Er läßt dann jenes Seelenwesen, wenn die Parze den Lebensfaden abschneidet, sich vom Leibe lösend Göttliches und Menschliches mit sich hinwegnehmen:

Seco ne porta e l'umano el il divino,

und hebt hervor, daß alsdann Gedächtnis, Intellekt und Willen sich steigern, während nur die niederen animalischen Kräfte ersterben. So kommt er sogar zur Annahme eines Astralleibes,

Und ähnlich, wie die Flamme stets dem Feuer,
Wie sehr dies auch den Ort vertausche, nachfolgt,
So folgt dem Geiste seine neue Form;
Und weil er nur durch sie Erscheinung hat,
Wird Schatten sie genannt.
(Purgat. XXV. 97–101.)

Den Alten war zwar diese Vorstellung bis auf den Vergleich mit dem Weine die normale, vor allem, wie wir sehen, in den Mysterien vorausgesetzte, wie denn auch der in die eleusinischen Mysterien eingeweihte Pindar[626] singt:

Jedweder Leib verfällt des Todes
Übermacht; doch lebend übrig bleibt
Des Erdenlebens Geistesbild[627], denn das nur ist von den Göttern.
Es schläft, wenn die Glieder sich mühen,
Aber den Schlafenden zeigt's in vielen Träumen
Der Freud' und des Leides nahes Verhängnis.

Aristoteles teilte diese Anschauung nicht, wie denn auch seine Schrift „über den Schlaf“ eine durchaus rationalistische Theorie der Träume entwickelt. Der Schlaf, sagt er, ist Gebundenheit, das Wachen freie Wirksamkeit des Wahrnehmungsvermögens; beide Wechselzustände kommen daher nur bei den Wesen vor, welche der Sinneswahrnehmung fähig sind, bei ihnen aber auch ganz allgemein; denn das Wahrnehmungsvermögen kann unmöglich immer wirksam sein, ohne daß sich seine Kraft zeitweise erschöpfte. Der Zweck des Schlafes ist die Erhaltung des Lebens, die Erholung, welche ihrerseits wieder dem höheren Zwecke der wachen Thätigkeit dient. Seine natürliche Ursache liegt in dem Ernährungsprozeß. Die Lebenswärme treibt die aus der Nahrung sich entwickelnden Dämpfe nach oben; indem sie sich hier ansammeln, beschweren sie den Kopf und erzeugen zunächst die Schläfrigkeit; am Gehirn sich abkühlend, sinken sie dann wieder nach unten und bewirken eine Erkältung des Herzens, in deren Folge die Thätigkeit dieses allgemeinsten Empfindungsorgans ins Stocken gerät. Dieser Zustand dauert so lange, bis die Nahrung verdaut, und das reinere für die oberen Teile des Körpers bestimmte Blut von dem dickeren, nach unten zu führenden, ausgeschieden ist. Aus den inneren Bewegungen der Sinneswerkzeuge, welche nach dem Aufhören der äußeren Eindrücke fortdauern, entstehen die Träume: im wachen Zustand verschwinden diese Bewegungen hinter den Sinnes- und Denkthätigkeiten, im Schlaf dagegen, und besonders gegen das Ende desselben, nachdem die anfängliche Unruhe im Blut sich gelegt hat, treten sie deutlicher hervor. Es kann daher geschehen, daß eine innere Bewegung im Körper, welche man wachend nicht wahrnimmt, sich im Traum ankündigt, oder daß der Traum umgekehrt durch die Bilder, welche er der Seele vorführt, zu einer späteren Handlung den Anstoß giebt; es ist auch möglich, daß während des Schlafs sinnliche Eindrücke an uns gelangen, die bei Tage, in der bewegteren Luft, unsere Sinne nicht getroffen hätten oder von uns nicht bemerkt worden wären; und insofern lassen sich gewisse weissagende Träume auf natürlichem Weg erklären; was aber darüber hinausgeht, ist für ein zufälliges Zusammentreffen zu halten, wie denn auch deshalb viele Träume nicht eintreffen.

Allerdings hat Aristoteles nach Arist. Divin c. 2. sogar eine Schrift „über weissagende Träume“, περὶ τῆς καϑ'ὕπνον μαντικῆς, verfaßt, der zufolge das Ahnungsvermögen, das sich in weissagenden Träumen und enthusiastischen Zuständen offenbart, nur eine unklare Äußerung jener Kraft sein sollte, die als thätiger Verstand das Band zwischen dem menschlichen und dem göttlichen Geist bilde (vergl. Cicero, Divin. I. 38, 81.); auch hat uns Sextus Empiricus (vergl. Math. IX. 20) ein Fragment aus seinem Dialog Eudemos aufbewahrt, in dem es heißt, im Schlafe gelange erst die Seele zum rechten Beisichsein (καϑ' ἑαυτῆν γίνεται) und werde ihrer eigenen Natur teilhaftig (τὴν ἴδιον φύσιν ἀπολαμβάνει); daher könne sie alsdann weissagen und das Zukünftige vorherverkünden. In einen solchen Zustand trete sie noch vollkommener ein, wenn sie im Tode sich ganz vom Körper trenne. Sie kehre alsdann gleichsam in ihre Heimat zurück.

Der klaffende Widerspruch dieser letzteren Sätze mit den vorstehenden liegt auf der Hand und bildet ein weiteres Rätsel für die Aristoteliker.

Zeller, Philosophie der Griechen S. 552, u. f. meint nun, die letzteren Äußerungen könnten nicht als der Ausdruck der wissenschaftlichen Überzeugung des Aristoteles betrachtet werden, vielmehr spreche er in denselben wohl nur eine Meinung aus, die, wie er glaubte, zur Entstehung des Götterglaubens Veranlassung gegeben habe. „Sollte er aber auch dieser Meinung zur Zeit der Abfassung jenes Gesprächs einen ernstlichen Wert beigelegt haben, so wäre dies nur einer von den vielen Beweisen für die Gewalt, welche die platonischen Anschauungen damals auf ihn ausübten.“