Für mich und vermutlich für die meisten Leser kann es wenig Interesse haben, welche Ansicht er über diesen Gegenstand zuerst oder zuletzt, scheinbar oder wirklich gehegt hat. Möglicherweise war die eine esoterisch, die andere exoterisch gemeint; sein Verhalten erinnert in der That etwas an das berüchtigte System der „doppelten Buchführung in philosophischen Fragen“, das auch in unserem Jahrhundert empfohlen worden ist.

Möglich ist es ja aber auch, daß ihm dasselbe, was auch heutzutage noch vielen ehrlichen Forschern, passiert ist, zu verschiedenen Zeiten verschieden, bald skeptisch, bald gläubig über diese occultistischen Thatsachen zu denken, deren allgemeingültige wissenschaftliche Konstatierung leider immer noch unmöglich erscheint.

[Siebentes Buch.]
Der Occultismus der alten Römer.

[Erstes Kapitel.]
Einfluß der Etrusker auf die römische Religion.

Während sich unsere Darstellung der occultistischen Lehren der Griechen geradezu als ein, wenn auch einseitig aufgefaßter, Abriß der Geschichte der alten Philosophie geben konnte und mußte, wird die Form der occultistischen Anschauungen wieder eine völlig andere, indem wir den italischen Boden betreten. Wenn man nicht etwa die Jurisprudenz mit den Römern, die dies beanspruchten, als einen praktischen Zweig der Philosophie gelten lassen will, so haben die Römer in der Philosophie, wie auf wissenschaftlichem Gebiete überhaupt nichts Ursprüngliches aufzuweisen. Sämtliche lateinische Philosophen, von Cicero bis auf Boëthius, sind entweder als bloße Eklektiker oder bestenfalls als Schüler der einen oder anderen griechischen Philosophenschule zu bezeichnen.

Anders verhält es sich mit der Religion der Römer. Diese zeigt einen entschieden selbständigen, streng national gefärbten Typus, der allerdings seit der Berührung mit dem Hellenismus, etwa seit dem zweiten punischen Kriege, durch künstliche Assimilation mit der griechischen Mythologie etwas verwischt wurde. Dennoch ist diese, hauptsächlich von den Dichtern durch oft willkürliche Namensvertauschungen und Gleichstellungen ursprünglich verschiedener Götterbegriffe versuchte Verähnlichung nie dahin gelangt, die ursprüngliche Selbständigkeit der römischen Religion, die sich durch eine Art juristischer Systematik auszeichnet, verkennen zu lassen. Vor allem blieb stets bis in die letzten Zeiten hinein ein Unterschied des rituellen Kultus im eigentlich römischen Gottesdienste sichtbar. Andrerseits hat freilich kein Staat in toleranterem Maße fremden Gottesdiensten Aufnahme gewährt und durch solche seine eigene National-Religion geradezu überwuchern lassen, als der römische seit dem Beginn seiner Weltherrschaft.

In der Urzeit des römischen Volkes scheint aber der einzige Einfluß, den die Römer in Sachen der Religion und überhaupt der übersinnlichen Angelegenheiten von Außen zugelassen haben, auf das rätselhafte Volk der Etrusker sich zu beschränken. Doch darf auch dieser Einfluß nicht überschätzt werden. Die Nachricht des Livius IX, 36, daß in der ältesten Zeit römische Jünglinge in der etruskischen Sprache und Litteratur, sowie später in der griechischen unterrichtet seien, steht vereinzelt da; jene Unterweisung in der Sprache des Nachbarvolks beschränkte sich wohl nur auf eine geringe Anzahl der vornehmsten, zum Priesterstande berufenen Jünglinge (vergl. Cicero über die Weissagung), zu dem einzigen Zwecke, die nachweisbar allerdings von den Etruskern übernommenen Künste der Opferschau, für deren Ausübung man sich in Rom anfangs mit gedungenen Etruskern behalf, ferner die Theorie der Blitze, worüber später [mehr], zu erlernen.

Gleichwohl fordert das Volk der Etrusker, oder wie sie selber sich nannten, Rasen, schon um der bestimmten Zweige des praktischen Occultismus willen, die von den Römern übernommen wurden, unsere Aufmerksamkeit heraus. Es ist bislang ebensowenig gelungen, ihre Sprache zu entziffern, als ihre ethnologische Verwandtschaft festzustellen. Die etruskische Inschrift eines in Caere ausgegrabenen Thongefäßes lautet: