Soweit geht die Lehre auf vollste Lebensbejahung, auf einen genußreichen Optimismus.

Aber dem Herbste folgt der Winter, dem Leben der Tod. Und so hat das Erntefest auch seine Kehrseite. Hier nun setzt der Mythus vom Raub der Persephone ein, und damit zugleich der tiefere „occultistische“ Kern der Geheimlehre. Die Vegetation der Erde verfällt dem Tode; allein gleichzeitig ist die Hoffnung auf ihre Wiederkehr im Kreislauf des Jahres, die Hoffnung auf das neue Erwachen im Frühling begründet. Die Saat wird in die Erde gesenkt, aber nur um aus scheinbarer Verwesung aufs Neue zu erblühen. So entnimmt der Mensch für sich selber aus der Natur die Hoffnung der eigenen Unsterblichkeit, der Wiederkehr zum Leben. Aus dem einfachen Erntefeste wird so eine Feier der Unsterblichkeit. In welcher Weise man sich diese Unsterblichkeit denken wollte, das wurde in der klassischen Zeit dem einzelnen überlassen. Vgl. Preller, Demeter und Persephone, S. 233. Man zog nach dem uralten Symbol des Saatkorns auch andere Natur-Analogien z. B. die der Raupe, aus deren Puppe der Schmetterling des nächsten Jahres entsteht, herbei, und nachweislich ist ja die reizende Sage von Eros und Psyche ebenfalls ein Zubehör des eleusinischen Dichtungskreises.

Später nahm man zumeist das irdische Dasein selber für das niedere, aus dem der Tod für die Eingeweihten wenigstens den Aufgang zu einem besseren himmlischen Dasein eröffnet. „Was der Mythus Unterwelt nennt“, schreibt W. Menzel a. a. O. S. 29, „ist unsere sichtbare mit Menschen und anderen Geschöpfen erfüllte Oberwelt und als untere nur deshalb bezeichnet, weil die himmlische Welt über ihr liegt. Das in die Erde begrabene Saatkorn, welches wieder zum Licht emporgrünt, ist nur ein Sinnbild der aus dem Himmel ins irdische Dasein gefallenen, aber wieder zu ihm zurückkehrenden Seele.“ Persephone wird damit eine Personifikation der Menschheit, die vom Himmel herabsank. „Demeter wird die himmlische Mutter, welche über ihre in unsere irdische Natur verbannten Kinder wacht, ganz wie die deutsche Göttin Bertha über ihre Heimchen.“

Wie sich der dionysische Geheimdienst (durch Jakchos) allmählich mit der eleusinischen, ursprünglich rein cerealischen Feier verquickt, so wird auch Ceres, Demeter eine Gottheit mit doppeltem Charakter, wie Dionys, eine Gottheit der Erniedrigung und Erhöhung. Es giebt einen Aufgang und Niedergang der Geister, und über diesem waltet die Allmutter, Demeter und die Königin der Geister, die Manenkönigin Persephone. Ob man sich nach dem Tode wieder zu weiterem Niedergang oder zum Aufgang wendet, das hängt von der Erkenntnis ab, vom Wiedererinnern des göttlichen Ursprungs, aus dem Neugierde zum Fall und Vergessenheit führte (Eros und Psyche). Diese Erkenntnis verschafft die Weihe. „Nur die in den Mysterien Eingeweihten, die durch Reinigungen und Belehrungen sich der Erreichung höherer Erkenntnisstufen würdig gemacht haben, erfreuen sich schon in diesem Leben aller Vorteile der Gesetzlichkeit und Civilisation, und werden die Einzigen sein, denen die Unsterblichkeit und die ewigen Freuden im Himmel zu teil werden“; ihnen allein „strahlt Sonnenglanz und Lichtes Helle.“


