Aus diesem Grunde darf und muß ich mich wohl begnügen, hier mit einigen Notizen, wie sie uns in der wenig reichhaltigen und unsicheren alten Litteratur über die den Griechen und Römern bekannten Naturvölker des Altertums, abgesehen von den schon behandelten, offenbar bereits einen gewissen Kulturgrad aufweisenden, geboten werden, aufzuwarten.
Auf dem Niveau des Naturvolkes haben wir uns augenscheinlich vor allem die Skythen zu denken, von denen uns Herodot wohl die ältesten fabelhaften Berichte bringt.
Nach Müllenhoff, deutsche Altertumskunde III, S. 30ff. waren die Skythen Slawen: „Da die Slawen erst nach dem Anfang unserer Zeitrechnung als Ostnachbarn der Germanen genannt werden, so scheint es möglich, daß die Skythen oder Sarmaten, oder wenn beide Völker eines Stammes, daß beide ihre Ahnen und Vorfahren die West- und Ostslawen waren.“
Nach Ansicht anderer Forscher waren es Mongolen. Dies erscheint mir wahrscheinlicher, obwohl die Frage wissenschaftlich genau schwer zu entscheiden ist. Sie werden uns nämlich, Männer wie Weiber, die im Äußeren kaum zu unterscheiden waren, als dicke, schlaffe, aufgedunsene Gestalten geschildert, von braungelber Farbe. Ihre Kleidung, Winter und Sommer dieselbe, bestand aus weiten Hosen, Gürteln oder Wehrgehenken und spitzigen oft bis auf die Schultern herabhängenden Mützen. Offenbar ist die von Herodot geschilderte Kopfbedeckung dieselbe, die jetzt noch bei den Baschkiren und Kirgisen üblich ist. Ihre Nahrung war höchst einfach und bestand aus den Fleisch ihres Herdenviehs, auch der Pferde, das noch jetzt bei Kalmücken und Baschkiren als Leckerbissen gilt, und vor allem aus Stutenmilch, aus der sie auch Butter und Käse bereiteten, wie noch jetzt jene Steppenvölker. Wenn Herodot erzählt, daß sie dem Weingenuß sehr ergeben waren, so kann dies nur das aus Stutenmilch bereitete berauschende Getränk gewesen sein, jener Milchbranntwein, der noch jetzt bei den Kalmücken beliebt ist. – Sie bauten unter anderem mit Vorliebe Hanf, dessen sie sich zu den bei ihnen üblichen Schwitzbädern bedienten.
„Städte und Festungen haben die Skythen nicht, ihre wandernden Wohnungen befinden sich vielmehr auf kleinen vier- oder sechsrädrigen mit zwei oder drei Paar Ochsen bespannten und mit Filz bezogenen Wagen“ (Herodot IV, 46), also eine treue Schilderung der heutigen Kibitken der nomadischen Steppenvölker, in welchen Weiber und Kinder den ganzen Tag über hocken, während die Männer zu Pferde umherschweifen.
Nach Herodot I, 215 lebten sie monogamisch, und nur die Könige hatten noch Nebenweiber; nach Hippokrates, I, 1, p. 560 aber lebten sie polygamisch, sofern sie sich der Sklavinnen als Nebenweiber bedienten, übrigens war nach Hippokrates teils wegen des beständigen Reitens der Männer und der sitzenden Lebensweise der Frauen, teils wegen der ganzen Körperkonstitution überhaupt, ihr Fortpflanzungstrieb sowohl als ihre Zeugungskraft sehr gering.
Ihre Verfassung war monarchisch; und zwar herrschte über sämtliche Skythen ein König; doch scheinen unter demselben auch Unter-Könige über die einzelnen Stämme geherrscht zu haben.
