Während Jupiter Herr der Genien ist, ist Saturn Herr der übrigen guten Geister. Im übrigen steht die gesamte Unterwelt unter dem Szepter des Orcus, der auch Dis, Jupiter Stygius heißt, identisch mit dem Pluton der Griechen. Dessen Gattin, von den späteren Dichtern mit Proserpina identifiziert und gewöhnlich auch so genannt, hieß mit ihrem altlateinischen Namen Libitina, Lubentia oder Lubia. Ihr Tempel diente zur Aufbewahrung aller zu Leichenbegängnissen erforderlichen Gerätschaften; ihre Priester, die libitinarii fungierten als Leichenführer, führten auch das Totenregister. Sonderbarerweise wird diese Libitina vielfach mit der Lustgöttin Venus identifiziert, so daß man von einer Venus Libitina liest, was an die gleichzeitige Beziehung der griechischen Demeter zum Tode und zur Zeugung erinnert.
[Viertes Kapitel.]
Der Glaube an Magie und symbolische Handlungen.
Noch heutzutage muß dem Nordländer, der Italien zum ersten Male bereist, die große Verbreitung des Glaubens an schwarze Magie, insbesondere den bösen Blick (mal occhio), ferner an die Bedeutsamkeit gewisser Tage, Stunden, Zahlen u. s. w., und an bedeutsame symbolische Handlungen auffallen. Es ist ein Erbteil der alten Latiner und Etrusker. Nirgends werden, selbst von Angehörigen der sog. gebildeten Stände, besonders freilich von Frauen mehr Amulette gegen Zauber, Behexung u. s. w. getragen, als in Italien. Man kann sich denken, wie viel verbreiteter dieser, durch das Christentum einigermaßen gedämpfte Aberglauben in der heidnischen Zeit gewesen ist. Hatte doch selbst der allgemeine Brauch der Bulla bei den römischen Jünglingen nur in diesem Glauben seinen Grund. Die Bulla war eine hohle, runde, inwendig mit magischen Präservativmitteln gegen Behexung und Neid gefüllte goldene Kugel. Eine solche trugen auch die Triumphatoren, die ja ganz besonders dem Neid und bösen Blick ausgesetzt zu sein besorgen mußten.
Beim Anfange eines jeden wichtigeren Geschäftes achtete man auf alle nur erdenklichen Zeichen (omina), die man teils für günstig, teils für ungünstig hielt. Da ein ungünstiges Zeichen, das von dem Handelnden nicht beobachtet wurde, auch keine Bedeutung für ihn hatte, so pflegte der Römer beim Opfer sich das Gesicht zu verhüllen, um kein Zeichen wahrzunehmen und beim Aussprechen feierlicher Gebete, Eidesformeln u. s. w. einen Flötenbläser spielen zu lassen, um auch die Ohren zu sichern.
So gingen dem Opferkönig und den Priestern Herolde (praeclamitatores) vorauf, welche mit dem Rufe: hoc age! „Habt Acht!“ die Leute, bis der Priester vorüber wäre, von der Arbeit abzulassen mahnten; denn abgesehen davon, daß die Arbeit an sich nicht zur Feier paßte, war die Einstellung derselben nötig, weil bei vielen Beschäftigungen, z. B. beim Schlagen, Hämmern und Sägen Mißtöne erzeugt werden konnten, die unheilkündend waren und ein Fest entheiligten, ebenso wie Klage und Wehrufe, Hader, Zank, Scheltworte und Flüche. Darum ertönte auch vor jedem Opfer der Ruf des Herolds: „Habet Acht auf Gedanken und Worte!“
Doch war glücklicher Weise die Zahl glückverheißender Omina nicht geringer, als die der ungünstigen; und das Beste war, daß nach römischer Auffassung die Geistesgegenwart des Beobachtenden es durchaus in ihrer Gewalt hatte, ein Zeichen anzunehmen (accipio omen) oder zurückzuweisen (ad me non pertinet). So war z. B. das Niesen ein göttliches Zeichen. Der Römer pflegte es sofort mit einem accipio omen aufzunehmen. Ich bin überzeugt, daß die Römer, hätten sie den Schnupftaback schon gekannt, reichlich von ihm bei wichtigen Angelegenheiten, im Senat oder in der Volksversammlung, selbst bei Opfern und religiösen Handlungen Gebrauch gemacht haben würden. Gewiß würde jeder Senator seine Schnupftabacksdose bei sich geführt haben. Auch konnte man der sich zunächst aufdrängenden ungünstigen Bedeutung eine passende günstige substituieren, die Kraft des bösen Zeichens brechen und seine anscheinende Drohung in eine Verheißung verwandeln. Durch solche Geistesgegenwart haben große Männer sich nicht selten zu Herren der Situation gemacht, indem sie es verstanden, den schlechten Eindruck, den irgend ein anscheinend ungünstiges Omen auf ihre Umgebung machte, in sein Gegenteil umzukehren. Bekannt ist z. B., daß Cäsar, als er an der afrikanischen Küste aus dem Schiff springend zu Boden stürzte, die Worte sprach: „Ich fasse Dich, Afrika!“ Der Legat Marcellus rief, als beim Beginn einer von ihm geleiteten Attacke gegen Viridomarus sein Pferd, vom Waffenblitz geblendet und vom Getöse scheu geworden auf die Seite sprang, frohlockend aus: sein Pferd habe gegen die Sonne zu die Schwenkung des Betens gemacht.
Durch Schlauheit und Betrug konnte man sich sogar ein Zeichen aneignen, das einem Anderen zu teil geworden war. Ein Beispiel der Art erzählt Livius I, 45 und Plinius (siehe [folgende Seite]!).