In Verbindung mit diesem Mysterium stand die Geschichte des Taliesin. Taliesin bezeichnet eine ganze druidische Priesterschaft, deren Orden sich „vom Kessel der Ceridwen“ nannte.

Ceridwen war nach dieser Geschichte ein zauberkräftiges Weib, das um seinen Sohn, einen ungestalten Menschen, schöner zu machen, einen Zauberkessel bereitete. Aber Gwion, der Sohn der Gevreang, störte sie in diesem Beginnen. Eines Tages, während Ceridwen Kräuter suchte und mit sich selber murmelte, begab es sich, daß drei Tropfen des kräftigen Wassers (aus dem Kessel) flogen und auf den Finger Gwions niederfielen, sie brannten ihn und er steckte den Finger in den Mund. Wie diese köstlichen Tropfen seine Lippen berührten, so waren seinem Blick alle Ereignisse der Zukunft geöffnet und er sah klar ein, daß seine größte Sorge sein mußte, sich vor der List Ceridwens zu bewahren, deren Kenntnis so groß war. Er floh heimwärts mit der größten Furcht. Der Kessel teilte sich in zwei Hälften; denn alles Wasser darin, außer den drei kräftigen Tropfen, war giftig, so daß es die Rosse des Gwyddno Garanhir vergiftete, die aus der Rinne tranken, worein sich der Kessel von selbst entleert hatte. (Darum hieß nachher dieser Ablauf das Gift der Rosse des Gwyddno.) In dem Augenblicke kam Ceridwen herein und sah, daß ihre ganze Jahresarbeit verloren sei, sie nahm einen Rührstock und schlug dem blinden Morda so aufs Haupt, daß eines seiner Augen auf seine Wange fiel. „Du hast mich ungerecht verunstaltet“, rief Morda, „du siehst ja, daß ich unschuldig bin, dein Verlust ist nicht durch meinen Fehler verursacht.“ „Wahrlich, sprach Ceridwen, Gwion der Kleine war es, der mich beraubte.“ Sogleich verfolgte sie ihn, aber Gwion sah sie aus der Ferne, verwandelte sich in einen Hasen und verdoppelte seine Schnelligkeit; allein Ceridwen wurde sogleich eine Jagdhündin, zwang ihn umzuwenden und jagte ihn gegen einen Fluß. Er lief hinein und wurde ein Fisch, aber seine schlaue Feindin ein Otterweibchen und verfolgte ihn im Wasser, so daß er genötigt ward, Vogelgestalt anzunehmen und sich in die Luft zu erheben. Aber dies Element gab ihm keinen Zufluchtsort, denn das Weib ward ein flinker Falk, kam ihm nach und wollte ihn erfassen. Zitternd vor Todesfurcht sah er grad einen Haufen glatten Weizen auf einer Tenne, er ließ sich mitten hineinfallen und ward ein Weizenkorn. Ceridwen aber nahm die Gestalt einer schwarzen Henne mit hohem Kamm, flog zum Weizen herab, scharrte ihn auseinander, erkannte das Korn und verschlang es. Und, wie die Geschichte weiter sagt, sie ward schwanger von ihm neun Monate, und als sie von ihm entbunden wurde, so fand sie ein so liebliches Kind an ihm, daß sie keinen Gedanken mehr hatte, es umzubringen. Sie setzte ihn daher in ein Boot, bedeckt mit einem Fell, und auf Anstiften ihres Mannes warf sie das Schifflein ins Meer am 29. April. Um diese Zeit stand das Fischwehr des Gwyddno zwischen Dyve und Aberystwyth bei seinem eigenen Schlosse. Es war herkömmlich, in diesem Wehre jedes Jahr am ersten Mai Fische von hundert Pfund Wert zu fangen. Gwyddno hatte einen einzigen Sohn, Elphin, den unglücklichsten und ärmsten Jüngling. Dies war ein großes Herzeleid für seinen Vater, welcher nach und nach glaubte, daß er zur Unglücksstunde geboren sei. Die Ratgeber überredeten indeß den Vater, seinen Sohn diesmal die Reuse ziehen zu lassen, gleichsam zur Probe, ob denn irgend einmal ein gutes Schicksal seiner warte, und er doch etwas bekäme, um in der Welt aufzutreten. Am nächsten Tage, es war der erste Mai, untersuchte Elphin die Reuse und fand nichts, doch als er wegging, sah er das Boot bedeckt mit dem Fell auf dem Pfade des Dammes ruhen. Einer der Fischer sagte zu ihm: „So ganz und gar unglücklich bist du noch nicht gewesen, als du diese Nacht geworden, aber nun hast du die Kraft der Reuse zerstört, worin man am ersten Mai jedesmal hundert Pfund Wert fing.“ „Wie so?“ sprach Elphin, „das Boot mag leicht den Wert von hundert Pfund enthalten.“ Das Fell ward aufgehoben, und der Öffner erblickte den Vorderkopf eines Kindes, und sagte zu Elphin: „sieh die strahlende Stirne!“ „Strahlenstirne (Taliesin) sei denn sein Namen!“ erwiderte der Fürst, der das Kind in seine Arme nahm und es seines eigenen Unglücks wegen bemitleidete. Er setzte es hinter sich auf sein Roß, als wenn es im bequemsten Stuhl säße. Gleich darauf dichtete das Kind ein Lied zum Trost und Lobe des Elphin, und zu gleicher Zeit weissagte es ihm seinen künftigen Ruhm. (Die Tröstung war das erste Lied, das Taliesin sang, um den Elphin zu erheitern, der über sein Mißgeschick beim Reusenzug sich grämte, noch mehr, weil er dachte, daß die Welt das Mißlingen und Unglück ihm allein zuschieben würde.)

Elphin brachte das Kind in die Burg und zeigte es seinem Vater, der es fragte: ob es ein menschliches Wesen oder ein Geist sei? Hierauf antwortete es in folgendem Liede. „Ich bin Elphin's erster Hausbarde und meine Urheimat ist das Land der Cherubim; der himmlische Johannes nannte mich Herddin, zuletzt jeder König Taliesin. Ich war neun volle Monate im Leibe der Mutter Ceridwen, vorher war ich der kleine Gwion, jetzt bin ich Taliesin. Mit meinem Herren war ich in der höheren Welt, als Lucifer fiel in die höllische Tiefe. Ich trug vor Alexander ein Banner; ich kenne die Namen der Sterne von Nord nach Süd; ich war im Kreise des Gwdion (Gwydion), im Tetragrammaton; ich begleitete den Hean in die Tiefe des Thales Ebron; ich war in Canaan, als Absalon erschlagen ward; ich war im Hofe von Don, ehe Gwdion geboren wurde, ein Geselle des Heli und Henoch; ich war beim Kreuzverdammungsurteil des gnadenreichen Gottessohnes; ich war Oberaufseher beim Werke vom Nimrods Thurm; ich war die dreifache Umwälzung im Kreise des Arianod; ich war in der Arche mit Noah und Alpha; ich sah die Zerstörung von Sodoma und Gomorra. Ich war in Afrika, ehe Rom erbauet ward, ich kam hierher zu den Überresten von Troja (d. h. nach Britannien). Ich war mit meinem Herrn in der Eselskrippe; ich stärkte den Moses durch des Jordans Fluß; ich war am Firmament mit Maria Magdalena. Ich wurde mit Geist begabt vom Kessel der Ceridwen; ich war ein Harfenbarde zu Teon (oder Lleon) in Lochlyn. Ich litt Hunger für den Sohn der Jungfrau. Ich war im weißen Berge (dem Tower in London) im Hofe des Cynvelyn in Ketten und Banden Jahr und Tag. Ich wohnte im Königreich der Dreieinigkeit. Es ist unbekannt, ob mein Leib Fleisch oder Fisch. Ich war ein Lehrer der ganzen Welt und bleibe bis zum jüngsten Tag im Angesicht der Erde. Ich saß auf dem erschütterten Stuhl zu Caer Sidin, der beständig sich umdrehte zwischen drei Elementen; ist es nicht ein Weltwunder, daß er nicht einen Glanz zurückstrahlt?“ Gwyddno, erstaunt über des Knaben Entwickelung, begehrte einen anderen Gesang und bekam zur Antwort: „Wasser hat die Eigenschaft, daß es Segen bringt; es ist nützlich, recht an Gott zu denken; es ist gut, inbrünstig zu Gott zu beten, weil die Gnaden, die von ihm ausgehen, nicht gehindert werden können. Dreimal bin ich geboren; ich weiß, wie man nachzudenken hat; es ist traurig, daß die Menschen nicht kommen, all die Wissenschaften der Welt zu suchen, die in meiner Brust gesammelt sind, denn ich kenne alles, das gewesen, und alles, das sein wird.“


Diese Geschichte des Taliesin ist einmal der Stufengang des Lehrlings bis zur höchsten Weihe, sodann die Geschichte des geheimen Ordens vom Kessel der Ceridwen und endlich die Naturgeschichte selbst. Gwyddno ist offenbar der höchste Einweiher in das Mysterium der Ceridwen.

