Wenn man nun auch aus geschichts-wissenschaftlichem Interesse bedauern mag, daß uns nichts Genaueres über die Methode des Blitzableitens der Alten überliefert ist, so würde man doch jedenfalls sehr fehlgreifen, wollte man im übrigen all zu tiefe Geheimnisse in der etruskischen Lehre von den Blitzen wittern. Nach Plinius sollen die Etrusker zwölferlei verschiedene Blitze unterschieden haben; Seneca dagegen schreibt (naturales quaestiones II, 41): „Die Etrusker legen dem Jupiter dreierlei Blitze bei; die erste Gattung warne und sei gnädig, und Jupiter werfe sie auf eigenen Rat; die zweite werfe er gleichfalls, doch nur nach Beschluß seines Staatsrats (ex consilii sententia), indem er die zwölf Götter berufe, und dieselbe fromme zwar, doch nicht ohne Ahndung; die dritte vollends werfe er nur nach Befragung der sog. höheren oder verhüllten Mächte, und dieselbe verheere und hemme und verwandle unbarmherzig den jedesmaligen Zustand der Einzelnen wie des Ganzen; denn das Feuer lasse nichts bestehen.“
Es geht übrigens aus sonstigen Angaben der alten Schriftsteller (Plinius, Festus, Ammianus) hervor, daß die Blitze, welche die Etrusker in ihrer Blitztheorie behandelten, durchaus nicht blos eigentliche Blitze waren, daß sie vielmehr auch Sternschnuppen, Irrlichter, plötzliche Lähmungen oder Schlagflüsse als verschiedene Gattungen von Blitzen betrachtet haben.
Die Römer hatten von den zwölferlei Blitzen der etruskischen Lehre nur zwei oder drei angenommen, deren Unterschied lediglich durch die Zeiten – Nacht, Tag und Zwielicht – bestimmt wurde.
Alle Gegenstände, die vom Blitze berührt waren, galten als heilig. Vom Blitze getroffenes Erdreich faßte der Pontifex zusammen (ignes colligere), verbarg es unter Flüstern gewisser Gebetsformeln unter dem Boden und grub einen Stein, in den sich der Blitz verwandelt haben sollte, ohne Zweifel einen Kiesel, mit hinein (fulgur condere). Man umgab dann den Ort zum Schutze mit einer Mauer und versah ihn mit einem Altar, um zu opfern; der Ort, der puteal genannt wurde, durfte nicht überdacht werden. Man glaubte, wer ein so geheiligtes Erdreich aufwühle, werde von den Göttern mit Wahnsinn gestraft werden.
Wenn Bäume vom Blitz getroffen waren, ohne zu verbrennen, so trug man Sorge, daß sie nicht ausstarben. Ein solcher Baum war der schon erwähnte Feigenbaum, ficus ruminalis, auf dem Forum. „Wenn dieser Baum verdorrt“, sagt Plinius, „so tragen die Priester immer wieder Sorge, daß er erneuert wird.“[634]
Ein anderer derartiger Baum, eine Kornelkirsche, stand am Palatinischen Hügel. Wenn jemand bemerkte, daß derselbe der Feuchtigkeit entbehre, so brauchte er nur „Wasser“ zu rufen, und auf der Stelle kamen diejenigen, die es vernommen hatten, mit Gefäßen herbei, um ihn zu begießen.[635]
War gar ein Mensch vom Blitze berührt worden ohne getötet zu werden, so galt er als ganz besonderer Liebling der Götter; wurde er aber getötet, so durfte seine Leiche weder verbrannt noch anderswo bestattet werden; sie wurde auf der Stelle, wo man sie fand, beerdigt.