Dieses Erbe der Akkader, welches offenbar aus ältern im Laufe der Zeit zusammengestellten Überlieferungen besteht, führt in eine altersgraue Zeit hinauf, in welcher, wie wir sehen werden, neben dem Kultus kosmischer und tellurer Potenzen der Glaube an die Einheit und Geistigkeit des göttlichen Wesens bestand.
Die akkadische Magie beruhte auf einem vollständigen wohlgegliederten mythologischen System, welches in seinen Ursprüngen über das dritte Jahrtausend vor Christus zurückreicht. In diesem Jahrtausend wanderten vermutlich in das von den Akkadern bewohnte nachmalige Chaldäa Kuschiten ein, welche Sprache, Religion und Volkstum der Akkader allmählich in den Hintergrund drängten. In Babylonien wie in Chaldäa bildeten sich verschiedene Religionsformen aus, bis ums Jahr 2000 König Sargon eine einheitliche Staatsreligion einführte, die in Chaldäa und Babylonien wie später auch in Assyrien galt.
Diese Staatsreligion beruhte zum Teil auf der der syrischen und phönicischen verwandten Religion der Kuschiten; sie nahm aber viele akkadische Elemente auf, und so beginnt denn die bis zur Zeit Alexanders des Großen reichende Periode der „Chaldäer“. Allerdings nahmen in dieser Mischreligion die akkadischen Elemente mit ihrer Dämonenlehre und ihren Exorcismen einen untergeordneten Rang ein, und ihre Pfleger waren eine niedere Kaste von Zauberpriestern, welche durch ihre Beschwörungen Krankheiten und Bezauberungen zu heilen, Dämonen zu vertreiben, widrige elementarische Einflüsse zu zerstreuen usw. usw. suchten. Die oberste Priesterkaste waren die Chaldäer, welche – wie die persisch-medischen Magier – sich nur mit Astronomie und Astrologie befaßten.
Da bei den genannten Völkern Kultus und Occultismus auf das engste verbunden sind, müssen wir zunächst zu einer Darstellung ihrer Religionslehren übergehen.
Nach chaldäisch-babylonischer Anschauung ist die Erde von den als Gottheiten gedachten Meer, Ocean und Chaos (chald. Tiamat, Apsu und Mummu – Θαυάτϑ, Ἀπασῶν und Μωυμῖς des Berosus) geboren. Jedoch werden diese mystischen Gottheiten im öffentlichen Kultus nicht verehrt, sondern an ihre Stelle tritt zuerst die oberste Trias der männlichen Gottheiten, welcher eine gewisse Ähnlichkeit mit der christlichen Dreieinigkeit nicht abzusprechen ist. Die erste Person dieser Trias ist Anu (Himmel), der Erstgeborene, der Uralte, der Älteste der Götter, der Vater der Götter, der Gebieter der Finsternis. Er ist der Herr des Himmels und des Weltalls, schon ehe er dem Chaos eine feste Gestalt gegeben hatte, und zugleich der Gott der Welt und Zeit. Auf ihn folgt Ea, die das All durchdringende, belebende, lenkende und befruchtende göttliche Weisheit, der über dem Meer schwebende Geist. Die dritte Person dieser Trias ist Bel (akkad. Mul-ge), der Gebieter und die Personifikation der geordneten Schöpfung, der Bildner des Sternenhimmels und Lenker der geordneten Bewegung der Himmelskörper.
Diese drei Personen der obersten göttlichen Trias sind in ihrem Wesen gleich und gleich mächtig, ohne jedoch auf gleicher Stufe der Emanation zu stehen; Anu ist stets der Vater des Ea, aber bald der Vater und bald der Bruder des Bel.
Dieser obersten männlichen Trias steht eine weibliche gegenüber, Anat (akkad. Anu), Belit (akkad. Ningelal) und Davkina, welche man sich als der weibliche Ausdruck und Form der männlichen Trias dachte. Diese Gottheiten sind androgyner Natur, und dieser uralten Anschauung entstammen die von den Orphikern und Neuplatonikern gelehrten hierhergehörigen Mythen der klassischen Völker.
Der Begriff der Androgynie war bei den Chaldäern auch auf die Planetengötter übertragen, wie es denn von der Venus (Dilbat) heißt:
„Der weibliche Stern ist der Venusstern; er ist weiblich bei Sonnenaufgang;
Der männliche Stern ist der Venusstern; er ist männlich bei Sonnenuntergang.“
Wie lange sich diese Anschauungen erhielten, möge man daraus ersehen, daß in der Astrologie bis auf die neueste Zeit Mercur als Hermaphrodit gilt, welcher – am Morgenhimmel sichtbar – weiblich und am Abendhimmel männlich ist.