Im Vorstehenden ist die philosophische Bedeutung der Träume gegeben. Die Träume sind aber auch für das praktische Leben vom größten Wert. Denn wer wahre Träume haben will, muß ein nüchternes und keusches Leben führen, wer sein Bett zu einem delphischen Dreifuß machen will, muß sich hüten, es zum Zeugen nächtlicher Ausschweifungen zu machen, er bereite seinen Schlaf durch Gebete vor (14).
Auch macht der Verkehr der Seele mit Gott im Traum die Seele mit nichten ungeschickter für das irdische praktische Leben, umgekehrt wird die Seele von der Höhe aus weit besser alles überschauen, was darunten ist, als wenn sie selber stets nur am Boden klebt. Darum wünscht Synesios die Kunst der Traumdivination vor allem seinen Kindern zu hinterlassen, sie werden dann niemals nötig haben, die weite und beschwerliche Reise nach Delphi zu machen, sie brauchen nur den Schlaf so aufzusuchen, wie die keusche Penelope, von der Homer (Odyssee XVII, 48) sagt:
„Und nachdem sie die Waschung vollbracht und ein reines Gewand auch
Angezogen zur Nacht, rief zuvor im Gebet sie Athena.“
Während Hierophanten und Magier sich unter dem Vorwande äußerlicher Mittel, deren sie dazu bedürfen, für ihre Weissagungen oft schwere Summen bezahlen lassen, bedarf man zur Traum-Divination keines ägyptischen Vogels, keines Knochens aus Iberien, keiner Pflanze aus Kreta noch auch irgend einer Rarität vom tiefsten Meeresgrunde, man bedarf überhaupt keines Talismans, man legt sich schlafen, – das ist alles; im übrigen ist man sein eigenes Werkzeug. Auch kennt die Gottheit, die sich im Traum der reinen Seele offenbart, keine Unterschiede des Standes und Reichtums. Und, was das beste ist, kein Tyrann hat je daran gedacht, das Träumen innerhalb seines Staates zu verbieten und mit Strafe zu belegen (15).
Der Unglückliche wird durch Träume getröstet und erquickt, und faßt neue Hoffnungen, selbst der Gefesselte im Kerker, im Traume fühlt er sich seiner Bande entledigt und genießt eine unbeschränkte Freiheit (16). Die Träume sind entweder unmittelbare Wahrträume, – solche haben schon manchem Denker ein Problem gelöst, das er wachend zu denken sich vergeblich bemüht hatte. Auch Synesios selbst hat solchen Träumen vieles zu verdanken gehabt; besonders während seines dreijährigen Aufenthalts in Konstantinopel haben sie ihm viel genützt, indem sie ihm die Ränke und Intriguen der Gegner seiner diplomatischen Mission enthüllten; aber selbst in seiner Lieblingsbeschäftigung, der Jagd, haben sie sich ihm häufig dienstbar erwiesen, indem sie ihm die Fährten und Schlupfwinkel des Wildes entdeckten, ihm auch besondere Mittel und Wege zeigten, dasselbe zu finden und zu stellen.
Die meisten Träume sind jedoch symbolischer Natur und erfordern eine besondere Kunst, die Kunst der Traumdeutung. Diese Kunst ist nur durch eigene Erfahrung und Beobachtung zu finden (19). Wie wir einen bevorstehenden Wechsel der Witterung aus gewissen Anzeichen folgern können, so können wir aus bestimmten Symbolen des Traumlebens bevorstehende Ereignisse entnehmen. Wir brauchen einen Feldherrn oder König nicht selber zu sehen, um seine Ankunft zu erfahren; Vorreiter eilen ihm voraus und kündigen sie an; ebenso werfen bedeutende Ereignisse ihre Schatten voraus. Auch der Schiffer entnimmt ja aus bestimmten Anzeichen, künstlichen oder natürlichen Merkzeichen des Fahrwassers die Nähe eines Hafens oder einer gefährlichen Stelle (20, 21).
Diese Traumsymbolik ist aber durchaus individueller Natur, auf allgemeine Traumregeln ist kein Verlaß. „Es giebt Menschen, die sich kleine Bibliotheken über Traumdeutung anschaffen. Ich für mein Teil lache über alle diese Abhandlungen und halte sie für völlig wertlos. Die Phantasie der Menschen ist nicht einmal so gleichartig wie der Bau und die Physiognomie ihrer Leiber, welche immerhin noch den Gegenstand einer allgemein wissenschaftlichen Beobachtung bilden kann. Wenn eine Phemonoe oder ein Melampus oder sonst ein Wahrsager allgemeine Regeln der Traumdeutung aufzustellen wagt, möchte ich fragen, ob denn etwa auf konvexe oder konkave Linsen, oder Spiegel aus verschiedenem Stoffe die Gegenstände auf gleiche Weise widerspiegeln. Da jeder von uns seine ganz besondere Sinnesart hat, ist es unmöglich, daß dieselbe Traumvision für alle dieselbe Bedeutung habe.“ (22, 23).
Um sich nun eine individuell gültige Traumsymbolik zu verschaffen, soll man ein Tagebuch führen, in das man alle Erlebnisse verzeichnet, die nach irgend einem Traumbilde sich ereignen. Ein solches Tagebuch wird nicht nur ein unmittelbares und psychologisches Interesse erhalten, es wird auch sonst von praktischem Nutzen sein, uns in der Selbsterkenntnis fördern und selbst zur stilistischen Bildung und zur Unterstützung unseres Gedächtnisses dienlich sein können (24). Synesios berichtet nun, daß er ein solches Traumtagebuch seit langen Jahren mit größter Genauigkeit und nicht ohne häufigen praktischen Nutzen geführt habe.
Dies der wesentliche Inhalt der Abhandlung des Synesios über die Träume. Wenn ich dieselben hier für mitteilungswert halte, so liegt der Grund nicht nur in dem rein geschichtlichen Interesse, daß wir in ihr die einzige auf uns gekommene Schrift der neuplatonischen Philosophie besitzen, welche sich ex professo mit diesem Gegenstande, wenigstens mit seiner psychologischen Deduktion befaßt. Denn das gelehrte Werk des Artemidorus, Oneirocriticon, enthält zwar eine umfassende Sammlung der antiken Ansichten über die Traumsymbolik, vertieft sich aber nicht in die psychologische Ursache der Traumbildung und vertritt keine besondere philosophische Lehrmeinung. Es ist nicht ohne Interesse zu bemerken, daß Synesios in seiner Auffassung der Phantasie als des Traumorgans und als eines zugleich gestaltenden Grundvermögens der Seele dieselbe Ansicht vertritt, welche erst kürzlich der jüngere Fichte in seiner heutzutage viel zu wenig gewürdigten Anthropologie und Psychologie mit großem Aufwande deutscher Gelehrtengründlichkeit und empirischer Beobachtung zu begründen versucht hat. Auch Fichte (vergl. dessen Psychologie, Kap. III ff., ferner dessen Seelenfrage, pag. 108ff.) kennzeichnet die Phantasie als die eigentliche zugleich vorstellende und gestaltende Triebkraft der Seele, sie ist ihm, ebenso wie dem Synesios, der eigentliche Urleib oder „Ätherleib“ des Menschen. Als solche bethätigt sie sich (1) in der vorbewußten Leibesgestaltung und Mimik.