Nun hab' ich zum Dank
Den teuren Trank.
Ihn werden die Weisen
Ein Kleinod heißen.
Aus ihm entsprang
Lied und Gesang
Im Himmel und auf Erden.

Niemals würd' ich
Den Riesenhöhlen
Entkommen sein,
Hätt' ich nicht Gunlöde,
Das gute Mädchen,
Umarmt und geliebkost.“


Ähnlich raubt nach indischen Mythen der Gott Indra den im Wolkenberge gefesselten Met und bringt ihn in Falkengestalt zu den Sterblichen.

„Ich weiß“, so spricht in einer der rätselhaftesten und tiefsinnigsten Dichtungen der Edda Odin, „daß ich hing am Baume der Welt neun lange Nächte, vom Speer verwundet, den Odin geweiht, ich selber mir selbst. Am Baume hing ich, des Wurzel keiner kennt. Man bot mir nicht Brot noch Trank. Da, in die Tiefe spähend, empfing ich Runen und sank vom Baume nieder. Vom Ahn, dem Urriesen, lernt' ich der Lieder neun, und trinkend den Mut aus Odrörers Born, gewann ich Gestalt und Bildung und begann zu denken. Wort aus dem Wort verlieh mir das Wort; Werk aus dem Werk verlieh mir das Werk. – Runen sollst Du finden, o Menschenkind, Ratstäbe, mächtige Stäbe, die Götter schufen, und die der allwaltende Herrscher eingeschnitten hat. Er schnitt sie ein zur Richtschnur den Völkern, dann entwich er von wannen er wiederkehrt.“ – Dieser Mythus wird von Mannhardt folgendermaßen gedeutet: „Der sinnende Gottesgeist, – Odin, – schwebt am Weltbaum außerweltlich über der zeitlich-materiellen Welt. Er blickt nieder in die Tiefen der Schöpfung und sucht Runen, d. h. die Eigenart, die Wesenheit der Dinge zu erforschen. Er leidet Pein: vom Speer verwundet, ohne Brot und Trank neun lange Nächte. Denn jede Geburt bringt Schmerz und bedarf der Zeit, um zu reifen. Wie er die Runen erkennt und erfaßt, sinkt er herab, er sich selbst zum Opfer bringend. Der Geist taucht in die unbeseelte Materie, wird innerweltlich, wächst und gedeiht im endlosen Leben durch das Leben, Wort aus dem Wort und Werk aus dem Werk. Er durchdringt und beherrscht die Welt, da er aller Dinge eigenste Art erkannt hat. Er beherrscht sie durch Lieder, welche die Runen lebendig, zauberkräftig machen; denn neun Hauptlieder hat er von dem urweltlichen Riesen erlernt und hat von Gunlöds Wundermet getrunken. Es ist die Sprache des Gesanges, die, wie in der hellenischen Orpheussage nicht bloß das menschliche Gemüt, sondern sogar leblose, unbeseelte Dinge belebt.“ – Der runenkundige Gott ist zugleich der Zauberkundige. Eins der ältesten altdeutschen Sprachdenkmale ist jener Zauberspruch:

phol unde uuôdan – Phol (Balder) und Wodan
uuorum zi holza; – fuhren ins Holz.
dô uuart demo balders uolon – da ward des Balders Fohlen
zin uuoz birenkit: – sein Fuß verrenket;
thu biguolen sinthgunt – da besprach ihn Sintgunt
Sunnâ, erâ suister – und Sonne, ihre Schwester;
thu biguolen uuôdan – Da besprach ihn Wodan,
sô he uuola conda: – Wie er wohl konnte;
sôse bînrenki – So die Beinrenkung,
sôse bluotrenki – So die Blutrenkung.
sôse lidirenki. – So die Gliederrenkung.
bên zi bêna – Bein zu Beine,
bluot zi bluoda – Blut zu Blute,
lid zi geliden – Glied zu Gliedern,
sôse gelîmida sên. – Als ob sie geleimet seien!


Sogar zu Mimirs Born war Odin hinabgestiegen, um den Grund aller Dinge zu erfahren. Heimlich fuhr er dahin und begehrte einen Trunk aus Mimirs Born. Aber der Riese verlangte dafür ein Auge des Gottes. So groß war dessen Durst nach Erkenntnis, daß er das eine Auge dafür gab. Mimir hatte vordem wohl Kunde von den ältesten Zeiten gehabt; allein die Einsicht in das Geschehende hatte ihm gefehlt; von nun ab benutzte er das Auge Odins als Trinkhorn, und aus des Geistes Auge trank er Einsicht vom Quell des Gedächtnisses. – Odin aber kehrte grübelnd und sinnend zurück. Vieles war ihm klar geworden; doch sah er ein, daß niemand Allvaters Ratschlüsse aus der Natur endlicher Wesen erschließen kann, und wenn er die Schöpfung bis zum ersten Keimpunkt zurückverfolgt. Als die Asen ihn fragten, wodurch er sein Auge verloren, zeigte er auf die großen Lichter, welche Tag und Nacht erhellen, und „Wißt ihr“, fragte er sie, „warum nur eine Sonne und ein Mond an meinem Himmel steht? Seht, ihr Ebenbild schaut euch aus dem Gewässer entgegen. Ein Auge des Himmels wacht über der Welt; das andere ist versenkt in das Meer der Zeiten, in den Urstoff der Dinge.

Ein tieferer Sinn dieses Mythus vom einen Auge Odins, dessen anderes er bei Mimir zum Pfande ließ, scheint mir durch die spekulative Hypothese vom transscendentalen Ich gegeben zu sein, die wir bereits bei Plato und Aristoteles berührten, die Kant und endlich du Prel in der Lehre vom Doppel-Ich, dessen eine Hälfte im Transscendenten liegt, modernisiert hat. (Vergl. [S. 832] und [613] oben.)

Nächst Odin-Wodan nehmen Thor und Loki die bedeutendste Stelle im germanischen Götterhimmel ein.