Kein Römer hat diesen Aberglauben witziger verspottet, als Cicero in seiner Schrift über die Weissagung.
„O, unglaublicher Unsinn!“ ruft er aus, „Wie kannst Du, wenn du darauf achtest, freien Mutes sein, um zu einer Unternehmung nicht den Aberglauben, sondern die Vernunft zum Führer zu haben? – Sollen wir bei unseren Handlungen auf das Anstoßen des Fußes, auf das Zerreißen eines Fußriemens und auf das Niesen Acht geben?“ – Wie tief dieser Aberglaube gleichwohl auch in den gebildeten Römern der späteren Zeit wurzelte, beweist nichts mehr als die folgende Ausführung des Naturforschers Plinius, desselben, der den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele mehrfach verspottet, der aber in seiner Naturgeschichte (H. N. XXVIII, 3) über die Kraft symbolischer Sprüche und Handlungen folgendes bemerkt:
„Es ist eine große und noch immer unentschiedene Frage, ob Worte und Zaubersprüche eine Wirkung haben. Zwar die persönliche Überzeugung aller Vernünftigen verwirft sie, allein im Allgemeinen beharrt die Praxis jeder Zeit fest auf dem Glauben, ohne sich daran zu kehren. Hält man doch die Schlachtung der Opfer, sowie auch die Befragung der Götter ohne Gebet für ungültig. Man hat obendrein besondere Formeln für Erforschungsopfer, besondere für Abwendungsopfer, besondere für Erflehungsopfer, und wir sahen, wie die höchsten Obrigkeiten bestimmte Gebete sprachen, so daß einer die Worte aus dem Buch vorsagte, damit nichts ausgelassen oder verstellt würde, ein zweiter als Hüter aufgestellt war, welcher aufmerkte, ein dritter den Anwesenden gebieten mußte, daß sie auf ihre Worte Acht geben sollten: zugleich spielte der Pfeifer, damit man ja keinen unrechten Laut vernehmen möchte; und man weiß von beiderlei Fällen merkwürdige Beispiele, daß nämlich, so oft ein widerwärtiger Laut störend dazwischentönte oder der Betende irr wurde, plötzlich von den Eingeweiden der Kopf (der Leber) oder das Herz verschwand, oder sich verdoppelte in der Zeit, wo das Opfertier dastand. Erhalten ist als ein ungeheures Beispiel, der Spruch der Decier, des Vaters und des Sohnes, mit dem sie sich weihten; vorhanden ist das Gebet der der Unzucht beschuldigten Vestalin Tuccia, mittelst dessen sie im Jahr der Stadt 609 (140 vor Chr.) Wasser im Sieb trug; ja selbst unsere Zeit hat es noch erlebt, daß auf dem Rindermarkt ein Grieche und eine Griechin, oder Mitglieder anderer Nationen, mit denen man damals zu thun hatte, lebendig eingegraben wurden, und wer die Gebetsformel solcher Opfer liest, welche der Vorsteher des Kollegiums der fünfzehn dabei vorzusprechen pflegt, der wird wahrlich die Wirksamkeit der Sprüche, die durch eine achthundertunddreißig-jährige Erfahrung bestätigt ist, nicht leugnen mögen. Wir glauben noch heutzutage, daß unsere Vestalinnen entlaufene Sklaven, wenn sie die Stadt noch nicht verlassen haben, durch Gebete zu bannen vermögen: und giebt man nur einmal dem Grundsatze Raum, daß die Götter Gebete erhören und sich durch sie bewegen lassen, so kann man dasselbe nicht mehr in Abrede stellen. Rücksichtlich dieser ganzen Streitfrage haben unsere Vorfahren stets nur diese Überzeugung gehegt, und sogar das Schwerste nicht für unmöglich gehalten, nämlich Blitze zu entlocken, wie seines Orts von uns gezeigt worden ist. Lucius Piso meldet im ersten Buch seiner Annalen, der König Tullus Hostilius habe nach Numa's Vorschrift den Jupiter durch dieselben Ceremonien, wie dieser vom Himmel herabzuziehen versucht: weil er aber im Ritus etwas versah, so sei er vom Blitze erschlagen worden; viele andere melden, daß durch Worte das Schicksal mächtiger Staaten und die Bedeutung der sie betreffenden Anzeichen verändert zu werden vermögen. Als man z. B. den Grund zum Tarpeischen Tempel grabend, einen Menschenkopf gefunden hatte, so versuchte der berühmte Etrurische Seher Olenus Calenus, an den man darum Gesandte geschickt hatte, dieses vortreffliche und glückliche Anzeichen durch die zweideutige Einrichtung seiner Fragen auf sein Volk hinüberzuspielen. Er beschrieb nämlich erst den Umriß des Tempels vor sich im Sande, und sprach dann: ‚Also hier, sagt ihr, Römer, hier soll der Tempel des besten und höchsten Jupiters stehen? Hier hat man den Kopf gefunden‘: und die Annalen behaupten einstimmig, daß das Anzeichen auf Etrurien übergegangen wäre, hätten nicht die römischen Gesandten, durch des Sehers einen Sohn im Voraus gewarnt, geantwortet: ‚Nicht eben hier, sondern zu Rom, sagen wir, ist der Kopf gefunden worden.