Thor, Thunaras, ahd. Donar, ist ebenfalls Himmelsherrscher, aber eine von dem höheren umfassenden Begriffe Odins abgespaltene Rolle, nämlich als Herr des Gewitters. Nach ihm trägt der Donnerstag noch heute seinen Namen. Auf einem von Böcken gezogenen Wagen fuhr er durch die Wolken dahin, der einschlagende Blitz war sein Geschoß, gedacht als steinerner Wurfhammer. Sein Charakter vereint Kampflust und Gutmütigkeit; letztere läßt ihn oftmals das Opfer von Trug und Lug werden. Ihm galt vor allem das Gebet und der Kriegsgesang der Germanen beim Auszug in die Schlacht.

Nach Mone (S. 404) ist Thor „das Übergewicht der allgemeinen organischen Lebenskraft über die unorganische Materie oder mit anderen Worten der kämpfende Sonnenheld“. Letzteres würde uns begreiflich machen, warum die Römer in ihm nicht nur ihren Jupiter tonans, sondern mehrfach auch ihren Herkules wiederzuerkennen glaubten.

Er war ein Sohn Odins und der Erde, was ganz physikalisch durch die aus der Erde aufsteigenden Gewitterwolken gedeutet werden könnte. Er versinnbildlicht auch die Fruchtbarkeit, als zeugendes Prinzip; denn die blonde Sif, die Ernte ist sein Weib, nämlich im Sommer; im Winter heißt sein Weib Jarasaxa (Eisenschwert oder Pflugschar). Kraft ist seine hervorstechendste Eigenschaft. Thrudheimr (Kraftwald) ist der Name seines Wohnsitzes, er wandert gern mit einem Tragkorb auf dem Rücken zu Fuß einher, ißt und trinkt unmäßig, ist leidenschaftlich, und wenn er zürnt, schnaubt er in seinen roten Bart, daß es wie Donner durch die Wolken schallt.

Er ist der Hauptfeind des Riesengeschlechts. Als er einst schlief, – im Winter ist seine Kraft abwesend –, stahl ihm der Riese Thrymr, der Starke, seinen Hammer (Mjöllnir) und verbarg ihn tief in der Erde. Er wollte durch Vorenthaltung des Hammers sich die Göttin Freyja zur Frau erpressen. Auf Heimdallrs Rat legte nun Thor Freyjas Gewand an und nahm den listigen Loki, der sich als Magd verkleidet hatte, mit ins Thursenland, das Thrymr beherrschte. Von Thrymr sehnsuchtsvoll empfangen, fiel er diesem auf durch unmäßiges Trinken und Essen, einen ganzen Ochsen aß er und acht Lachse und alle Kuchen, die den Weibern bestimmt waren. Da hob Thrymr seinen Schleier und prallte entsetzt zurück, da er Thors furchtbar funkelnde Augen erblickte. Doch gebot er, den Hammer zu bringen um die Braut zu weihen.

Da lacht dem verkleideten Thor das Herz, als er seinen Hammer wiedersieht; er ergreift ihn, erschlägt den Riesenfürsten und zerschmettert das ganze Geschlecht.

Mone findet in dieser Sage eine Anspielung auf die Idee der Wiedergeburt: „da Heimdallr die Seelen zur Wiedergeburt der Frau (Freyja) überliefert, so muß Thor selbst eine Frau werden, wenn er (der Winterschlaf ist der Tod) wiedergeboren sein, d. h. zu seinem Hammer gelangen will.“ Einfacher und natürlicher scheint es mir, darin nichts anderes als das Erwachen des Frühlings zu finden.

„Noch schläft die Mutter Erde,
Träumend vom Auferstehn;
Da ruft ein mächtig Werde
Der Gott; es muß gescheh'n.
Er spaltet mit dem Hammer
Des Eises starres Thor.
Da tritt sie aus der Kammer,
Bräutlich geschmückt hervor.“


Loki, der Endiger, von riesischer Abkunft, ist der Anstifter jeglichen Unheils bei Göttern und Menschen, scheinbar zunächst ein treuer Gefährte der anderen Asen, schön wie Lucifer, hat er im Anfang der Zeiten mit Odin Blutsbrüderschaft getrunken. Doch weil er vom Herzen eines bösen Weibes getrunken, ist er schwanger geworden und hat die Ungeheuer, den Fenriswolf, die Midgardschlange und die Totengöttin Hel geboren. Er selbst pflegt sich unter den verschiedensten Verwandlungen zu zeigen, ein Geist, der stets dem Widerspruch und der Verneinung dient. Er heißt auch Loptr (Luft) und Lodorr (Hitze); Funkenspiel und zitternde Luftbewegung bringt heute noch nordischer Volksglaube mit Lokis Namen in Verbindung. Loki ist das Feuer, das der Sturm aus dem Holze entfacht. Denn seine Eltern heißen Farbauti, der gefährlich Schlagende und Nal, Nadel am Nadelbaum.