Noch sei erwähnt, daß die Akkader den bösen Blick und das Berufen kannten. Das „böse Wort“ und der „böse Mund“ werden überall neben dem bösen Blick erwähnt; so heißt es:
„Den, der das gefertigte Ebenbild bezaubert,
Das böse Antlitz, den bösen Blick,
Den bösen Mund, die böse Zunge,
Die böse Lippe, das schädliche Gift,
Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie!“
Außer den Beschwörungen bedienten sich die Chaldäer und später die Assyrer in ausgedehntester Weise der Talismane (akkad. sagba, assyr. mamituv). Folgende Beschwörung wurde über einen solchen Talisman gesprochen, um ihm die Macht zu verleihen, die sich in die Häuser einschleichenden Dämonen zu vertreiben:
„Talisman! Talisman! Unwandelbarer Hort!
Unüberschreitbare, von den Göttern errichtete, Schranke!
Grenzscheide des Himmels und der Erde, die man nimmer hinwegrückt.
Einziger Gott, der sich nimmer verändert,
Dessen Macht kein Gott, kein Mensch zu bekämpfen vermag,
Schlinge, die nimmer gelöst wird, dem bösen Zauber gelegt,
Schwert, dem man nimmer entgeht, gegen den schädlichen Zauber gerichtet!
Sei's auch ein böser utuk, ein böser alal, ein böser gigim, ein böser telal, ein böser Gott, ein böser maskim,
Ein Schreckgespenst, ein Nachtgeist, ein Vampyr,
Ein Nachtmännchen, ein Nachtweibchen, ein weiblicher Kobold,
Sei's gar die verheerende Pest, das schmerzhafte Fieber, eine bösartige Krankheit:
Wer sein Haupt gegen die Wasser des Ea erhebt, die durch Besprengen verbreitet,
Den soll die Falle des Gottes Ea erfassen.
Wer sein Haupt gegen die Speicher des Gottes Serakh erhebt,
Den soll das Sichelschwert des Gottes Serakh in Stücke zerschneiden,
Wer den Grenzstein des Eigenthums überschreitet,
Den wird der Grenzstein der Götter, der Grenzstein des Himmels und der Erde nimmer entkommen lassen! –
. . . . . . . . . .
Wer Arges im Schilde führt wider das Wohnhaus,
Den soll er in den Graben des Hauses versenken!
Diejenigen, die aller Orten Verwirrung und Umsturz stiften,
Die soll er anderswohin verjagen, in öde, unfruchtbare Orte!
Wer am Thore des Hauses auflauert,
Den soll er einsperren im Hause, an einem Ort, aus dem keine Wiederkehr möglich ist!
Wer sich den Thürflügeln, den Querriegeln anhängt,
Den sollen die Thürflügel, die Riegel in unauflösbare Bande einschließen!
Wer sich heimlich in die Rinnen und Dachtraufen stiehlt,
Wer mit Gewalt den Verschluß fortstößt, der auf die Thür und Angeln gelegt ist,
Den soll er wie Wasser hindurchfließen lassen!
Den soll er zerschmettern wie einen irdenen Krug!
Den soll er zermalmen wie Thonerde.
Wer das Zimmerwerk überschreitet, den soll er der Flügel berauben!
Den, der seinen Hals zum Fenster hinaussteckt, den soll das Fenster erwürgen!“
Es gab sehr verschiedene Arten von Talismanen bei den Akkadern: so auf Zettel geschriebene Zaubersprüche, welche gleich den Denkzetteln der Juden an die Kleider geheftet getragen wurden. Auch trug man Periapte aus allerlei Stoffen um den Hals als Schutzmittel gegen Unglück aller Art, Krankheiten, dämonische Nachstellungen usw., ebenso in Steine geschnittene Bildnisse von Göttern und Genien, wie dergleichen vielfach in den Museen aufbewahrt werden.
Eine ganze Anzahl talismanischer Götterstatuetten aus gebranntem Lehm fand Botta unter der Thorschwelle des Königspalastes von Khorsabad und ließ sie in das Museum des Louvre schaffen. Es sind dies: Bel mit einer Kopfbedeckung, die mit mehreren Reihen Stierhörnern geschmückt ist; Nergal mit einem Löwenkopf, Nebo mit einem Scepter usw. In einer dazugehörigen Inschrift, welche sich gegenwärtig in Cambridge befindet, sagt Nergalsarussur, ein Nachfolger des babylonischen Königs Nabukudurussur, daß er bei der Wiederherstellung der Thore der heiligen Pyramide von Babylon „acht talismanische Figuren von Bronce, welche durch Todesschrecken Böse und Feinde entfernen“, habe verfertigen lassen, um sie dort aufzustellen.
Aus dem Fragment folgenden Zauberspruches lassen sich recht deutlich die Bestimmung, Macht und Anwendung derartiger Talismane ersehen:
„Zur Erhebung eurer Hände habe ich mich in einen dunkelblauen Schleier gehüllt;
Ich habe ein vielfarbiges Kleid angelegt; in eure Hände . .
Ich habe die Zauberbinde vervollkommnet, ich habe sie gereinigt.
Ich habe mich mit Glanz umhüllt . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . .
Stelle zwei an einander gebundene Bilder, untadelhafte Bilder, welche die bösen Dämonen verjagen,
Neben den Kopf des Kranken zur Rechten und Linken.
Stelle das Bild des Gottes Ungal-Nirra[22], der nicht seines Gleichen hat, an die Umzäunung des Hauses.
Stelle das Bild des Gottes, der im Glanze der Tapferkeit strahlt, der nicht seines Gleichen hat[23],
Und das Bild des Gottes Narudi, des Gebieters der mächtigen Götter,
Auf den Boden unter das Bett.
Zur Abhaltung alles nahenden Ungemaches stelle den Gott . . und den Gott Latarak an die Thür.
Zur Abhaltung alles Übels stelle als Scheuche an die Thür . .
An den Thorweg stelle den streitbaren Helden, der seine Hand dem Feinde entgegenstreckt,
Stelle ihn zur Rechten und Linken.
Stelle die wachsamen Bilder des Ea und Silik-mulu-khi unter den Thorweg;
Stelle sie zur Rechten und Linken . . . . . .
. . . . die Zauberkraft Silik-mulu-khis, welche dem Bilde innewohnt,
. . . . . . . . . .
O, die ihr dem Ocean entsprossen, ihr Glänzenden, Kinder des Ea,
Esset, was mundet, trinket, was süß schmeckt!
Dank eurem Schutz kein Ungemach eindringe!“
Aus dem Schluß des Zauberspruches ergiebt es sich mit Sicherheit, daß die Akkader für ihre Götter und Genien, gerade wie unsere Altvordern für die Hauskobolde, irgendwo im Hause Speise und Trank aufzustellen pflegten, um sich ihrer Gunst zu versichern. Analog heißt es in einer Sammlung assyrischer Beschwörungen gegen die Einwirkung böser Zauberer: