εἷς οἰωνός ἄριστος μάχειν περὶ πάτριδος αἴης.

d. h. ein Vogel (weissagender Vogel) ist der beste, zu kämpfen für den vaterländischen Boden! Voß, dessen Übersetzung ich citiere, hat eben von der schon im Griechischen üblichen Verallgemeinerung der Wortbedeutung Gebrauch gemacht.

Bei den Römern scheint dieser starke Geist Hektors anfänglich nicht geherrscht zu haben und erst allmählich und zwar, wie wir bereits im [vierten Kapitel] zu Anfang hervorhoben, auf Umwegen zur Geltung gebracht zu sein. Der römische Staat hatte im Priesterkollegium der Auguren öffentliche Diener angestellt, die bei jeder wichtigen Staatsangelegenheit, als „Ausleger und Verkündiger des höchsten Jupiters“ alle Arten von Himmelszeichen, insbesondere aber den Flug der Vögel zu beobachten hatten. Auf den ersten Blick muß die Macht dieser Priester sehr groß erscheinen, da weder in inneren noch in äußeren Angelegenheiten irgend etwas ohne die Bestätigung ihrer Zeichen vollführt werden durfte, und sie jedem Beginnen die Weihe gaben, weshalb der Ausdruck unter den Auspicien jemandes fungieren, der ja noch heutzutage nicht ungewöhnlich ist, geradezu gleichbedeutend wurde mit „in jemandes Diensten stehen“. Cicero (de leg. II, 8 und 12) sagt von ihnen: „Es müssen zwei Arten von Priestern vorhanden sein, die eine für den Gottesdienst, die andere zur Auslegung der vom Staat anerkannten Weissagungen. Aber die Ausleger des höchsten und besten Jupiters, die öffentlichen Auguren, sollen in Zeichen und Vorbedeutungen das Zukünftige sehen, die Disziplin festhalten, Priester, Felder und Wälder und das Heil des Volkes weihen, allen Volksvertretern im Krieg und Frieden die beobachteten Zeichen ankündigen, und diese ihnen gehorchen, vorhersehen, was die Götter erzürnt, und demselben begegnen, des Himmels Blitze nach abgemessenen Räumen bestimmen, Stadt und Land in Tempel ausgeschieden und geweiht haben, und was ein Augur für unrecht, sündhaft, fehlerhaft und greuelhaft bezeichnet hat, das soll ungültig und nichtig sein, und wer dawider handelt des Todes schuldig.“ – „Groß und herrlich ist im Staate das Recht der Auguren, wo es mit Ansehen und Einfluß begabt ist. Denn was ist höher, als Versammlungen, die von den höchsten Gewalten im Heere und den höchsten Mächten im Staate angeordnet sind, während ihrer Dauer auflösen oder nach ihrer Schließung verwerfen? Was ist würdevoller als die Vereitlung eines Unternehmens durch das Wort eines einzigen Augurs ‚Ein ander Mal!‘ Was ist erhabener als die Macht zu bestimmen, daß Konsuln ihr Amt niederlegen? Was ist heiliger als das Recht, die Erlaubnis zu Verhandlungen mit dem Volke geben und nehmen, und ein nicht nach Gebühr beantragtes Gesetz ungültig machen zu können?“


Der Glaube der alten Römer an die Unfehlbarkeit der Auspicien war so unerschütterlich, daß sie, wenn ein Unternehmen trotz guter Zeichen nicht glücklich von Statten ging, lieber eine fehlerhafte Beobachtung voraussetzten. Oft mußten daher die Feldherrn, wenn ihnen ein Unfall begegnet war, um neue Zeichen einzuholen (nova auspicia captare), nach Rom zurückkehren.

Die Kunst der Auguren galt als Geheimwissenschaft.

Über ihr Verfahren ist uns folgendes bekannt: Man unterschied städtische und ländliche Auspicien. Die ersteren wurden innerhalb des pomoeriums vorgenommen, d. h. innerhalb des Umkreises, den Romulus und Remus in der uralten Form der Städtegründung mittelst eines Pfluges gezogen hatten. Die städtischen Auspicien wurden in der Regel auf einem bestimmten Platze des Kapitols, der ein für allemal diesem Zwecke geweiht war, dem sog. auguraculum, vorgenommen. – Nur Feldherrn durften außerhalb des Stadtkreises sog. ländliche Auspicien anstellen lassen. Auch dann mußte der Augur erst einen bestimmten Platz einweihen, den man templum nannte. Innerhalb dieses Raumes schied er wieder einen kleineren zur Aufschlagung seines Zeltes aus. Auf letzteren bezieht sich die Äußerung des Servius: „Andere verstehen unter templum nicht bloß einen verschließbaren, sondern auch einen mit Pfählen oder Spießen und dergleichen abgesteckten und mit Fellen oder etwas Ähnlichem verhängten Raum, der durch Spruchformeln geweiht ist (ecfatus). Mehr als einen Ausgang darf derselbe nicht haben, weil dort der Auspicierende sich lagern muß.“ Man wählte dafür am liebsten hohe, selten von Menschen besuchte Berggipfel, die man wegen der weiten Aussicht tesca (von tueri) nannte.

