Das eigentliche Orakelwesen, meint Mommsen, röm. Geschichte I, 177, sei nach Latium erst durch die Griechen eingeführt. „Die Sprache der römischen Götter beschränkte sich im Ganzen auf Ja und Nein und höchstens auf die Darlegung ihres Willens durch das – wie es scheint, ursprünglich italische – Werfen der Loose[631]; während seit sehr alter Zeit, wenngleich dennoch wohl erst infolge der aus dem Osten empfangenen Anregung die redseligeren Griechengötter wirkliche Wahlsprüche erteilten.“
Ein solches uraltes Loosorakel, Orakel der Fortuna, befand sich in Präneste, während sich in Antium ein anderes Orakel der Fortuna befand, wo das Bildnis dieser Göttin – o diva, gratum quae regis Antium, singt Horaz, – auf Fragen nickend antwortete.
Doch erscheint es mir zweifelhaft, ob Mommsen mit der Herleitung der übrigen italischen Orakel von den Griechen Recht hat, und zwar deshalb, weil nicht der Gott Apoll, wie bei den Griechen, sondern der zweifellos echt latinische Hirtengott Faunus und seine Gemahlin, die aus diesem Grunde die Beinamen fatuus und fatua[632] trugen, nach römischer Auffassung die vorzugsweise weissagenden Gottheiten waren. Darum fanden sich die Standpunkte der altitalischen Orakel in Wäldern. Eines der ältesten und berühmtesten dieser Orakel war dasjenige zu Tibur, dem heutigen Tivoli. Vergil, Aeneis VII, 85ff. beschreibt die hier übliche Methode der Wahrsagung in folgenden Versen:
„Aber der König erschrak, ob der Schau, und zu Faunus Orakel
Geht er und forscht in den Hainen des schicksalredenden Vaters,
An der Albunea Schlund, die groß vor den Nymphen der Wälder,
Rauscht mit heiligem Quell und dumpf mephitischen Dunst haucht,
Wo der Italer Stämm' und rings die önotrischen Lande,
Wankend in Not, Antworten erspähn. Wenn Gaben der Priester
Dartrug und in der Stille der Nacht auf geopferter Schafe
Ausgebreitete Vließ hinsank und pflegte des Schlummers,
Siehet er schweben umher viel seltsame Wundererscheinung,
Und er vernimmt vielfaches Getön und hält mit den Göttern
Hehres Gespräch und redet zum Acheron tief im Avernus.“
Daß es sich hier um somnambule Zustände handelte, ist unzweifelhaft; der Befragende, wie der Priester, mußte sich vorher des Fleischgenusses und des Beischlafs enthalten, die Finger von Ringen befreit haben und in ein schlichtes Gewand kleiden. Der Priester brachte dann ein Schaf und andere Gaben zum Opfer, der Befragende legte sich, nachdem zuvor sein Haupt dreimal mit reinem Quellwasser besprengt war, auf das Vließ des Schafes zur Nachtzeit in der Nähe des rauschenden Wasserfalls und im Bereich der betäubenden (mephitischen) Bodenausdünstung nieder, um somnambule Träume zu erlangen.
Ein anderes seit der Urzeit berühmtes Orakel war zu Cumae, wo der Gott sich durch eine alte aber jungfräuliche Frau, die Sibylle, offenbarte, welche übrigens ihre Verkündungen der Regel nach nicht, wie die Priesterin in Delfi mündlich, sondern schriftlich überlieferte. Dieses beschreibt ebenfalls Vergil (Aeneis III, 441ff.):
„Wenn hierher du gelangt der kumäischen Stadt dich genähert,
Und dem begeisternden See und dem waldumrauschten Avernus,
Wirst du die Seherin schaun, die rasende, die in der Felskluft
Schicksal singt und dem Laube die redenden Zeichen vertrauet.
Welche Verkündungen nun in das Laub einritzte die Jungfrau,
Ordnet sie alle nach Zahl und läßt sie verschlossen im Felsen.
Jene ruhn unbewegt an dem Ort und behaupten die Ordnung.
Doch wenn heran nur leise bei umgedreheter Angel
Hauchte der Wind, und die Pforte die luftigen Blätter verwirrte,
Nimmer die flatternden dann im gehöhleten Felsen zu haschen,
Noch zu erneuern die Lag' und die Sprüche zu einigen, sorgt sie.
Ratlos fliegen sie weg und hassen das Haus der Sibylle.“
Vorzugsweise auf eine Cumäische Sibylle Amalthea führte man die Orakel zurück, die der römische Senat als „sibyllinische Weissagungen“ aufbewahrte und von Zeit zu Zeit zu konsultieren pflegte. Schon einem der Tarquinier soll einst ein geheimnisvolles Weib genaht sein und ihm neun Bücher Weissagungen zum Ankauf angeboten haben, und als er nicht sogleich auf ihre Forderung einging, erst drei und dann wieder drei jener Bücher verbrannt haben, bis schließlich der König die drei übrig gebliebenen aus ihren Händen nahm, worauf sie auf unerklärliche Weise vor seinen Augen verschwand. – Einzelne der in den sibyllinischen Büchern überlieferten Orakel wurden aber auch von Albunea, einer ehemaligen Sibylle zu Tibur hergeleitet, die ihre Aufzeichnungen in das Wasser des gleichnamigen Bergstroms warf, wo sie von Fragenden aufgefischt wurden.