Die sog. sibyllinischen Bücher verwahrte man bis zum Jahre 670 im Erdgeschoß des Jupitertempels in einem steinernen Kasten. Zur Lesung und Ausdeutung derselben wurde in frühester Zeit ein eigenes nur den Augurn und Pontifices im Range nachstehendes Kollegium von zwei Sachverständigen (duoviri sacris faciundis) bestellt. Leider wurden sie in diesem Jahre mit dem Tempel selbst ein Raub der Flammen. Man stellte aber jetzt alsbald aus den allenthalben verbreiteten angeblichen Abschriften eine neue, gesichtete und gereinigte Sammlung zusammen. Um dem Mißbrauch, der mit den übrigen im Volke kursierenden unechten sibyllinischen Büchern getrieben wurde, zu steuern, befahl noch Kaiser Augustus an einem Tage dieselben sämtlich dem städtischen Prätor auszuliefern, er ließ dann 2000 für unecht erkannte verbrennen, die echten aber in zwei vergoldeten Schränken im Apollotempel niederlegen, und er setzte statt der frühern duoviri s. f. eine neue Kommission von fünfzehn Männern ein, um sie zu beaufsichtigen.
Die zwei Priester, die früher, und die Fünfzehner, die seit Augustus die Obhut über die sibyllinischen Bücher hatten, durften nur auf Befehl des Senats und im Beisein obrigkeitlicher Personen in denselben nachschlagen und dem Volke keine Orakel eigenmächtig mitteilen. Nur in Zeiten der Gefahr und Not, zumal wenn ungewöhnliche Zeichen die Gemüter aufregten, nahm man zu ihnen die Zuflucht. Vermutlich fand dabei kein Durchlesen und keine Auswahl des passend erscheinenden statt, sondern ließ man, indem man nach einiger ceremoniöser Vorbereitung die Schriftrolle aufs Geradewohl öffnete, den Zufall walten, wobei es natürlich immer möglich blieb, das zufällig entgegenkommende als ungeeignet abzulehnen. Die Orakel waren ja, wie alle Orakel, unbestimmt genug abgefaßt, um so ziemlich auf alle Fälle zu passen. Übrigens sollen sie sogar Prophezeiungen von den Weltaltern und einer schließlichen Rückkehr zum Anfangszustande (apocatastasis), die sich ebensowohl in den Bewegungen der Weltkörper wie in dem Zustande der Menschheit vollziehen werde, enthalten haben. Nach Tacitus soll in ihnen die Prophezeiung sich gefunden haben, daß einem aus Judäa Kommenden die Weltherrschaft beschieden sei, was allgemein schon von den Kirchenvätern auf Christus bezogen worden ist. Wahrscheinlich zitiert auch Vergil nur eine sibyllinische Weissagung in den Versen:
„Siehe von Neuem beginnt der Zeiten gewaltiger Kreislauf,
Goldenes Alter kehret zurück, es kehret die Jungfrau,
Und schon steiget ein neues Geschlecht vom erhabenen Himmel“,
Verse, die ja ebenfalls frühzeitig auf Christus und die mit ihm begonnene neue Weltperiode gedeutet worden sind.
Übrigens wandte man sich auch frühzeitig an den delfischen Apollo; italische Städte wie Spina und Cäre hatten im delfischen Heiligtum wie viele andere mit demselben in regelmäßigem Verkehr stehende Gemeinden ihre eigenen Schatzhäuser. Außerdem zeugt dafür die frühe Aufnahme des mit dem delfischen Orakel eng zusammenhängenden griechischen Wortes thesaurus in die lateinische Sprache und die älteste römische Form des Namens Apollon Aperta, der Eröffner, eine etymologisierende Entstellung des dorischen Apollon, deren Barbarei eben ihr hohes Alter verrät.
[Sechstes Kapitel.]
Beobachtung der Himmelszeichen, Vögel, Blitze u. s. w., und Opferschau.
Da nach der Anschauung der Alten Zeus-Jupiter, der Himmelsvater, der Beherrscher der Atmosphäre, der höchste Gott und Lenker aller irdischen Geschicke war, so wird es begreiflich, daß sie den Erscheinungen des Luftraums die größte Aufmerksamkeit zuwenden zu müssen glaubten, weil sie nun einmal von dem Glauben beseelt waren, daß der Gott ihnen seinen Willen durch Zeichen kundgeben wolle. Erklärlich wird es daher auch, daß die Segler der Lüfte, die Vögel, in ihren Augen als bevorzugte Boten dieses höchsten Gottes erschienen und neben anderen eigentlich meteorologischen Phänomenen zwar nicht immer als die vornehmsten, so doch als die häufigsten Träger der göttlichen Zeichensprache betrachtet wurden. Denominatio fit a potiori. Man nannte jedes Himmelszeichen auspicium, wenn es sich ungesucht darbot, augurium, wenn es absichtlich eingeholt und erbeten war. Beide Worte aber sind Zusammensetzungen mit avis = der Vogel. Avis wurde geradezu mit omen gleichbedeutend gebracht. – Diesen Brauch, der offenbar in die dunkle arische Vorzeit zurückreicht, in der Italiker und Griechen sich noch nicht auf ihrer Wanderung getrennt hatten, finden wir bereits bei den Homerischen Griechen; und daß es schon damals im edelsten Sinne starke Geister gab, die diese Superstition verachteten, beweisen die unsterblichen Worte Hektors (Ilias XII, 236–243):
„Du hingegen ermahnst, den weitgeflügelten Vögeln
Mehr zu vertraun. Ich achte sie nicht, noch kümmert mich solches,
Ob sie rechts hinfliegen zum Tageslicht und zu der Sonne,
Oder auch links dorthin zum nächtlichen Dunkel gewendet.
Wir vertrauen auf Zeus, des Hocherhabenen, Ratschluß,
Der die Sterblichen all' und die ewigen Götter beherrschet!
Ein Wahrzeichen nur gilt: das Vaterland zu erretten!“
Wörtlich heißt hier der letzte berühmte Vers im Griechischen: