit den verschiedenen Staatsreligionen seine Formen, und wir haben deshalb den stets gleichen esoterischen Kern unter den wechselnden Hüllen der Dogmen nachzuweisen sowie auch seine fortschreitende Weiterbildung und Ausreifung.

Vor noch nicht einem Menschenalter – im Jahre 1866 – veröffentlichten die englischen Orientalisten Sir Henry Rawlinson und Norris im zweiten Band der Cuneiform Inscriptions of Western Asia eine aus der Bibliothek des Königspalastes von Niniveh stammende Tafel mit den Fragmenten von 28 Zaubersprüchen, welche, wie Lenormant sagt[1]: „von der Existenz einer so künstlichen und zahlreichen Dämonologie bei den Chaldäern zeugt, wie sie sich ein Jacob Sprenger, Jean Bodin, Wier oder Pierre de Lancre wohl nimmer vorgestellt hätten. Es erschließt sich uns darin eine ganze Welt von bösen Geistern, deren Rangordnung mit vieler Gelehrsamkeit festgestellt, deren Persönlichkeiten sorgfältig unterschieden und deren besondere Eigenschaften scharf präcisiert sind.“

Außerdem entdeckte Layard an gleicher Stelle die gegenwärtig im British Museum aufbewahrten Fragmente eines umfangreichen magischen Werkes von zweihundert Tafeln, welches für Chaldäa wohl das Gleiche war, was die alten Inder in ihrem Atharva-Veda besaßen, nämlich eine Sammlung aller Formeln, Beschwörungen und Hymnen der chaldäischen Magier, von denen die Schriftsteller des Altertums berichten.

Diese Urkunden sind in akkadischer, einer den finnischen und tartarischen Dialekten verwandten turanischen Sprache abgefaßt, welche von den vorgeschichtlichen Ureinwohnern Chaldäas, den Akkadern, gesprochen wurde. Assurbanhabal ließ dieselben im siebenten Jahrhundert v. Chr. für seine Palastbibliothek mit der überlieferten assyrischen Interlinearversion abschreiben, ohne welche sie wohl nicht mehr verstanden worden wären, weil damals die akkadische schon über tausend Jahre eine tote Sprache war.