Da zieh'n sie mit den Gaben zum Hain und zum Altar,
Die Mädchen und die Knaben, der Lenz von diesem Jahr;
Das Mädchen, das noch niemals im Reigentanz sich schwang
Und doch vom Knabenspiele schon fernt ein scheuer Drang.
Der Knabe, der noch niemals den Speer im Kampfe schwang
Und dem der Glanz der Schönheit doch schon zum Herzen drang.
Sie spenden gold'nen Honig und Milch im Weiheguß
Und fassen und umfangen sich in dem ersten Kuß;
Und durch den Wald, den stillen, frohlockt es: Sie ist da!
Wir grüßen Dich mit Freuden, o Göttin Ostara!“


Prof. Kaufmann freilich (deutsche Mythologie S. 106) behauptet, daß von einer Göttin Ostara in der Überlieferung des Altertums eine Spur nicht zu finden sei.

Dagegen berichtet uns die Edda von Iduna, der „vorwissenden Göttin“, daß sie von der Esche Yggdrasil, die sie mit ihrem heiligen Wasser zu bethauen pflegte, herabgesunken sei.

„Schwer verträgt sie
Dies Niedersinken,
Unter des Laubbaums
Stamm gebannt,
Nicht behagt es ihr
Bei Nörvis Tochter (der Nacht)
So lange gewöhnt
An heitere Wohnung.“

Auch Iduna ist nichts anderes, als die immer wiederkehrende (id = wieder) Sonne. Nachdem die Asen vergebens alle Mühe erschöpft haben, Iduna zum Himmel zurückzurufen, sagt die Edda (im Rabenzauber) weiter, will Odin die Asen nicht schlafen lassen, sondern versammelt sie noch in der Nacht zu neuer Beratung. Aber Nörvi, der Vater der Nacht, schlägt mit dorniger Rute (dem Schlafdorn) die Völker ringsumher, und auch die Asen nicken unwillkürlich ein, selbst der Wächter Heimdallr wird schlaftrunken. Am Morgen aber geht die Sonne prächtig am Himmel auf, die Nacht entflieht und froh und erfrischt steigt Heimdallr wieder zu den Himmelsbergen.

Iduna verwahrt wunderbare Äpfel, von denen die Götter essen, um sich ewig jung zu erhalten. Einst hatte mit Lokis Hilfe der mächtige Riese Thiassi Iduna nebst ihren Äpfeln geraubt. Da fingen die Götter sämtlich zu altern an und zwangen Loki, um jeden Preis die Iduna mit ihren Äpfeln zurückzubringen. Er unternahm es, indem er als Falke in Thiassis Wohnung flog, Iduna in eine Nuß verwandelte und sie in seinen Klauen forttrug. Zwar verfolgte ihn der Riese Thiassi, als Adler, die Götter aber hielten ihn durch ein Feuer auf, worin er verbrannte. Uhland deutet diesen Mythus, indem er unter Thiassi, der alles kleben d. h. gefrieren macht, den Winter, unter Iduna und ihren Äpfeln die Vegetationskraft, das Naturleben versteht, welches im Winter verschwindet, und unter dem Falken den heiteren Frühlingshimmel, unter der Nuß den Keim der wiederverjüngten Pflanzenwelt. Darum liebt man es noch heute, den Tannenbaum am Weihnachtsfest, der winterlichen Sonnenwende, mit vergoldeten Nüssen zu schmücken.

Die Äpfel erinnern an die von Herakles den Hesperiden geraubten Äpfel, die Athene wieder in den Garten derselben zurückversetzt. Auch Athene ist das ewige, jungfräuliche Licht der Sonne, und W. Menzel (vorchristl. Unsterblichkeitslehre S. 99) glaubt sogar auf den Gleichklang der Namen Iduna, Athene aufmerksam machen zu sollen.

[Drittes Kapitel.]
Götterdämmerung und Wiedergeburt.