Nach diesem Weltuntergang wird Allvater einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.

Die tiefe esoterische Idee, welche auch der Mythe vom Weltbrande zu Grunde liegt, ist die der Wiedergeburt.

„Wenn Himmel und Erde“, fährt die Edda fort, „und alle Welt verbrannt ist, wenn alle Götter, alle Einherier und alles Menschengeschlecht tot, so wird jeder Mensch in einer der (neuen) Welten leben alle Zeiten hindurch. Denn es giebt manche guten und manche bösen Stätten; da sind drei Säle, der des Sindri-Geschlechtes steht nordwärts von rotem Golde gemacht, der andere ist ein Biersaal der Riesen, steht auf Okolnir und heißt Brimir; in diesen Sälen werden die guten und gerechten Menschen wohnen. Fern von der Sonne steht der dritte Saal am Leichenstrand (Naströnd), die Thüre gen Norden gekehrt. Gifttropfen fallen zum Fenster hinein, geflochten ist der Saal von Schlangenrücken, die Köpfe aber stehen einwärts und blasen Gift aus, sodaß Giftströme durch den Saal fließen, Mörder und solche, die eines anderen Braut ins Ohr raunen. Da saugt der Nidhöggr hingegangene Leichen aus und zerreißt der Wolf die Menschen.“


Sindri entspricht dem Urdaborn und ist mit Gold gedeckt zur Anspielung auf das leuchtende Muspelheim; Brimir ist ein Trinksaal der Riesen zur Erinnerung an Ymirs Entstehung und entspricht dem Mimirs Born und Ginnungagap; der Schlangensaal weist auf die Schlangen im Hvergelmir und Niflheim zurück. Zur Erklärung schreibt Mone (a. a. O. S. 468): In der Schöpfung ist Bewußtlosigkeit der erschaffenen Wesen, im Leben entwickelt sich das Bewußtsein, darum ist es ein beständiger Streit zwischen Wahrheit und Wahn, der Weltbrand ist die Vollendung des Bewußtseins. Da die Lebenspflicht Kampf, und dieser, wie oben gezeigt, sowohl leiblich als geistig ist, so tritt mit dem Bewußtsein die Überzeugung von Verdienst und Schuld und die Notwendigkeit von Lohn und Strafe ein, die drei Säle der Wiedergeburt sind also die Orte des Lohnes, des Zwischenzustandes oder der Vorbereitung zum Lohne, und der Strafe (im Christentum Himmel, Fegfeuer, Hölle), Gedanken, die natürlich bei den drei Brunnen des Lebens noch nicht vorkommen konnten. Aus den obigen Worten der Edda erhellt, daß die guten Menschen in den Sindri, die gerechten in den Brimir, die sündhaften in den Schlangensaal kommen. Umsonst wird dieser Unterschied nicht sein, in ihm liegen folgende Gedanken. Die Güte ist die wahre Tugend, die allein belohnt wird, die ihr Vorbild am Balder hat, der darum ausdrücklich der Gute genannt ist. Sie besteht in dem durch sittlichen Kampf errungenen thätigen Willen zur Tugend, die Gerechtigkeit aber erwirbt durch den Kampf mit dem Bösen kein größeres sittliches Eigentum, sondern bewahret nur ihren Besitz, wer sich aber feig vom Bösen überwinden läßt, der ist ein Sünder und verspielt sein sittliches Vermögen an den Teufel. Derselbe Gedanke ist im Evangelium durch die Knechte und ihre Talente bezeichnet. Auf drei Sünden wird der Nachdruck gelegt, auf Meineid, Mord, Ehebruch, dieser ist zwar ein Zusatz, aber so gültig wie die Quelle. Die drei Sünden heben die Grundlagen des Lebens, Wahrheit, Persönlichkeit und Fortpflanzung auf; da die Strafe im Aussaugen und Zerreißen der Leichen besteht, so heißt dies mit anderen Worten, die Sünder verlieren in der anderen Welt ihre Selbständigkeit oder Persönlichkeit, ihr Körperliches wird aufgelöst und in die allgemeine Materie zurückgeworfen, ihre Seele ist dadurch in der Wanderung gehemmt, weil ihr Leib, statt vollkommen zu werden, wieder in seine Urstoffe aufgelöst wird. Solche Seelen irren deswegen als Gespenster umher, bis ihre Strafzeit vorüber und sie wieder einen Leib finden. Die Gespenster sind also eine mikrokosmische Folgerung aus dem Weltbrande und der Wiedergeburt. Von den Guten heißt es nie, daß ihr Körper in jener Welt zerstört würde, im Gegenteil haben schon die Einherier einen so vollkommenen Leib, daß er durch Wunden nicht getötet wird, und die Gerechten trinken in voller Gesundheit Bier im Saale Brimir, während Nidhöggr Leichen aussaugt, denen die Seele entflohen (nair framgeingnir, Vol. 45). Man kann hieraus die Stufen der Seelenwanderung erkennen: wer nach seinem Tode Einherier wird, kommt nach dem Weltbrand in den Sindri, wen die Hel verwahrte, der gelangt in den Brimir, wo Bier getrunken wird wie in Walhall. Also kommen die Gerechten erst nach dem Weltbrand auf jene Stufe, auf der die Einherier schon vor demselben standen; die Verbrecher aber, die nach dem Tode an den Leichenstrand gelangen, gehen nach dem Weltbrand in den Schlangensaal und müssen die irdische Laufbahn und Prüfung von vorn wieder anfangen. Hieraus folgt, daß die Guten nicht mehr auf die Erde zurückkommen, wohl aber die Gerechten und Bösen, daß also die Welt notwendig immer schlechter wird und die Vorzeit besser war, was beides noch jetzt vielfach deutscher Volksglauben ist. Es scheint ein altgermanischer Glaubenssatz gewesen zu sein, daß jeder Gerechte und Verbrecher wiedergeboren werde, bis die Welt untergehe, welcher Sünder sich bis dahin nicht gebessert hätte, der würde in den Schlangensaal kommen. Dies bestärkt auch eine Stelle im Havamal, wo nur zwei Dinge, der gute Ruf (die Tugend) und der Urteilsspruch über den Toten als unsterblich angeführt werden:

