Es ist natürlich, daß die Annahme eines solchen Götter- und Dämonenschwarmes die Aufnahme des akkadischen Beschwörungs- und Zauberritus in die chaldäische Priesterwissenschaft begünstigen mußte, obschon die alten Akkader keine eigentlichen Götter, sondern nur gute und böse Naturgeister kannten, welche die Chaldäer später in Götter, Genien und Dämonen umbildeten.
Lenormant nimmt an, daß diese Jahrhunderte währende Umbildung und der Ausbau der alten Religion innerhalb der chaldäischen Priesterschulen zur Zeit Sargons I. um das Jahr 2000 v. Chr. abgeschlossen wurde.
Die obersten Naturgeister der Akkader sind die allad (assyr. sedu), Genien, und lamma (assyr. lamassu), Kolosse, welche jedoch in sehr unklarer Weise bald als gute und bald als böse Geister aufgefaßt werden. Besser sind wir über die eigentlichen Dämonen, utuk, welches Wort aber auch zuweilen einen guten Geist oder die menschliche Seele bedeutet, unterrichtet. Die wichtigsten unter ihnen sind die alal (assyr. allu), Zerstörer, die gigim (assyr. e-kimmu), welcher Name nicht entziffert ist, die tellal (assyr. gallu), Krieger, und endlich die maskim (assyr. rabisu), Nachsteller.
Diese letzten bilden die wichtigste scharf abgegrenzte Klasse und sind aufs genaueste das Widerspiel der sieben Planetengottheiten, kosmische Dämonen, welche überall störend und vernichtend in das Naturleben eingreifen; „sieben böse Geister, sieben Flammengespenster, sieben Dämonen der feurigen Sphären“.
Diese sieben Maskim, welche sich als Planetendämonen durch alle Mythologien ziehen[4] und noch als Vorbilder der sieben „Kurfürsten“ der Teufel des Faustschen Höllenzwangs deutlich erkennbar sind, sind die Söhne des Ana, des Gottes und Königs der finstern Welt der Akkader; sie stören die Ordnung des Planetenlaufs, erregen Sonnen- und Mondfinsternisse; sie führen gleich den griechischen Titanen und den Naphelim oder Nephilim des Buches Henoch kurz nach der Schöpfung erbitterte Kämpfe gegen Gott. Sie thronen gleich den Teufeln im Innern der Erde und verursachen Unheil und Umsturz im Himmel und auf Erden. Eine akkadische Inschrift schildert ihr Treiben folgendermaßen mit lebhaften Farben:
„Die Sieben, sie werden im Gebirge des Westens geboren;
Die Sieben, sie werden groß im Gebirge des Ostens;
Sie thronen in den Tiefen der Erde;
Sie lassen ihre Stimme erschallen auf der Höhe der Erde;
Sie lagern im unermeßlichen Raum im Himmel und auf Erden.
Einen guten Namen im Himmel und auf Erden besitzen sie nicht;
Sie, die Sieben, erheben sich im Gebirge des Westens;
Sie, die Sieben, legen sich im Gebirge des Ostens zur Ruh. –
– – Sieben sind es, sieben sind es:
Sieben sind es in des Oceans tiefsten Gründen, aus dem verborgenen Schlupfwinkel.
Sie sind nicht männlich, sind nicht weiblich,
Sie breiten sich aus gleich Fesseln.
Sie haben kein Weib, zeugen nicht Kinder;
Ehrfurcht und Wohlthun kennen sie nicht.
Gebet und Flehen erhören sie nicht.
Ungeziefer, das dem Gebirge entsprossen,
Feinde des Ea,
Sind sie die Werkzeuge des Zornes der Götter.
Die Landstraße störend, lassen sie auf dem Wege sich nieder,
Die Feinde, die Feinde;
Sieben sind sie! Sieben sind sie! Sieben sind sie!
Geist des Himmels, daß sie beschworen seien!
