Die eigenartigste Idee der altgermanischen Glaubenslehre ist die Götterdämmerung oder Ragnarök (der letzte Weltbrand).
Gemeinsame Überzeugung aller deutschen Völker war, daß Welt, Völker und Menschen dereinst im Feuer untergehen werden, um einer neuen besseren Weltschöpfung Platz zu machen.
Dieser Glaube an einen Weltuntergang findet sich freilich auch bei andern Rassen, aber der germanische Weltuntergangsglaube hat einen heroischen Charakter. Unsere Vorfahren meinten nämlich nicht, sie würden wie Schafe im Stalle verbrennen, sondern mitten im Brande wollten sie noch kämpfen.
„Nun lese mit Bedacht der Nibelungen Not“, schreibt Mone, a. a. O. S. 447, „wenn man schaudert über einen nicht durch Zufall, sondern durch Freiheit herbeigeführten Untergang, so muß man erstaunen über die Unerschütterlichkeit der Heldenseelen, die der Edelmut ihres Feindes bis zu Thränen rührt, die aber vor keinem Tode, vor keiner Qual zittern, die durch Not wohl bis zur Gräßlichkeit getrieben werden, daß sie das Blut der gefallenen Feinde trinken; die aber, weit entfernt sich der Feigheit und Verzweiflung zu überlassen, lachend den Tod verhöhnen, und bis auf den letzten Hauch ihren Mut bewahren. Ist je eine Religion geeignet, allem Schicksal Trotz zu bieten, ist je der Satz der Freiheit zu einer durchdringenden und großartigen Überzeugung geworden, so ist es im deutschen Glauben geschehen, wo die Welt aus Gottes Freiheit hervorgegangen und darum durch ihre eigene Freiheit zertrümmert wird. Kein europäisches Volk, selbst die Griechen und Römer nicht, haben einen Volksglauben von dieser Größe aufzuweisen.“
Der Anfang des Endes wird der Fimbulwinter sein, da fällt Schnee von allen Seiten, große Kälte, scharfe Winde, kein Blick der Sonne, so folgen drei Winter nacheinander. Dann folgen drei Jahre voll Krieg, die Menschen bringen sich untereinander um, der Bruder schont des Bruders, der Vater des Sohnes nicht.
„Brüder werden streiten
Und einander morden;
Verwandte werden durch
Das Blutbad sich trennen.
Es wird hart in der Welt!
Der Ehebruch waltet
Im Zeitalter der Beile,
Der Schwerter,
Wo Schilde krachen.
Es kommt die Windzeit,
Die Wolfszeit,
Ehe die Welt vergeht.
Kein Mann wird sein,
Der das andere schaut.“
Dann verbrennt die Weltesche Yggdrasil, die große Achse, die Erde und Himmel zusammenhält.
Doch lassen wir die Edda selber reden:
„Hrymr fährt von Osten, vor sich hält er den Schild, Hormungandr wälzet sich mit Riesenzorn, die Wogen schlägt die Schlange, der Adler schreit und zerreißt die Leichen, Naglfar wird los. Dies Schiff fährt von Osten, kommen werden Muspells Leute auf das Meer, und Loki steuert. Der Thorheit Kinder fahren alle mit Fenrir und ihn begleitet auf der Fahrt Bifrosts Bruder. Surtur fährt von Süden mit schweifender Flamme, die Sonne scheint vom Schwerte der Schlachtgötter; die Erde bebt und alle Gebirge, ausgerissen werden die Bäume, die Felsenberge zerklüpften, alle Fesseln und Bande brechen und reißen, das Meer strömt auf das Land, die Riesenweiber stürzen zusammen, Menschen betreten den Höllenweg und der Himmel zerspaltet. Wie dann mit den Asen, wie dann mit den Alfen? Die ganze Riesenwelt erschallt, die Asen sitzen im Gericht, die wegweisen Zwerge stöhnen vor den Steinthüren. Wisset ihr etwas mehr? Mit gaffendem Rachen kommt Fenrir, der Oberkiefer steht am Himmel an, der untere auf der Erde, Feuer brennen ihm aus Augen und Nase, die Midgardschlange bläst so viel Gift aus, daß alle Luft und See verpestet wird, sie ist ein grausenhafter Anblick und steht dem Wolfe zur Seite. Muspells Söhne reiten über Bifröst, Surtur voran, um ihn brennendes Feuer, worauf die Brücke zerbricht. Sie kommen auf das Feld Vigride, da erscheinen auch Fenrir, Midgardzormr, Loki mit allem Gesinde der Held und Hrymr mit allen Hrimthursen.
Die Asen ziehen ihr Kriegskleid an und alle Einherier und reiten hinaus auf das Schlachtfeld, Odin voran mit dem goldenen Helm, der schönen Brünne und dem Zauberspieß Gungmirs. Ihm zur Seite ziehen Thor und Freyr, keiner kann aber dem andern helfen, weil jeder die letzte Kraft gegen seinen eigenen Feind anstrengen muß. Odin kämpft mit Fenrir lang und hart, Thor mit der Erdschlange, die er mit seinem Hammer erschlägt; aber neun Fuß davon fällt er selbst todt nieder vom Gifte, das sie gegen ihn ausgeblasen. Freyr steht gegen den Surtur, aber da er sein gutes Schwert weggegeben, so fällt er nach furchtbarem Streite, Tyr gegen den Hund Garmr und der Kampf mit diesem Ungeheuer endet mit dem Tode beider. Fenrir verschlingt den Odin lebendig, aber der gewaltige Sohn Sigföders, Widar tritt mit seinem Schuh dem Ungetüm in den Unterkiefer, zerreißt ihm den Rachen, stößt ihm sein Schwert ins Herz und rächet so seinen Vater Odin. Zuletzt fallen Heimdallr und Loki im Zweikampf, Surtur verbrennt dann die ganze Welt, die Sonne wird schwarz, die Erde sinkt ins Meer, vom Himmel fallen die heiteren Sterne, Rauch wallt auf vom Feuer, die hohe Flamme fliegt bis zum Himmel.“