„Mäßige Weisheit wahre der Mann,
Er werde nicht allzu weise:
Wer, was er weiß, auch gründlich weiß,
Hat's immer leicht im Leben.
Mangelt dem Manne Gemüt und Verstand,
Bespaßt und verspottet er alles.
Wissen soll er und weiß es nicht,
Daß selber nicht frei er von Fehlern.
Ein Thor nur wähnt, man ward ihm Freund,
Wenn ein Mensch nach dem Munde ihm redet.
Doch fehlen ihm Fürsprecher vor Gericht,
Dann merkt er, daß Mancher ihn täuschte.
Zum Thoren verschwatz sich, wer Schweigen verlernt
In lautem losen Gerede.
Die Zunge, die ohne Zügel rennt,
Redet sich oft ins Unglück.
Früh wache, wer wenig Werkleute hat,
Um selbst nach dem Rechten zu sehen,
Manches versäumt, wer den Morgen verschläft;
Hurtig ist halb gewonnen.
Fettling hatte volle Hürden,
Und die Kinder kaun an den Fingern,
Reichtum, der falsche Freund verschwand
So schnell, wie ein Wink der Wimpern.
Gütig Gemüt und munterer Geist
Hat leichtes, sorgloses Leben.
Der Ängstliche kommt zu keinem Genuß
Und kargt auch scheu mit Geschenken.
Die Gabe braucht nicht groß zu sein,
Oft kauft man Dank mit der kleinsten;
Ein Stückchen Brot und Becher der Rest,
Gewann mir schon manchen Gesellen.

Trau nicht zu viel der Frühsaat im Feld,
Trau nicht zu viel dem Frühwitz beim Kind,
Die Saat braucht Zeit, Erziehung das Kind,
Unsichere Dinge dünken sie sonst.
Trau nicht des Mädchens traulichem Wort,
Trau nicht des Weibes traulichem Wort,
Ihr Herz ward geschaffen auf schwingendem Rad,
Wankelmuts Wohnung ist weibliche Brust.

Es stirbt das Vieh, es stirbt der Freund,
Dann soll man selber sterben.
Doch nimmer stirbt der Nachruhm dem,
Der schönen sich geschaffen.
Es stirbt das Vieh, es stirbt der Freund,
Dann soll man selber sterben;
Eines nur weiß ich, das nimmer stirbt;
Das Urteil über den Toten.“