‚O, Fabius, ich begehre, daß du mir auspicieren helfest.‘ Er antwortet: ‚Ich hab's gehört.‘ Hierzu wurde bei unsern Vätern ein Sachverständiger genommen, jetzt ein jeder. Notwendig muß aber der ein Sachverständiger sein, der wissen will, was Silentium ist. Denn Silentium nennen wir bei den Auspicien dasjenige, was frei von allem Mangel ist. Dieß zu verstehen ist Eigenschaft eines vollkommenen Augurs. Wenn aber der Auspicierende dem, der zum Auspicium genommen wird, also geboten hat: ‚Sage, ob dir Silentium vorhanden zu sein scheint?‘ so sieht dieser weder rechts noch links, und antwortet sogleich: Es scheine Silentium vorhanden zu sein. Darauf spricht jener: ‚Sage, ob die Vögel fressen?‘ ‚Sie fressen?‘ Welche Vögel? oder wo? Es hat, heißt es, in einem Käfig Hühner gebracht der Mann, der davon der Hühnermann (pullarius) heißt. Diese Vögel sind also die Boten Jupiters. Ob sie fressen oder nicht? was kommt darauf an? Für die Auspicien nichts. Weil aber, wenn sie fressen, es notwendig ist, daß ihnen etwas aus dem Maul fällt und auf die Erde schlägt, terram pavire, so hat man dies zuerst Terripavium, hierauf Terripudium genannt, und das heißt jetzo Tripudium. Wenn also der Brocken dem Huhn aus dem Maul fällt, so verkündigen sie dem Auspicierenden das Tripudium faustissimum.“

„Kann nun ein solches Auspicium etwas göttliches haben, das so erzwungen und abgepreßt ist? Daß die ältesten Auguren sich dessen nicht bedient, dafür ist Beweis ein alter Spruch des Kollegiums, den wir haben, daß jeder Vogel ein Tripudium machen könne. Dann wäre es also wohl ein Auspicium, wenn es ihm frei stünde, sich anzuzeichen: dann könnte jener Vogel Dolmetscher und Trabant Jupiters scheinen. Jetzt aber, wenn er in einen Käfig eingeschlossen und vor Hunger ohnmächtig, auf die Mußbrocken stürzt, und wenn ihm etwas aus dem Schnabel fällt, hältst du das für ein Auspicium, oder glaubst du, daß Romulus auf diese Art zu auspicieren gepflegt habe? Glaubst du nicht, daß diejenigen, welche auspicierten, auch die Wetterzeichen zu beobachten pflegten? Nun befehlen sie dem Hühnermann. Der sagt ihnen Antwort.“


Eine andere in Rom minder geachtete, nichtsdestoweniger aber eben so oft in Funktion tretende Gattung von offiziellen Weissagern waren die Opferschauer oder haruspices.

Es scheint, daß das haruspicium nach Rom von den Etruskern eingeführt worden ist, wenngleich daneben dieselbe Praxis der Eingeweideschau beim Opfern auch bei vielen asiatischen Völkern und bei den Griechen bestanden hat. Jedenfalls beweist der Umstand, daß die Haruspices gedungene Ausländer waren, daß es sich um eine nicht ursprünglich nationale Übung handelte. Die Römer wollten eben nichts entbehren, was in Fällen der Not von Bedeutung sein konnte. Übrigens soll schon der ältere Cato, ein Mann von sonst streng religiöser Gesinnung geäußert haben, er wundere sich, wie ein Haruspex den andern ohne Lachen ansehen könne. Erwähnung verdient auch ein von Cicero überliefertes Wort Hannibals; als der König Prusias, bei dem Hannibal in der Verbannung lebte, sich weigerte, ein nach Hannibals Rat günstiges Terrain zu einem Treffen zu benutzen, weil „die Eingeweide es verböten“, sagte er: „Willst du einem Stückchen Kalbfleisch lieber als einem ergrauten Feldherrn glauben?“ – Ungeachtet aller Aufklärung und alles Gespöttes hielt sich der Brauch gleichwohl noch lange im römischen Heere; Cäsar zwar gab wenig darauf und setzte, obwohl von dem vornehmsten Haruspex gewarnt, im Bürgerkriege gegen Pompejus nach Afrika über. Während desselben stand bekanntlich Cicero auf des Pompejus Seite, und er schreibt seinem Bruder: „In diesem Bürgerkrieg, o ihr Unsterblichen! wie vieles trog! welche Antworten der Haruspices wurden uns von Rom geschickt! was hat man nicht dem Pompejus gesagt! Denn dieser glaubte stark an Eingeweide und Wunderzeichen. Ich habe nicht Lust zu erzählen und es ist auch nicht nötig, am wenigsten dir, der du dabei warst. Du siehst inzwischen, daß alles den entgegengesetzten Ausgang von den Prophezeiungen genommen.“