Geist der Erde, daß sie beschworen seien! – – –
Sie sind der Tag der Trauer, der schädlichen Winde!
Sie sind der verhängnißvolle Tag, der verheerende Wind, der ihm vorausgeht.
Sie sind die Kinder der Rache, die Söhne der Rache;
Sie sind die Vorboten der Pest;
Sie sind die Werkzeuge des Zorns der Nin-kigal[5];
Sie sind die flammende Wettersäule, welche arg hauset auf Erden;
Sie sind die sieben Götter des unermeßlichen Himmels;
Sie sind die sieben Götter der unermeßlichen Erde;
Sie sind die sieben Götter der feurigen Sphären;
Die sieben Götter, sie sind sieben an der Zahl;
Sie sind die sieben schädlichen Götter;
Sie sind die sieben Schreckgeister;
Sie sind die sieben bösen Flammengespenster,
Sieben im Himmel, sieben auf der Erde,
Der böse Dämon, der böse alal, der böse gigim, der böse telal, der böse Gott, der böse maskim.
Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie!
Geist der Nin-gelal, der Herrin der Länder, beschwöre sie!
Geist des Nin-dara, Sohn des Feuerhimmels, beschwöre sie!
Geist der Sukus, Herrin der Länder, die zur Nachtzeit erglänzt, beschwöre sie!“
Die akkadischen Beschwörungen der Maskim erhalten zuweilen eine noch größere Ausdehnung und nehmen dann stets eine dramatische Form an. Eine Schilderung der von den Dämonen verursachten Verheerungen bildet die Einleitung, wobei vorausgesetzt wird, daß die Klage von dem wohlwollenden Silik-mulu-khi, dem Sohne Ea's, der über den Menschen wacht und zwischen ihnen und den obern Göttern als Vermittler dient, erhört worden sei. Aber seine Macht und Weisheit sind nicht derart, daß sie die übermächtigen Geister, deren Einfluß beschworen werden soll, zu überwinden vermögen. Silik-mulu-khi wendet sich daher an seinen Vater Ea, den Herrn der ewigen Geheimnisse, der die theurgischen Handlungen leitet, und dieser offenbart endlich den mysteriösen Ritus, die Zauberformel oder den „allmächtigen geheimnißvollen Namen“, der im Stande ist, alle Anschläge der furchtbarsten Höllenmächte zu vereiteln.
Es wird also in den akkadischen Beschwörungen von einem allmächtigen, geheimnisvollen Namen gesprochen, „mittelst dessen Ea im Innern seines Herzens die Zukunft bewacht und beschirmt“; dieser Name aber, der alle höllischen Mächte zu Boden streckt, wird nicht genannt: er wird in geheimnisvoller Weise vom Vater auf den Sohn übermittelt, ähnlich wie die wahre Aussprache des יהוה bei den Juden von Hohepriester zu Hohepriester. Ea erteilt noch einige Vorschriften zum Behuf der Beschützung und Heilung der von den Maskim Besessenen, worauf endlich mehrere göttliche Wesen, wie die Höllengöttin Nin-kigal und Nin-akka-quddu, deren Eigenschaften weniger bekannt sind, unter Eas Anführung in die Handlung eingreifen und zusammen mit dem Feuergott zur völligen Unterwerfung und Bindung der Maskim schreiten.
Noch ist zu bemerken, daß diese soeben besprochenen Dämonen, deren Thätigkeit vorwiegend eine allgemeine und kosmische ist, nicht selten auch Menschen angreifen, deren Mißgeschick sie herbeiführen. Ihre Einwirkung kann aber auch – wie die der Teufel des Mittelalters und der Reformationszeit – infolge der Bezauberung durch Schwarzkünstler, wovon weiter unten, eintreten, und diese gilt daher als Urquelle alles menschlichen Unglücks sowie als Ursache aller tellurischen Katastrophen.