‘ Dasselbe geschah noch ein anderes Mal, als das thönerne Viergespann, welches für das Giebelfeld desselben Heiligtums bestimmt war, im Ofen so anschwoll, und auch damals wurde das Anzeichen auf gleiche Weise für Rom gerettet. Dies möge genug sein, um durch Beispiele darzuthun, daß die Bedeutung der Anzeichen erstlich in unserer Gewalt ist, und zweitens nur in der Art stattfindet, als man sie angenommen hat. Denn in der Disciplin der Auguren wenigstens gilt es für ausgemacht, daß weder ein widerwärtiges noch auch irgend ein anderes Anzeichen Wirkung für den habe, welcher bei dem Beginn irgend eines Geschäftes sagt, daß er es nicht bemerkt habe: und dies ist eine der größten Wohlthaten der göttlichen Gnade. Stehen nicht ferner schon in den zwölf Tafelgesetzen die Worte: wer Früchte behext, und wieder an einer anderen Stelle: wer einen bösen Zauberspruch spricht? Verrius Flaccus führt glaubwürdige Gewährsmänner dafür an, daß man bei der Bestürmung von Städten vor allem die Schutzgottheiten durch die römischen Priester herauszubeschwören pflegte, und ihnen einen gleichen oder noch ansehnlicheren Dienst als zu Rom versprach. Und diese Ceremonie ist in der Disciplin der Auguren noch erhalten, auch ist bekannt, daß eben darum die Schutzgottheit Roms verheimlicht wurde, damit von den Feinden nicht ein gleiches vorgenommen werden möchte. Der Furcht, durch Verwünschungen behext werden zu können, entschlägt sich niemand: Beweis dafür ist, daß jedermann die Schalen der Eier und Austern, die er ausgeschlürft hat, sogleich zerbricht oder mit dem Löffel durchstößt. Darum haben Theocrit im Griechischen, Catull und zuletzt Vergil im Lateinischen Nachahmungen von Liebeszauberliedern gegeben. Viele glauben, daß man auf diese Weise Töpferwaren bersten machen kann, etliche sogar, daß die Schlangen ihrerseits einen Gegenzauber anzuwenden verstünden, welches die einzige Verstandesäußerung dieser Tiere sei, und daß sich dieselben bei dem Liede der Marsen zusammenziehen, selbst während der Nachtruhe. Auch Wände werden durch Besprechung des Feuers demselben zur Grenze gesetzt. Dabei ist es schwer zu sagen, ob die schwerauszusprechenden fremden Wörter oder die seltsamen lateinischen dem Glauben mehr Eintrag thun, die der Geschmack nicht umhin kann lächerlich zu finden, während man etwas Großartiges erwartet, das da würdig wäre, einen Gott zu rühren, ja zu nötigen. Homer erzählt, wie Odysseus das rinnende Blut an einer Schenkelwunde durch einen Spruch gestillt habe; Theophrast lehrt, daß sich das Hüftweh damit heilen lasse; Cato hat einen Spruch hinterlassen, der gegen Verrenkung helfen soll, Marcus Varro einen gegen das Podagra; der Diktator Cäsar soll, nachdem er einmal mit dem Wagen gefährlich umgeworfen worden war, jedesmal nach dem Einsteigen durch dreimaliges Hersagen eines Spruches Gefahrlosigkeit seiner Reise eingeleitet haben, was jetzt bekanntlich von den meisten geschieht. Wir wollen diesen Punkt noch durch Berufung auf das persönliche Bewußtsein eines jeden zu erweisen suchen. Warum weihen wir nämlich den ersten Tag des Jahres durch gegenseitige Glückwünschungen ein? warum wählen wir bei öffentlichen Sühnopfern sogar zu Führern der Schlachtopfer nur solche, welche glückbedeutende Namen tragen? warum begegnet man zum Teil den Behexungen durch einen ganz eigentümlichen Gottesdienst, indem man die griechische Nemesis anruft, deren Bildnis zu