Aus dem Volke der Skythen hat die griechische Litteratur zwei Namen die Unsterblichkeit gesichert, weil ihre Träger nach Griechenland kamen und dort durch den Kontrast ihrer Naturwüchsigkeit mit der griechischen Kultur Aufsehen erregten, Toxaris und Anacharsis. Beide sollen zur Zeit Solons nach Athen gekommen sein. Toxaris ist durch ein Gespräch Lukians, das jedoch wohl mehr den bloßen Namen zur Etikette eigener witziger Einfälle gebraucht, verewigt. Geschichtlicher erscheint die Persönlichkeit des Anacharsis, der sogar zu der Ehre gelangte, den sog. sieben Weisen beigezählt zu werden.

Anacharsis war der Sohn des Skythenkönigs Gaurus und einer griechischen Mutter, von letzterer mit der griechischen Sprache bekannt gemacht, verließ er sein Vaterland, das am schwarzen Meere lag, und begab sich (589 v. Chr.) nach Athen. Hier soll ihn sein Landsmann Toxaris mit Solon bekannt gemacht haben, und die Reinheit seiner Sitten, sein Scharfsinn, seine Wißbegierde soll ihn so beliebt gemacht haben, daß er das athenische Bürgerrecht erlangte. Ja, er soll sogar in die eleusinischen Mysterien eingeweiht worden sein. Nach Herodots Erzählung kam er nach seiner Rückkehr ins Vaterland durch die Hand seines eigenen Bruders Saulius, der inzwischen König geworden war, ums Leben, weil er durch seine Neigung zu den Mysterien Mißfallen erregte.

Unter den naiven Aussprüchen, durch die er in Athen Aufsehen erregte, sind folgende bemerkenswert: Solons Gesetze nannte er Spinnweben, worin die Schwachen sich fingen, die aber die Starken leicht zerrissen. Über die Einrichtung, wichtige Angelegenheiten von den Prytanen untersuchen zu lassen, ehe sie an die Volksversammlung gebracht würden, bemerkte er, daß demnach die Klugen beratschlagten und die Dummen entschieden. „Der Weinstock“, sagte er, „trägt dreierlei Trauben, die Trunkenheit, die Wollust und die Reue.“ Als ihm jemand seine Herkunft aus Skythien vorwarf, erwiderte er: „Du hast Recht, mir gereicht mein Vaterland, Du aber gereichst Deinem Vaterlande zur Schande.“ Die Abbildungen, die sich von ihm auf alten Kunstdenkmälern finden, tragen die Inschrift: Linguam, ventrem, veretrum, contine.[874]


Bekanntlich bildet seine Figur den Gegenstand der geistvollen voyage d'Anacharsis von J. J. Barthélémy, welche 1788 erschien und zu den beliebtesten Schriften gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zählte.


Ausdrücklich unterscheidet Herodot von den Skythen, welche der Perserkönig Darius bekriegte, die ebenfalls nomadischen Massageten, im Kampf gegen welche Kyros fiel.

Wahrscheinlich waren dies die Vorfahren der Turkomannen; ihr Gebiet lag zwischen dem Aralsee und dem Kaspischen Meere.

Über die Religion derselben berichtet er nur, daß sie die Sonne anbeteten, der sie mit Vorliebe Pferde opferten, „weil man dem schnellsten Gott das schnellste Geschöpf darbringen müsse“.

Anscheinend lebte dieses Volk noch zur Zeit des Herodot im Zustande des sog. Mutterrechts. Denn es herrschte bei ihnen als Königin ein Weib, zur Zeit des Kyros die Tomyris, die des gefallenen Kyros Kopf in einen Schlauch mit Menschenblut tauchen ließ mit den Worten: „Nun sättige dich endlich in Menschenblut.“