Die Religion der Skythen war ein primitiver Polytheismus. Herodot nennt uns folgende Götternamen: Παπαῖος (Papa = Zeus), Θαμιμασάδας (= Poseidon), dem bloß die königlichen Mythen opfern, Ὀιτόσυρος (= Apollo), Αρτιμπασα (= Afrodite), Ταβιτί (= Hestia), und Ἀπία (= Gäla) und bemerkt, daß sie außerdem noch den Ares und Herakles, am meisten aber unter allen die Vesta und nächst ihr den Zeus und die Erde verehrt hätten, während nach anderen Angaben der Kultus des Ares (dessen skythischen Namen er nicht nennt) der verbreitetste war. Diesem brachten sie unter dem Symbol eines auf einem ungeheuer großen Gerüste von Reisig aufgestellten eisernen Schwertes feierliche Opfer, und zwar mit Vorliebe Menschenopfer. Von besonderen Priestern ist nirgends die Rede. Dagegen spielen Wahrsager eine wichtige Rolle. Diese, die augenscheinlich den heutigen Schamanen entsprechen, beschreibt Herodot IV, 6. 7. 68 wie folgt: „Wahrsager haben die Skythen viele, die wahrsagen aus einer Menge Weidenruten auf folgende Art: sie bringen große Bündel Ruten herbei, die legen sie auf die Erde und machen sie auseinander und legen jede Rute besonders und nun weissagen sie. Und indem sie also sprechen, wickeln sie die Ruten wieder zusammen und legen sie wieder auf einen Haufen, eine nach der anderen. Das ist ihre Weissagung von ihren Vätern her; die Enareer aber, die Mannweiber, wollen ihre Wahrsagung von der Aphrodite haben. Sie wahrsagen aber aus Lindenrinde. Die Rinde nämlich schneidet er in drei Stücke und flicht sie sich durch die Finger und wickelt sie wieder ab, und dann sagt er seinen Spruch. Wenn aber der König der Skythen krank wird, so läßt er drei der angesehensten von allen Wahrsagern zu sich rufen, die ihm auf die beschriebene Art wahrsagen. Und sie sagen gewöhnlich immer, der und der, und dabei nennen sie dann einen Bürger, der bei des Königs Hausgöttern einen falschen Schwur gethan hätte. Es ist aber allgemeiner Brauch bei den Skythen, bei des Königs Hausgöttern zu schwören, wenn sie einen recht hohen Schwur thun wollen. Alsobald wird der, den sie des Meineides geziehen, ergriffen und vorgeführt, und wenn er ankommt, sagen ihm die Wahrsager auf den Kopf, es wäre offenbar aus der Wahrsagung, daß er einen falschen Schwur gethan bei des Königs Hausgöttern, und deswegen wäre der König krank und beklagte sich bitterlich. Der aber leugnet und sagt, er habe nicht falsch geschworen. Und wenn dieser leugnet, so läßt der König ein Paar andere Weissager holen, und wenn nun auch diese, nachdem sie in die Wahrsagung gesehen, ihn des Meineides verurteilen, so schneiden sie jenem gleich den Kopf ab, und seine Güter teilen die ersten Wahrsager unter sich. Wenn aber die dazu berufenen Wahrsager ihn freisprechen, so müssen andere Wahrsager kommen, und immer wieder andere. Wenn nun die meisten Stimmen den Menschen freisprechen, so trifft jene ersten Wahrsager selber das Todesurteil. Man bringt dieselben nun auf folgende Art zu Tode: Sie packen einen Wagen voll Reisig und spannen Ochsen davor und binden den Wahrsagern die Füße und binden ihnen die Hände auf den Rücken und knebeln ihnen den Mund zu und stecken sie mitten in das Reisig. Dann zünden sie dasselbe an und machen die Ochsen wild und jagen sie von dannen. Viele von den Ochsen nun verbrennen mit den Wahrsagern, viele aber kommen mit einer Versengung davon, wenn die Deichsel verbrannt ist. Auf diese Art verbrennen sie auch aus anderen Gründen die Wahrsager und nennen sie Lügenwahrsager. Die aber der König umbringen läßt, deren Söhne werden auch nicht verschont, sondern das, was männlich ist, tötet er; den Weibern aber thut er nichts zu Leide.“
Offenbar haben wir hier dieselbe Rolle, welche noch heute bei den afrikanischen Negern der Fetischpriester spielt. Diejenigen, die neuerdings den Gebrauch sog. Medien, hypnotisierter oder somnambuler angeblicher hellsehender Individuen oder auch nur des Hypnotismus zur Erzwingung von Geständnissen im Dienste der Polizei und Kriminalrechtspflege vorgeschlagen haben, ahnen schwerlich, zu welchen primitiven Brutalitäten des sog. Gottesurteils sie damit die Rechtspflege zurückführen würden.