dem Behuf in Rom auf dem Kapitolium aufgestellt ist, ohngeachtet der Name nicht einmal lateinisch ist? warum beteuert man, wenn man von Verstorbenen spricht, daß man ihr Andenken nicht verunglimpfen wolle? warum glaubt man, daß die ungeraden Zahlen zu allen Dingen wirksamer seien, und erkennt dies beim Fieber in dem Einhalten der Tage? warum sprechen wir bei den Erstlingen des Obstes: dies sei altes, wir möchten neues? warum wünschen wir beim Niesen Wohlsein? was auch Cäsar Tiberius, der doch bekanntlich ein sehr unfreundlicher Mann war, im Wagen beobachtet wissen wollte; und manche halten es für besser, wenn man beim Grüßen den Namen dazu sage. Es wird angenommen, daß sogar die Abwesenden es durch das Klingen der Ohren spüren, wenn von ihnen gesprochen wird. Attalus behauptet, wenn man beim Erblicken eines Skorpions die Zahl zwei spreche, so sei er gebannt und könne nicht stechen. – –
Es ist ferner offenbar, daß auch viele ceremoniöse Handlungen von Wirksamkeit sind. Einer besänftigt die Herzensangst, indem er Speichel hinter das Ohr streicht: das Sprichwort heißt uns, wenn wir jemand wohlwollen, den Daumen drücken: beim Beten legen wir die Rechte an den Mund und drehen uns mit dem ganzen Körper herum: das Wetterleuchten durch den Ton zu verehren, welcher durch das Einziehen der Luft bei zusammengedrückten Lippen entsteht, ist übereinstimmende Sitte der Völker. Wenn beim Essen eine Feuersbrunst genannt wird, so gießt man, um die Vorbedeutung abzuwenden, Wasser unter den Tisch: den Boden zu kehren, während ein Gast auf dem Heimwege begriffen ist, den Tisch oder das Gestell wegzutragen, während er trinkt, wird für eine sehr schlimme Vorbedeutung gehalten. Es ist von einem sehr vornehmen Manne, Servius Sulpicius, eine Abhandlung darüber vorhanden, warum man den Tisch nicht stehen lassen soll: denn noch zählte man nicht mehr Tische als Gäste. Sodann gilt es für ein widerwärtiges Anzeichen, ein Gerücht oder den Tisch durch Niesen zurückzurufen, im Fall man nachher nicht noch etwas kostet, oder überhaupt gar nichts ißt. Diese Gebräuche schreiben sich aus einer Zeit her, welche die Götter bei jedem Geschäft und zu jeder Stunde gegenwärtig glaubte, und deren Verdienst sie auch unserem verderbten Geschlechte noch gnädig erhält. Wenn die Tafel plötzlich schwieg, so fiel dies nicht auf, außer bei gleicher Zahl der Gäste, und der Schaden ging an dem Rufe dessen aus, der daran schuld war: eine aus der Hand gefallene Speise wurde jedenfalls wieder über die Tafel gereicht, und man durfte nicht, um sie zu reinigen, daran blasen; ja es sind eigens dafür Augurien eingerichtet, bei welchen Worten oder Gedanken einem dies begegnet ist. Zu dem Verwünschtesten gehört es z. B., wenn es einem Pontifex beim Festmahle des Dis widerfährt. Etwa das Gefallene wieder auf den Tisch zu legen oder den Lar zu verbrennen, fordert Sühne. – – Ein ländliches Gesetz verbietet auf den meisten italienischen Landgütern, daß die Weiber, wenn sie über die Straße gehen, die Spindel nicht drehen und überhaupt nicht aufgedeckt tragen sollen, weil dies den allgemeinen Erwartungen, besonders von den Feldfrüchten, zuwider ist. Der Konsul M. Servilius Nonianus pflegte vor nicht langer Zeit, wenn er eine Augenkrankheit besorgte, ehe er noch davon sprach oder jemand anderes sie ihm ankündigte, die zwei griechischen Buchstaben Π und Α auf ein Papier zu schreiben, und dieses, mit einem Faden umwickelt, um den Hals zu hängen; der dreimalige Konsul Mucianus nahm das nämliche mit einer lebendigen Mücke in einem weißen Stückchen Leinwand vor, und sie rühmten beide, daß dies sie von der Krankheit bewahre. Man hat Sprüche gegen den Hagel, gegen alle Gattungen von Krankheiten und gegen Brandschäden, deren manche bewährt sind: aber sie mitzuteilen hält uns eine starke Scheu ab wegen der großen Verschiedenheit der Ansichten. Darum halte es mit diesen Dingen ein jeder nach seinem Gutdünken!“
[Fünftes Kapitel.]
