[Zweite Abteilung.]
Der Occultismus der Germanen.

Unsere Aufgabe, den Occultismus der Germanen darzustellen, würde eine sehr komplizierte sein, wenn wir uns dabei genau an die Entwicklungsgeschichte der germanischen Mythologie halten und die Vorstellungen und Bezeichnungen der einzelnen germanischen Stämme getrennt halten wollten.

Die kritische Forschung ist in dieser Richtung noch keineswegs zu allgemein anerkannten Ergebnissen gelangt.

Unsere Quellen über die vorchristliche Zeit sind äußerst dürftig. Erst die nordische Forschung, insbesondere die durch die Edda angeregte, hat uns reichhaltigeren Stoff gebracht. Über diese aber äußert sich wohl mit Recht Golther, Götterglaube und Göttersagen der Germanen, S. 1, dahin: „Gerade diejenige Götterlehre, welche im Aufbau abgerundet und vollkommen, von erhabenen Gedanken erfüllt, von sittlicher Anschauung getragen erscheint, die norwegisch-isländische, die auch den Deutschen und überhaupt einmal allen Germanen angehört haben sollte, gilt jetzt vielmehr als eine eigentümliche Neuschöpfung der Nordleute, als der letzte krönende Abschluß einer Entwicklung, an deren Anfang eine irrige Ansicht sie gestellt hatte.“ Dennoch ziehen wir es vor, unseren Lesern diesen Abschluß der Entwicklung zu bieten, anstatt ihn mit zweifelhaften Hypothesen darüber zu behelligen, wie viel von dem hier Gebotenen zur Zeit Cäsars, oder zur Zeit der Völkerwanderung bei dem oder jenem Zweige der germanischen Völkerfamilie schon ausgebildet gewesen sein mag. Denn jedenfalls ist im Keime mehr oder weniger Alles, was uns die Edda in vollendeter poetischer Ausgestaltung bietet, bei den Germanen gemeinsames Stammgut gewesen.

[Erstes Kapitel.]
Die Weltschöpfung der Edda. Yggdrasil.

Die germanische Mythologie verleugnet ihren uralten arischen Ursprung nirgends, es finden sich sogar Anklänge an die altindische Weltanschauung, die größte Verwandtschaft aber bezeugt sie zu den Glaubenslehren der Perser. Denn der Dualismus eines bösen und guten Weltprinzips, ewiger Kampf zwischen Licht und Finsternis kennzeichnet die germanische Weltauffassung nicht minder wie die persische; nur daß sich in der Ausprägung derselben im Einzelnen überall ein besserer, heroischer und poetischer Typus bewährt, dem man auch anmerkt, daß frühzeitige Auswanderung in die nordischen Breiten Europas ihn vor der unreinen Infektion mit dem schlechten Asiatismus bewahrte, der die Perser als Magismus entnervt hat.

Als einheitliches Weltprinzip waltet auch über dem Dualismus Allvater, der für die Ewigkeit den Sieg des Guten verbürgt, wenngleich er, ähnlich dem persischen Urgeist Zaruana akarana sich aus der zeitlichen Schöpfung zurückzieht und diese Welt dem Kampf der unteren, selber vergänglichen Götter überläßt.

Lassen wir den Skalden (der Edda) die Schöpfung schildern: Abgrund (Ginnungagap) war, und war nicht Tag und war nicht Nacht, und der Abgrund war gähnende Kluft, ohne Anfang und ohne Ende. Allvater, der Ungeschaffene, Unangeschaute, wohnte in der Tiefe und sann, und was er sann, das ward.