Loki ist es, der bekanntlich den Balder, diese reinste Lichtgestalt unter den Asen, den guten Gott durch den blinden Hödur töten läßt, wie es die jüngere Edda 49 schildert: Balder, der Gute, hatte schwere Träume, sein Leben sei in Gefahr. Da hielten die Asen Rat, um ihn zu schützen, und Frigg, seine Mutter, nahm Eide von allen Elementen, Steinen, Pflanzen, Tieren, Krankheiten und Giften, daß sie Balder verschonen sollten. Die Asen stellten darauf den Balder in die Mitte, warfen und schlugen nach ihm mit allen möglichen Werkzeugen und konnten ihn nicht verletzen. Loki aber, der die Gestalt eines alten Weibes angenommen hatte, lockte der Frigg das Geheimnis ab, ob ihrem Sohn doch vielleicht etwas schaden könne. Unvorsichtig vertraute ihm Frigg, von einer Mistel allein, die auf einem gewissen Baum wachse, habe sie keinen Eid genommen, da dieselbe ihr zu jung vorgekommen sei. Da pflückte Loki die Mistel ab und gab sie dem Hödur, der ein Bruder des Balder und von großer Stärke, aber blind war. Als nun alle Asen schon versucht hatten, den Balder zu verletzen, sollte es auch der blinde Hödur versuchen; kaum aber berührte er ihn mit der Mistel, so fiel der schöne Bruder tot zu Boden. Seine Leiche wurde von den Asen in ein großes Schiff gebracht und verbrannt. – Die Götter entsandten Hermordr, einen anderen Bruder Balders, nach Hel, der Totengöttin, um den Gestorbenen aus ihrer Macht zurückzulösen. Hel knüpfte die Auslösung an die Bedingung, daß alle Wesen, lebende und tote, um Balder weinen. Das thaten sie auch mit Ausnahme des Riesenweibes Tök, einer Vermummung Lokis, und somit konnte Balder nicht wieder zur Welt kommen.


Die Deutung dieses Mythus bietet viele Schwierigkeiten. Im allgemeinen kann Uhlands Erklärung, Sagenforschungen I, 144ff. als die natürlichste gelten, der Balder als das Licht und den Sommer, den blinden Hödur als die Nacht und den Winter, Balders Tod als die Schwächung der Sonne in der Sonnenmitte, Nanna als die Pflanzenwelt, die mit dem Sommer stirbt, deutet. Aber unerklärlich steht die in der Druidenlehre so wichtige Mistel da. – Nach Professor Kauffmann und Professor Golther haben wir es nur mit einer erst spät zur Göttersage umgewandelten Heldensage zu thun, die ursprünglicher und echter bei Grammaticus überliefert ist, wo Balder, ein Held, mit Kriegsmacht in das Land des Gevarus eindringt, um sich Nanna, seine Geliebte zu erkämpfen. Er fällt hier durch das Schwert Hothers, welches Mistilteinn heißt. Dies Wort sei später als Mistelzweig mißverstanden.

Indeß erscheint mir diese Hypothese schon anticipatorisch bei W. Menzel, vorchristl. Unsterblichkeitslehre widerlegt zu sein. Wahrscheinlich ist doch, daß der esoterische Kern der Mythe ähnlich wie derjenige des Osiris- und Zagreus-Dionysios-Mysteriums die Wiedergeburt und die Wiederbringung aller Dinge betrifft. – Die Asen wollten den Loki für seine Frevel sofort töten. Aber Odin, der schon vorher den Tod Balders bei seinem Ritt nach Niflheim erkundet hatte, hindert die Ermordung Lokis. Er weiß, daß alles sich nach dem Schicksal erfüllen muß, daß Loki dereinst diese Welt zerstören wird, daß aber in der darnach erstehenden neuen Welt Balder herrschen soll. Loki ward nun, wie sein Sohn, der Fenriswolf, gebunden mit einem Geisterbande. So lange diese Bande nicht reißen, so lange besteht die Welt. Nach dem nordischen Glauben sind wir aber schon im sechsten Alter der Welt, eine Idee, die im ganzen Mittelalter Volksglaube war, wonach sieben Weltalter einander folgen sollen. Wenn Loki oder der Teufel wieder los wird, dann kommt das Ende der Welt.

