„Nimm das Fell eines weiblichen Camels, das sich nie begattete,
Die Zauberin[18] stelle sich zur Rechten, auch treffe sie ihre Vorbereitungen zur Linken (des Kranken);
Zertheile (dieses Fell) in zweimal sieben Stücke und theile ihnen den Zauber mit, der da kommt von Eridhu.[19]
Umhülle das Haupt des Kranken,
Umhülle den Sitz seines Lebens,
Umhülle seine Hände und Füße.
Lasse ihn sich niedersetzen auf seinem Lager und
Benetze ihn mit den bezauberten Wassern;
Daß die Krankheit seines Hauptes in den Himmelsraum entführt werde gleich einem reißenden Sturmwind.
Daß sie von der Erde entführt werde wie die zeitweise übertretenden Wasser.[20]
Daß Eas Vorschrift ihn heile!
Daß Davkina ihn heile!
Daß Silik-mulu-khi, des Ozeans Erstgeborener, dem Bilde die heilsame Kraft verleihe!“
Soviel über den Mesmerismus bei den Akkadern, dessen Anwendung auf dem heilenden wie auf dem divinatorischen Gebiet die gleiche ist, heute wie tausend Jahre vor dem Beginn der eigentlichen Geschichte.
Oben wurde bereits angedeutet, daß die Akkader die Krankheit als ein persönliches Wesen betrachteten, welches sich des Menschen bemächtige. Dies geschah besonders bei den beiden schwersten Krankheiten, an denen die Chaldäer zu leiden hatten, der Pest und dem Fieber, Namtar und Idpa. Diese zählen zu den gefürchtetsten Dämonen, wie wir aus folgendem Beschwörungsfragment ersehen:
„Gegen den Kopf des Menschen richtet seine Macht der fluchwürdige idpa,
Gegen das Leben des Menschen der grausame namtar,
Gegen den Hals des Menschen der schädliche utuq,
Gegen die Brust des Menschen der verderbenbringende alal,
Gegen die Eingeweide des Menschen der böse gigim,
Gegen die Hand des Menschen der schreckliche telal.“
Die auf diese schadenstiftenden Dämonen folgende Klasse sind die Schreckgespenster, welche mit den Schatten der Toten im Innern der Erde, in dem dem jüdischen Scheol vergleichbaren „Land ohne Heimkehr“ wohnen und aus ihm hervorgehen. Die drei wichtigsten Wesen dieser Klasse sind das larvenartige „Schreckgespenst“ oder „Schattenbild“ (akkad. dimme, assyr. lamastuv), das „Gespenst“ (akkad. dimmea, assyr. labasu) und der Vampyr (akkad. dimmekhab, assyr. abharu), von welchen die ersteren nur die Menschen durch ihre Erscheinung erschrecken, während der Vampyr „den Menschen anfällt“. Der Vampyrglaube ist in Chaldäa sehr verbreitet, und in dem Epos „die Höllenfahrt der Istar“ ruft die Göttin dem Hüter der Hölle am Thore folgende Worte zu:
„Hüter, öffne dein Thor;
Öffne dein Thor, damit ich eintreten kann!
Öffnest du aber das Thor nicht, und kann ich nicht eintreten,
Dann stürme ich das Thor und sprenge sein Schloß,
Stürme die schließenden Riegel, durchschreite das Thor.
Dann werde ich die Todten erwecken, zu verschlingen die Lebenden,
Ich werde die dem Tageslicht wieder zugeführten Todten zahlreicher machen denn Alles, was lebt.“
Eine besondere Geisterklasse sind die „Dämonen der nächtlichen Samenergüsse“, das Nachtmännchen, lillal, und das Nachtweibchen, kiel-lillal, die „bezwingende Beischläferin“, deren Umarmungen sich weder Weiber noch Männer entziehen können. Die kiel-lillal ist die Lilith der Juden, und es heißt von ihr ganz conform der Stelle bei Jesaias[21]:
„Dornen werden in ihren Palästen wachsen,
In ihren Festen Nesseln und Disteln;
Schakale werden da hausen,
Strauße werden da nisten.
Dort werden die Thiere der Wüste den Wölfen begegnen,
Die Dämonen mit einander verkehren.
Dort allein wird Lilith ihre Wohnstatt suchen, ihren Ruheplatz finden.“
Außer dem Nachtweibchen giebt es noch einen weiblichen Kobold (akkad. kiel-udda-karra, assyr. ardat), von welchem nur bekannt ist, daß er sich gern in der Nähe der Menschen aufhält und besonders die Ställe zum Schauplatz ihres Treibens macht, also ein Hauskobold.