„Fern weilt er, ihn kümmert durchaus nichts,
Und er achtet nicht d'rauf –“
Ein kaiserliches Gesetz verbietet freilich, die auf äußerlichen Mitteln beruhende Magie und Divination auch nur zu besprechen. Doch ist die vollkommenste Art der Divination eine innerliche, subjektive, nämlich die Divination des Traumes (6). Die Fähigkeit dieser Prophetie schlummert in jedermanns Seele. Während nämlich der vernünftige Geist (νοῦς) die Formen des Seins enthält, schließt die Seele (ψυχή) die Formen des Werdens ein. Der Geist ist ein ewig seiendes, die Seele ein ewig werdendes Wesen. Die Seele nun enthält zwar sämtliche Formen des Werdens, die meisten jedoch in zeitlich latenter Weise; nur die jedesmal zuträglichen läßt sie dem Bewußtsein erscheinen. Der Spiegel aber, in dem sich die Bilder, welche ihren Sitz in der Seele haben, zeigen, heißt Phantasie. Ebenso wie wir von der organisierenden Thätigkeit der unbewußten Vernunft in uns nur soweit ein Bewußtsein haben, als letztere uns freiwillig davon mitzuteilen für gut befindet, erhalten wir auch von den Vorstellungen, Bildern, die in der „ersten“ Seele vorhanden sind, Kenntnis nur, soviel und soweit die Phantasie, welche ihre Bilder von dort empfängt, solche uns widerspiegelt. Die Phantasie ist eine das Gebiet der Natur berührende, niedere, vermittelnde Form des Seelenwesens. Die Phantasie ist eigentlich die Sinnlichkeit selber. Wir können Farben sehen, Töne hören, überhaupt alle sinnlichen Empfindungen haben, auch wenn die dafür geschaffenen körperlichen Organe unthätig sind. Das wenigstens beweist der Traum. Die Phantasie also ist sowohl das Organ, das für den wachenden Organismus dessen Verkehr mit der Außenwelt vermittelt, als auch das eigentliche Traumorgan, und sofern letzteres der Körperorgane nicht bedarf, können wir durch sie in direkten Verkehr mit der körperlosen Geisterwelt treten. So ist denn auch schon manch' einer unwissend eingeschlafen und hat, im Traume von den Musen belehrt, wissenschaftliche Probleme gelöst oder poetische Leistungen zu Tage gebracht, deren er vorhin nicht fähig erschien, weshalb auch schon ein sibyllinischer Spruch behauptet:
„Lehrbares Wissen zu finden im Lichte des Tagesbewußtseins
Ward dem einen verliehen, doch mancher findet auch schlafend
Mühelos köstliche Früchte, beschenkt von der Gnade des Traumgotts.“
Wie alle einzelnen Sinne, so muß auch die seelische Grundlage der Sinnlichkeit überhaupt, die Phantasie in verschiedenen Graden der Gesundheit und Stärke vorhanden sein. Sie kann zu gröberer Stofflichkeit und Dunkelheit herabsinken, sie kann aber auch gereinigt und geläutert werden. Im ersteren Fall wird sie nur trübe und ungewisse, im letzteren klare und bestimmte Abbilder zeigen. Die Phantasie ist eigentlich der Seelenleib, der Wagen, welcher die Seele aufwärts oder abwärts fährt, oder auch das Fittichpaar, welches die Seele trägt. Die tugendhafte Seele wird leicht und schwebt mit den Schwingen ihrer geläuterten Phantasie aufwärts, indes die sündhafte, deren Phantasie von unreinen stofflichen Bildern beschwert ist, tiefer sinkt (9). Schlimmer ist es für sie, wenn sie dieses Sinken gar nicht einmal mehr empfindet. Glücklich sind noch diejenigen Seelen zu schätzen, denen der dumpfe Schmerz der Reue und Gewissensqual einen Stachel zur Umkehr nach oben, eine Erinnerung an die verlassene Heimat und Heimweh schafft. Denn nicht im Sterben, beim Austritt aus diesem Erdenleben, trinkt nach des Synesios Ansicht die Seele aus dem Lethestrom die Vergessenheit ihres Vorlebens, sondern umgekehrt bei der Geburt, bei dem Eintritt in dieses niedere Dasein, trinkt sie das Vergessen ihrer göttlichen Herkunft und ihrer Bestimmung aus dem Becher der Sinnlichkeit. Freigeboren verkauft sie sich auf bestimmte Zeit in die Sklaverei, wehe ihr, wenn sie nun, vielleicht gefesselt von der Schönheit eines Mitsklaven, ihrer angeborenen Freiheit ganz vergißt, und um bei jener zu bleiben, auch nach Ablauf der gesetzten Frist es vorzieht, als Sklavin bei dem gemeinschaftlichen Herrn zu bleiben. Dagegen haben die Arbeiten des Herakles und ähnliche Heroensagen keine andere esoterische Bedeutung, als das Bemühen der edleren, ihres Ursprungs instinktiv eingedenken Seele, die Knechtschaft durch ehrliche Arbeit abzuverdienen.
Die Seele dagegen, welche zum reineren Ursprung zurückkehrt, führt auch die Phantasie, die sich Synesios zugleich als Astralleib oder Ätherleib zu denken scheint, mit aufwärts. Daß die seelische Leiblichkeit, die Phantasie-Gestalt der Seele selber bestimmt sei, des göttlichen Daseins teilhaftig zu werden, findet seinen Ausdruck auch in den Versen der Sibylle:
„Laß nicht den Mächten der Tiefe zur Beute die Blume des Stoffes,
Hoch in den Strahlen des Lichts soll die ätherische blühn!“
Die Blume des Stoffes ist eben nichts anderes, als die Gestalt der Seele, ihr Phantasie- oder Ätherleib, welcher unsterblich ist, wie die Seele selbst (11).
Mit den Schwingen der Phantasie vermag die Seele den ganzen unendlichen Raum zu durchschweben, indem sie mit den Örtern die Zustände und Lebensbedingungen und Lebensgewohnheiten wechselt und umgekehrt. Wenn sie aber ihren ursprünglichen Adel und ihre völlige Unschuld wieder zurückerlangt, wird sie das Gefäß der reinen Wahrheit, die auch die vollendete Schönheit ist, rein, licht und unvergänglich. Göttlich, wie sie alsdann wieder ist, braucht sie nur zu wollen, um die Zukunft zu erkennen. Sinkt sie dagegen in die tieferen Regionen, so wird sie umhüllt mit Finsternis, Unwissenheit, Irrtum und Lüge, und wird immer unfähiger, die Dinge zu unterscheiden (12).
Das beste Mittel nun, die Phantasie zu läutern und ihre Schwingen zu kräftigen, ist ein spekulatives Leben. Wahre Philosophie verfeinert die Seele und nähert sie Gott nach dem Gesetze fortschreitender Entwicklung und zunehmender Anziehungskraft und Wahlverwandtschaft; eine solche Seele tritt in immer unmittelbareren Verkehr mit Gott. Wessen Einbildungskraft rein und gut geregelt ist, der erhält sowohl wachend wie träumend nur getreue Abbilder der Dinge, und wessen Phantasie nur getreue Abbilder der Dinge zumal im Traume erhält, der kann zugleich ruhig sein über den Zustand und das Los seiner Seele, er ist der Gottheit näher (13).