Erwähnung verdient unter den männlichen Asen neben Hoenir, Uller, Bragi, dem Skaldengott, Aegir, der die Ruhe des Meeres personificiert. In Aegirs durch Frieden geheiligter Halle sind die Götter gern zu Gast und zechen; statt des erleuchtenden Feuers dient hier strahlendes Gold. Im Leuchten des windstillen Meeres mochte man, meint Uhland, den Glanz des versunkenen Goldes spielen sehen. Erwähnung verdient sodann noch Freyr, welcher die Sehnsucht des Mannes nach dem Weibe darstellt. Er wirbt lange vergeblich um Gerdur, deren Wesen am besten als weibliche Schamhaftigkeit bezeichnet wird, bis er schließlich mit Hilfe magischer Mittel, die sein Diener Skirnir anwendet, sie überwindet. Endlich ist noch Heimdallr zu erwähnen, eine nordische Form des deutschen Ziu, der über die Welt leuchtende. Auf den Himmelsbergen am Regenbogen, der als Brücke Himmel und Erde verbindet, ist sein Wohnsitz. Er hütet diese Brücke, daß diese bösen Riesen von der Erde nicht hinaufsteigen, um den Himmel zu stürmen. Wie Loki das zerstörende, ist Heimdallr das erhaltende Prinzip. Nach W. Menzel vertritt er innerhalb der Zeitlichkeit die Beziehung zur Ewigkeit, die Fortdauer, das Leben der Menschheit überhaupt. Deshalb wird er auch unter dem Namen Rigr als Vater des Menschengeschlechts gedacht.


Unter den weiblichen Gottheiten steht als Urgöttin, als die große Lebensmutter, an der Spitze Frigg, das Weib Odin-Wodans, von der der Freitag (dies Veneris) seinen Namen hat. Sie ist die Göttin der Liebe und des Kindersegens. Als jüngere Schöpfung der isländischen Dichtung (nach Golther) steht ihr Freyja zur Seite, die vielfach mit ihr verwechselt wird. Freyja ist das weibliche Seitenstück zu Freyr. Ihr Mann war Odr, ihr Saal heißt Saßrymnir, sie fährt aus mit zwei Katzen, nimmt huldvoll die Bitten der Menschen auf und ist eine Freundin der Liebeslieder. Odr ist die stürmische und feurige Begierde (dem Wort nach die Wut, der Sache nach die Geilheit), Freyja aber die Wollust, Venus libitina. Der gemeinsame Kinder, eine Tochter, heißt Hnoß (Genuß). Um den kostbaren Halsschmuck Brisingamen zu erwerben, gab sie sich dem Volk der Zwerge preis (Venus pandemos). Dagegen haßt sie die Riesen, die eben so sehr nach ihr begehren, aber von Loki durch ein Wolkenbild getäuscht werden. Wie Venus (libitina) ist sie auch eine Todesgöttin, welche die Gestorbenen mit Odin teilt, und weil sehr viele den Tod der Wollust sterben, d. h. die Lust genießen, so heißt ihre Wohnung Fólkwángar (Volksaufnahme). Freyja selbst dagegen kann gar nicht sterben; es heißt vielmehr, sie wird alle Götter überleben.

W. Menzel erklärt sie daher als die Sonne, welche nach dem Weltende wieder scheinen soll, also in Ewigkeit fortdauert, wenn Odin mit allen Asen längst todt sind. Sie heißt auch Mardöll, Gefen (Hingebung), Hörn (Hure). Durch den durch ihre Buhlerei mit den Zwergen erworbenen Halsschmuck fesselte sie ihren Gatten ganz an sich, bis er einmal erfuhr, um welchen Preis sie denselben erlangt hatte, worauf er sie entrüstet verließ. Als sie erwachte, fand sie ihn nicht mehr, aber auch ihr Halsschmuck war verschwunden und im tiefsten Jammer suchte sie nun den entflohenen Gatten alle Länder durchirrend. Die Thränen, die sie weinte, wurden Perlen und Gold. Endlich nach langen Jahren fand sie den Gatten wieder, er gab ihr den Schmuck zurück und nahm sie wieder zu sich, weil er in der ganzen Welt keine Schönere gefunden. Als umherirrende Bertha erkennt man sie in den deutschen Sagen wieder.

Als Frühlingssonne wird Freyja zur Ostara, die wir am besten durch F. Dahns schöne Verse charakterisieren:

„Es kam der Hirt vom Anger und sprach: Der Lenz ist da;
Ich sah sie in den Wolken, die Göttin Ostara;
Ich sah das Reh, das falbe, der Göttin rasch Gespann,
Ich hörte, wie die Schwalbe den Botenruf begann.
Es brach das Eis im Strome, es knosp't der Schlehdornstrauch;
So grüßt die hohe Göttin, grüßt sie nach altem Brauch!