Interessant ist es schließlich noch, auf die Beobachtung der Blitze zu kommen. Denn aus einer Stelle in den naturwissenschaftlichen Untersuchungen des Seneca (quaest. nat. 49) müssen wir folgern, daß bereits die alten Etrusker, die Lehrmeister der Römer in dieser Art von Auspicien, es verstanden haben, durch gewisse uns genauer nicht bekannte elektrische Experimente Blitze herabzuziehen oder gar zu erzeugen. Sonderbarerweise taucht hier der Jahrtausende später in der Geschichte der Elektrizitätslehre so berühmt gewordene Name Volta – die Geschichte macht manchmal derartige Witze, – zum erstenmale auf. Plinius berichtet nämlich über diese Sache folgende (H. N. II, 54): „In den Annalen wird berichtet, daß man durch gewisse Ceremonien und Sprüche den Blitz erzwingen oder entlocken könne. Es ist eine alte Sage Etruriens, daß man ihn entlockt habe, als ein Zauberer, namens Volta, nach Verheerung des Landes endlich sogar die Stadt Volsinii damit bedrohte: auch sei er vom König Porsenna herabgezogen worden und vor diesem öfters durch Numa, wie L. Piso im ersten Buche seiner Annalen meldet, und Tullus Hostilius sei, als er dies nachmachen wollte und in der Ceremonie fehlte, vom Blitz erschlagen worden. Wir haben ferner Haine, Altäre und Ceremonien, in denen man neben einem Jupiter Stator, Tonans und Feretrius auch einen Elicius genannt hört.“ Feretrius ist der einschlagende Jupiter, Elicius der herabgelockte, also etwa der mittels Blitzleiters aufgefangene Blitz.

Die Operation des Numa beschreibt uns Ovid (Fast. III, 325ff.) in folgender Weise: „Dich Jupiter locken sie vom Himmel herab. Daher verehren dich auch die Nachkommen unter dem Namen Elicius (der Herabzulockende). Die Wipfel des aventinischen Waldes, so erzählt man allgemein, zitterten, und niedersank die Erde von Jupiters Last gebeugt. Des Königs Herz klopft, blutlos wird seine ganze Brust, und sträubend starren die Haare. Sobald sein Mut wiederkehrte, sprach er: ‚König und Vater der erhabenen Götter, entdecke sichere Versöhnungsmittel deines Blitzes, wenn wir immer mit heiligen Händen die dir geweihten Altäre berührt haben, und wenn auch das, was ich wünsche, geheiligt meine Zunge fleht!‘ Durch Wink versprach er's dem Flehenden, doch mit entferntem Umschweife verbarg er die Wahrheit, und schreckte durch schwankenden Ausspruch den König. ‚Einen Kopf haue ab‘, sprach er. Und ihm erwiderte der König: ‚Ich will gehorchen: Ein Zwiebelkopf aus meinen Gärten gegraben, soll abgehauen werden.‘ Jener setzte hinzu: ‚Von einem Menschen!‘ Und er erwiderte ihm: ‚das oberste Haupthaar.‘ Er forderte eine Seele und ihm antwortete Numa: ‚die eines Fisches.‘ Er lachte und sprach: ‚Damit versühne, o Mann, würdig der Teilnahme an meiner Unterredung, meine Geschosse. Doch, wenn morgen der Gott von Cynthos seine ganze Scheibe dargestellt hat, so will ich dir sichere Pfänder eurer Herrschaft senden.‘ Sprachs, und oben der Äther wurde, sagt man, von gewaltigem Donner erschüttert; und nun verließ er den betenden Numa. Seelenfroh kehrt dieser wieder und erzählt den Quiriten den Vorfall. Zaudernd und schwer war ihr Glaube an diese Erzählung. ‚Wahrlich glauben wird man nur, sprach er, wenn meine Rede Erfüllung begleitet.‘ Siehe, höre wer da ist, was morgen geschieht. Wenn der Gott von Cynthos ganz seine Scheibe dem Erdball dargestellt hat, will uns Jupiter sichere Pfänder unserer Herrschaft senden. Voller Zweifel gehen sie heim, und zögernd dünkt ihnen die Versprechung: vom kommenden Tage hängt die Gewißheit der Rede ab. Noch weich und vom Frühthau bereift war die Erde, als vor seines Königs Schwelle das Volk erschien. Er trat hervor und setzte sich mitten im Kreise auf einen ehernen Thron. Unzählbar standen die Männer um ihn stillschweigend. Soeben erschien am äußersten Rande Phöbus, und schon zagten von Hoffnung und Furcht geängstigt ihre Seelen. Er erhub sich, und das Haupt umhüllt mit schneeweißer Hülle, reckte er empor seine Hände, die die Götter schon kannten, und rief nun also: ‚Es ist gekommen die Zeit des verheißenen Geschenkes: gewähre Jupiter deiner Rede die versprochene Wahrheit!‘ Indeß er so spricht, hatte die Sonne ihre ganze Scheibe aufgetaucht, und es ertönte von der Axe des Äthers ein furchtbares Krachen. Dreimal donnerte der Gott vom hohen Gewölbe, dreimal loderten Blitze. Glaubet meiner Erzählung: Wunder berichte ich, aber doch geschehene Wunder.


Wenn man also nicht entweder an thatsächliche Wettermagie (Wetterhexen usw.) glauben, oder annehmen kann, daß jene Berichte der Annalen auf leeren Fabeln beruhen, so liegt die Vermutung nahe, daß den alten Etruskern und den in deren Geheimlehre eingeweihten römischen Priestern auf Grund zufälliger empirischer Beobachtung einige elektrische Phänomene bekannt gewesen sind, wie sie später einen Franklin zur Erfindung des Blitzableiters führten. Diese geringen Keime wirklicher naturwissenschaftlicher Kenntnis können sich sehr wohl mit einem System des rohsten Aberglaubens verquickt haben, so daß die Praktiker jener einfachen Manipulationen selber ihre Wirksamkeit für eine magische ansahen und den dabei gebrauchten Formeln und Ceremonien ebenso große Bedeutung beilegten, wie den wirklich kausal wirksamen Operationen. Auch heutzutage wiederholt sich ja noch auf dem Gebiete des Hypnotismus dieselbe Erscheinung, und was war die Alchemie und Astrologie des Mittelalters anderes, als ein sonderbares Gemisch wüster Vorstellungen und Phantasien aus einigen wenigen zufällig erlangten Kenntnissen von chemischer und astronomischer Bedeutung.