Sodann wurde der ganze von hieraus sichtbare Himmelsraum mittels des Krummstabes (lituus)[633], dem Vorbilde des noch jetzt von den katholischen Bischöfen geführten Bischofsstabes, in zwei Teile gedanklich zerlegt. Den Krummstab in der Hand, das Haupt verhüllt, wendete der Augur zuerst sein Gesicht nach Osten und grenzte unter Gebeten die Gegend von Westen nach Osten ab, indem er von sich aus zu einem am Horizonte hervorragenden Punkte eine Linie gezogen dachte. Was nördlich dieser Linie lag, nannte er die linke, was südlich, die rechte Seite. In den meisten Fällen galten die Vögel, die von rechts kamen, für günstige (dextra auspicia prospera). Doch kam es auch auf die Gattung an; z. B. gewährte die Krähe, wenn sie von links kam, der Rabe, wenn er von rechts kam, Zustimmung. Der beste Vogel war der Vogel Jupiters, der Adler, wenn er von rechts kam.

Übrigens beobachtete man nicht nur den Flug der Vögel, sondern auch das Fressen der eigens zum Zwecke der Auspicien gehaltenen heiligen Hühner. Von letzteren bemerkt daher mit feiner Ironie Plinius (H. N. X. 21): „Sie sind es, welche unsere Beamten alltäglich regieren, und ihnen ihre Behausungen verschließen oder aufriegeln, die die römischen Fasces antreiben oder zurückhalten, Schlachten gebieten oder verhindern, die Einleiter aller errungenen Siege auf dem ganzen Erdkreise: sie zumal sind es, die den Gebietern dieser Welt gebieten.“ – Wir haben freilich schon angedeutet, wie diese Bedeutung des Vogelflugs und der heiligen Hühner wenigstens in der historischen Zeit nur eine sehr scheinbare gewesen ist. Wenn auch das Beispiel jenes Claudiers, der, als ihm vor Beginn einer Schlacht gemeldet wurde, die heiligen Hühner wollten nicht fressen, diese mit der Bemerkung, nun so mögen sie saufen, ins Meer werfen ließ, keine Billigung fand, so pflegte man doch kein Auspicium mehr als dieses in seiner Hand zu haben. Dasselbe war günstig, wenn die Hühner recht hurtig aus dem Käfig sprangen, sich munter geberdeten und so gierig über das Fressen herfielen, daß ihnen ganze Brocken des vorgesetzten zähen Breies (puls) aus den Schnäbeln fielen.

Cicero, der selber Augur war, schreibt über die Auspicien in seinem Buche über die Weissagung (de divinatione II, 33): „Doch sehen wir zuerst die Auspicien. Ein schwer zu bekämpfender Punkt für einen Augur. Für einen Marsischen vielleicht; aber für einen Römischen äußerst leicht. Denn wir sind nicht Auguren der Art, daß wir aus der Beobachtung der Vögel und sonstigen Zeichen die Zukunft verkündigten. Wiewohl ich dennoch glaube, Romulus, der die Stadt mit Auspicien erbaute, habe die Meinung gehabt, daß es für das Vorhersehen der Dinge eine Augurenwissenschaft gebe, – denn das Altertum hat in vielen Punkten geirrt, – die wir jetzt teils durch Gebrauch, teils durch die Lehre, teils durch die Zeit verändert sehen. Es wird aber wegen des Volksglaubens und zum großen Vorteil des Staats Brauch, Religion, Wissenschaft, Recht der Auguren und die Würde des Kollegiums beibehalten. Allerdings sind die Konsuln P. Claudius und L. Junius höchst strafwürdig, indem sie gegen die Auspicien ausschifften. Sie hätten der Regierung gehorchen sollen und die väterliche Sitte nicht so hartnäckig verschmähen. Mit Recht hat also den einen das Weltgericht verurteilt, und der andere sich selbst entleibt. Flaminius gehorchte den Auspicien nicht; er ging daher mit dem Heer zu Grunde. Aber ein Jahr später gehorchte Paulus: ist er darum weniger im Treffen bei Cannae samt dem Heere gefallen? Und, gebe es Auspicien, wie es keine giebt: so sind wenigstens die, deren wir uns bedienen, Tripudium oder Wetterzeichen, Schatten von Auspicien, Auspicien auf keine Weise.