Weissagung und Zeichendeuterei. Orakel. Sibyllinische Bücher.
Wie in Griechenland, so sah sich also auch in Rom der Staat selber genötigt, dem allgemeinen Volksglauben an Vorzeichen, Weissagungen und Prophetenkünste Rechnung zu tragen. Während aber in Griechenland vielfach ein unabhängiges Priestertum durch die Orakel einen oft recht bedenklichen Einfluß auf die Politik erlangte, so daß gerade die hervorragendsten Staatsmänner, ich erinnere an Themistokles und Demosthenes nur in offener Opposition gegen den religiösen Glauben der Menge und durch Verdächtigung des Orakels, dem z. B. Demosthenes Bestechlichkeit vorwirft, ihre Zwecke behaupten konnten, hat es die römische Staatskunst verstanden, das gesamte Orakel- und Zeichenwesen schließlich zu einem gefügigen Werkzeug ihrer eigenen Zwecke herabzudrücken. Alle mit der Überwachung desselben betrauten Personen, die Pontifices, die Auguren, die Fetialen und die Bewahrer der sibyllinischen Bücher standen unter ihrer Aufsicht; alle diese Personen hatten großen Einfluß auf das Volk, aber derselbe war bedingt durch eine von der Staatsbehörde an sie gerichtete Aufforderung, in Funktion zu treten; sie antworteten nur, wenn sie gefragt wurden; ihnen selbst fehlte jede Initiative. Der Beamte konnte, wenn er wollte, die Auspicien allein vornehmen oder einen Zeichendeuter zuziehen, der nicht zum Kollegium der Auguren gehörte; eine ohne seine Aufforderung von einem Augur vorgenommene Beobachtung band ihn nicht.
Alles in Allem, die römische Staatskunst hat es verstanden, die Lehre und das „Recht“ der Vorzeichen, – dem Römer gestaltet sich alles zum Recht, – so einzurichten, daß nicht die Menschen den Zeichen, sondern die Zeichen den Menschen untergeben waren.
Diese Bemerkung muß den „Occultismus“ der Römer in den Augen des modernen, gläubigen „Occultisten“ degradieren, in demselben Grade, in dem sie die Staatsklugheit der Römer in den Augen des Politikers erhöht. Allein ich darf ihre Schärfe dadurch abstumpfen, daß ich zugebe, in der älteren Zeit, in der das Staats- und Rechtsprinzip, das wesentlichste Charakteristikum des Römers, das bei ihm schließlich geradezu, wie v. Ihering sagt, an Stelle der Religion trat, noch nicht zum völligen Durchbruch gelangt war, muß selbstverständlich die Sache anders gelegen haben. „Jene Augurenkunst des Romulus“, dies giebt sogar der feine Spötter Cicero zu, „war ländlich, nicht politisch und nicht erdichtet für den Glauben des Pöbels, sondern von Kundigen empfangen und den Nachkommen überliefert.“ Darum bleibt dies ganze Gebiet nicht nur für den eigentlichen „Occultisten“, sondern auch für den Kulturhistoriker und Psychologen interessant. Denn so leicht es auch ist, die Divination überhaupt aus dem naiven Wunsche des Menschen abzuleiten, den Schleier der Zukunft zu lichten und in der Umgebung überall bedeutsame Zeichen der Götter zu wittern, so rätselhaft bleiben doch die besonderen Formen, die einzelnen, oft so bizarren Wege und Methoden, durch welche dieser allgemeine Trieb sich zu befriedigen versucht.