Creuzer, Symbolik IV § 21 giebt folgende spekulative Analyse des Inhalts der eleusinischen Lehre auf Grund der Theologumenen des Nicomachus: Die Pythagoräer haben die Zweiheit (Dyas) auch Demetra und Eleusinia genannt. – Darum ist sie die heilige Zahl der Ehe und heißt auch Mutter und Amme (Maria). Nach Plotinos ist die Seele eine Zahl, hervorgetreten und abgefallen aus dem Einen. Warum, fragt er, ist das Eins nicht in sich geblieben, und warum das Viele daraus hervorgeflossen? – Die Weltseele ist schon ein Abfall aus der Einheit, die Menschenseele wird gar, durch eine Trunkenheit schwindelnd gemacht, herabgezogen in den Leib, Ceres (Demeter) aber ist die Erdseele, und heißt bestimmt Dyas. Die Dyas ist die Mutter der Zahl und heißt weiblich, und als solche alma mater, Nährmutter. Insofern aber das weibliche Prinzip nicht außer, sondern noch in der Einheit ist, ist es die Kraft in Zeus (ἀρετή); es ist Hecate (Kore), die das Jungfräuliche nicht lassen will, Artemis die reine Jungfrau, Minerva in Jupiters Haupt. Das sind die drei Jungfrauen der alten Mysterien. Aber wenn Kore sich mit Zeus und Pluto begattet, so heißt das nach Eleusinischer Lehre: Die Kore ist Lebensquell im Weltall. Sie webt; ihr Gewebe ist die Schöpfung beseelter Wesen. Aber Minerva ist auch ganz in ihr. Minerva ist in ihr φιλόσοφος φιλοπόλεμος, Krieg- und Weisheit liebende, und sie in der Minerva. Kore ist aber auch die Kraft, die von der Demeter nach unten wirkt, die zeugende Seele; als Jungfräuliche aber in der Höhe die Zurückführerin der Seelen nach oben. Nun werden wir wohl von selbst die verschiedenen Namen der Dyas bei den Pythagoräern (offenbar Orphische Lehre und zugleich Lehre der Eleusinien) verstehen, welche nichts als mythische Ausdrücke für theologische sind: ἡ μυϑοπλαστία ϑεολογεῖ, sagt Nicomachus.

Diese Namengebung ist aber nicht blindlings ersonnen, sondern sie hat sich an Tradition und alte Lehre gehalten. Wir wissen jetzt den Grund, warum die Dyas Demeter hieß und Eleusinia. Das war die Weltmutter, die einst den bunten Becher der geteilten Natur ausgeleert hatte; Isis, die ihrem Sohne Horus den Naturbecher reicht. Es war die Erdseele, die Materie, die Weberin materieller Leiber; die Nährmutter, die das Samenkorn und mit ihm geteilten Besitz und Hader und Tod gebracht. Die Toten sind Demetrier. Die obere Kore führt sie wieder aus dem Vielen durch das Zwei in das Eine zurück. Das Widerstreben des sich in der bunten Welt gestaltenden Menschengeistes stellt die Eleusinische Lehre in Bildern dar. Es bedarf Kämpfe und Reinigungen: Das ist der Kampf und Krieg von Eleusis, und darum nannte, von der Haderstadt Eleusis, der Pythagoräer die Zweiheit und Zwietracht Demeter und Eleusine.

[2. Die Thesmophorien.]

Zu den cerealischen Mysterien gehörten auch die Thesmophorien. Die Feier derselben verdient sowohl ihres eigentümlichen Charakters wegen, der sie vor den Eleusinien auszeichnet, – es handelt sich nämlich um ein ausschließlich von Frauen begangenes Fest –, als auch deshalb noch besonders dargestellt zu werden, weil in ihr eine von den bloß agrarischen und auf das Jenseits bezüglichen Symbolen sehr verschiedene, sozusagen soziale Beziehung des Demeterkultus zu Tage tritt. Sie bietet interessante kulturgeschichtliche Momente. Der Beiname Thesmophoros, d. h. Gesetzgeberin[602], kennzeichnet die Demeter als Stifterin des Gesetzes. Θεσμοί, Satzungen, heißen die ältesten Gesetze, z. B. die des Draco. In den Thesmophorien wird der Ackerbau als das fruchtbarste Prinzip der Humanität, als Anfang allseitiger Veredelung, als Grenze zwischen dem unstäten Nomadenleben und zwischen dem auf feste Wohnsitze gegründeten geordneten Familien- und Staatsleben gefeiert. Die Gedanken, welchen Schiller in seiner Ballade: „Das Eleusische Fest“ eine so klassische poetische Einkleidung gegeben hat, bilden eigentlich weniger den Hintergrund der eigentlichen Eleusinien, als vielmehr der Thesmophorien.