„Ein jeglicher“, schreibt Herodot, „freit ein Weib, aber doch sind die Weiber Gemeingut. Denn was die Hellenen von den Skythen erzählen, das thun nicht die Skythen, sondern die Massageten. Nämlich, wenn ein Massaget Lust hat zu einer Frau, so hängt er seinen Köcher an den Wagen und beschläft sie ohne alle Scham.“

Sehr zweifelhaft ist die Rassenqualität der Geten.

Man hat diese vielfach mit dem germanischen Volke der Gothen identifiziert; allein Müllenhoff (a. a. O. S. 125ff.) hat wohl ausreichend nachgewiesen, daß die Gründe dafür nicht stichhaltig sind, daß vielmehr ihre Verwandtschaft mit den Slawen, wenn auch allenfalls nicht streng erweislich, doch wahrscheinlicher ist. Die Geten waren eine thrakische Völkerschaft auf der Nordseite des Haemus bis zur Donau und werden zuerst von Herodot (IV, 93–96) erwähnt. Herodot kennzeichnet sie als die sich für unsterblich haltenden – τοὺς ἀϑανατίζοντας – und dieses Epitheton wurde später fast zu einem Beinamen für sie. „Sie meinen“, sagt Herodot, „daß sie nicht sterben, sondern mit dem Tode zum Gott (δαίμων) Zamolxis kommen; einige von ihnen halten diesen für Gebeleizis. Alle fünf Jahre senden sie einen Boten, den sie durch das Los erwählen, an den Zamolxis ab und tragen ihm ihr jedesmaliges Anliegen auf. Dies machen sie so: Einige stellen sich mit drei Speeren hin, andere fassen den Abzusendenden, nachdem er seinen Auftrag erhalten, an Händen und Füßen und werfen ihn in die Höhe auf die Lanzen; stirbt er, so scheint der Gott gnädig zu sein; stirbt er nicht, so schelten sie den Boten einen schlechten Mann und senden einen Andern ab.“ Dieselben Thraker, setzt Herodot noch hinzu, schießen mit Pfeilen gegen Donner und Blitz, hierauf gegen den Himmel und drohen dem Gott (Zeus), indem sie glauben, es gebe keinen andern, als den ihrigen. – Die Griechen am Hellespont und Pontus hatten von Zamolxis schon ein halbes Märchen ausgebildet: er sei in Wahrheit ein Sklave des Pythagoras auf Samos gewesen, habe nach seiner Freilassung viele Schätze erworben und zurückgekehrt in sein Vaterland seine rohen Landsleute mit den Annehmlichkeiten des griechischen Lebens bekannt gemacht. Aber indem er einen Saal gebaut und die vornehmsten des Landes darin bewirtete, habe er sie zugleich belehrt, daß sie und ihre Nachkommen nicht stürben, sondern dereinst an einen Ort kämen, wo sie in Ewigkeit sein und alles Gute haben würden. Um sie davon zu überzeugen, hätte er sich drei Jahre lang in einem unterirdischen Gemache verborgen gehalten, während welcher Zeit die Thraker ihn wie einen Verstorbenen vermißt und betrauert, dann aber sei er im vierten Jahre wieder zum Vorschein gekommen. „Ich will“, sagt Herodot 4, 96, „dagegen gerade nicht ungläubig sein, aber auch nicht zu sehr daran glauben; ich meine, daß Zalmoxis um viele Jahre früher war als Pythagoras. Ich lasse es aber gut sein, ob er ein Mensch war oder ob er ein bei den Geten einheimischer Gott ist.“ Daß diese Erzählung abgesehen von den Elementen des getischen Volksglaubens, die sie aufnahm, im wesentlichen eine Erfindung der Griechen ist, liegt auf der Hand, es müßte denn Zamolxis die Fremden in das Geheimnis eingeweiht haben, das seine Landsleute überführen und täuschen sollte. War der Kern der getischen Religion ein eigentümlicher Unsterblichkeitsglaube, so lag für die Griechen der Gedanke an Pythagoras, den Unsterblichkeits- und Metempsychosenlehrer, nahe, und die Vermittelung konnte dann nicht natürlicher als durch einen thrakischen Sklaven geschehen sein. Den Gott aber mochte man um so eher als Menschen auffassen, weil offenbar ihre Glaubenssätze bei den Geten selbst für seine Lehren und Satzungen galten. Platon im Charmides p. 157 läßt den aus dem Heerlager vor Potidaea zu Anfang des peloponnesischen Krieges heimkehrenden Sokrates sagen, er habe dort im