Die Wasserfahrt war demnach ein Abbild der Fahrt des Hu und des Taliesin, die dritte Geburt, die jeder Eingeweihte erfahren mußte, wie der Meister des Ordens Taliesin. Der zweiten Geburt gingen manche schwere Prüfungen voraus, und von der ersten oder natürlichen Geburt bis zur zweiten war der Mensch als ungestaltet und schwarz angesehen, nach seinem Vorbilde, dem Avayddu, bis ihm nach jahrelangem Unterricht die drei Lebenstropfen zu Teil wurden, bis der Durst nach Wissenschaft bei ihm eintrat. Dagegen Ceridwen ist Wrach, oder Hexe, eine Furie, sie ist die Materie, die gewaltsam ihr Teil vom erwachten Geiste zurückfordert, sie ist der Tod, und ihr Kessel oder Schiff die Erde, worin der Mensch begraben wird. Sie ist die Mutter Natur, die das hilflose und ungeistige Kind (Avayddu) zur Schönheit, d. h. zur Geistigkeit entwickelt, dieser Entwickelung Bild ist der jahrelang kochende Kessel, aber der erwachte Geist entflieht der Materie, er kennt ihre Nachstellungen und entkommt ihr. Gwion ist dieser erwachte Geist, und heißt nicht mit Unrecht der kleine, nämlich der Jüngling, der in die Schule der Druiden geht. Seine Verwandlungen sind eben so viele Läuterungen, bis er als reines Weizenkorn von der schwarzen Henne, von der Mutter Erde aufgenommen wird. Nun ist er leiblich tot, bei seiner ersten Wiedergeburt tritt er in einen höheren Grad geistiger Wirksamkeit ein. Die erste Wiedergeburt geschah durch feierliches Hervortreten aus dem Cromlech, der etwa bildlich der Kamm der schwarzen Henne war. Die dritte Geburt des Lehrlings war an das Wiederaufleben der Erde, an den ersten Mai geknüpft, also durch die Frühlingsnachtgleiche bedingt. Wie tief diese Mysterien gegründet und wie viel umfassend ihre Lehren gewesen, zeigt nicht nur die Menge der dabei beteiligten Wesen, sondern auch deren weitgreifende Verwandtschaft durch die ganze Sage, und muß jeden zu dem Geständnis nötigen, daß von dem großen Lehrgebäude des Kesselordens uns nur wenig erklärlich und verständlich geblieben.


Diese Beispiele aus dem reichhaltigen Inhalt der keltischen Bardendichtungen mögen genügen, um das Urteil Mones zu verstehen, der seine Mitteilungen daraus mit den Sätzen schließt:

„Es ist eine weite Aussicht, die sich uns eröffnet, eine vielgestaltige Welt, an deren Thoren wir stehen, ein heiliger Tempelkreis, in den wir treten. Wir müssen mit reinem Herzen, das nicht auf Schlechtigkeit ausgeht, mit gelehrigem Geiste, dem nicht Hochmut und Vorurteil das höhere Licht verschlossen, kommen, wie Arthur und Cri, die in das Heiligtum aufgenommen wurden. Unglauben, wie er auch durch Unverständigkeit beschönigt wird, zerstört ebenso die Einsicht in das geistige Leben der Vorwelt, als der Glauben ohne Gründlichkeit, der, wenn er in der Nacht des Altertums einige Lichter erblickt, nun frohlockend meint, es bedürfe nur seiner Ansicht und Einbildung, um aus den zerstreuten und von ferne gesehenen Lichtern der Mitwelt einen Tag hinzuzaubern, wie er im Altertum gewesen. Bewahre sich vor beidem, wem es um die Sache ernst ist! Man braucht in sie weder Liebe noch Haß hineinzutragen, da Ein Ergebnis, das nicht mehr bestritten und bezweifelt werden kann, mehr als hinreichend ist, uns gerecht im Urteil zu machen, dieses nämlich, daß mit dem nordeuropäischen Heidentum, vorzüglich mit dem deutschen und keltischen, eine große Menge und Tiefe der Wissenschaften der Vorwelt verloren gegangen ist.“