Heere von einem der thrakischen Ärzte des Zamolxis – so lautet der Name bei allen spätern – die ja, wie man sage, sogar unsterblich machen könnten, einen Krankheitssegen kennen gelernt. Es sagte dieser Thraker, daß die hellenischen Ärzte Recht hätten, wenn sie behaupteten, ein Glied könne, ohne daß man zugleich den ganzen Körper in Behandlung nehme, nicht geheilt werden. „Aber Zamolxis, unser König, der ein Gott ist, sprach er, sagt, daß wie man die Augen nicht ohne den Kopf und den Kopf nicht ohne den Leib zu heilen anfangen muß, so auch nicht den Leib ohne die Seele; denn alles gehe von der Seele aus, Gutes und Böses; die Segen aber und Lieder, mit denen man die Seele behandeln müsse, das seien gute Lehren.“ Und weiterhin p. 158 heißt es noch „wenn Du nüchtern und mäßig bist, so bedarf es weder der Segen des Zamolxis noch der des hyperboreischen Abaris.“ Mag die Anekdote wahr oder erst von Plato erfunden sein, so setzt sie die Vorstellung von einem Lehrmeister Zamolxis voraus. Bei Diodor 1, 94, dessen Quelle hier aller Wahrscheinlichkeit nach die Aegyptiaca des Hecataeus von Abdera (um 320) waren, stehen daher auch Zamolxis und die κοινή Ἑστία, die gemeine Herdgöttin, bei den sogenannten Geten, die unsterblich machen, neben Zoroaster, Moses und ähnlichen Nomotheten. Mnaseas von Patrae (um 200) sagte, daß die Geten den Kronos, d. h. den Herrscher im goldenen Zeitalter und über die Inseln der Seligen (D. A. 1, 63f.) verehrten und ihn Zamolxis nannten, Müller T. H. G. 3, p. 153, vgl. Diog. Laert. 8, 1; Hesych. s. v. Zamolxis, ferner Strabo p. 297f. Endlich finden wir aus einer unbekannten Quelle eine Relation, die zwar in Betreff des Pythagoras mit der Erzählung der pontischen Griechen bei Herodot übereinstimmt, ja sogar die Reisen des Zamolxis bis Ägypten ausdehnt, im übrigen aber selbständig und offenbar aus unmittelbarer Kunde den Bericht Herodots ergänzt. Es wird erzählt, ein Gete namens Zamolxis habe dem Pythagoras als Knecht gedient und von ihm einiges von der Himmelskunde erlernt, anderes von den Ägyptern, bis zu welchen er streifte. Nach Hause zurückgekehrt, sei er von den Fürsten und dem Volke hoch geehrt, da er ihnen die Vorzeichen vorhersagte; zuletzt habe er den König beredet, ihn zum Genossen seiner Herrschaft anzunehmen als einen, der den Willen der Götter zu verkündigen im Stande sei. Anfangs sei er nur zum Priester des am meisten bei ihnen geehrten Gottes bestellt, darnach selbst Gott genannt worden. Er habe sich in einer allen andern unzugänglichen Höhlenfeste angesiedelt und dort gelebt, wenig in Verkehr mit der Außenwelt, nur mit dem Könige und seinen Dienern. Der König aber habe mit ihm zusammengehalten, weil er gesehen, daß die Leute ihm viel besser als früher gehorchten, seit er seine Befehle nach dem Rate der Götter erteilte. („Diese Sitte dauerte fort sogar bis auf unsere Zeit, indem sich immer einer fand, der dem Könige als Rat zur Seite stand und bei den Geten Gott hieß.“) Auch der Berg wurde heilig gehalten und so benannt; er heißt aber κωγαίονον, wie der vorbeifließende Fluß. Es ist schon von Mannert (alte Geogr. 2. 203) und Uckert (Skythien S. 602) bemerkt, daß diese Stelle – etwa bis auf den eingeklammerten Satz, der mindestens eine Modifikation von Strabos Hand erfahren hat – auf die alten Geten am Haemus, nicht aber wie Strabo meint auf Daken zu beziehen ist. Sieht man von der pragmatisierenden, euhemeristischen Auffassung ab, – denn diese bleibt, auch wenn man mit Herodot die Frage, ob Zamolxis ein Gott oder ein Mensch gewesen, unentschieden läßt, was bei dem Stande der Überlieferung in der That das Rätlichste scheint, sie sieht so aus als wenn Zamolxis dem höhern Gott Gebeleizis nur substituiert, nicht eine Hypostase in mythologischem Sinne von ihm ist, – so ergiebt sich die Thatsache, daß wie für die Thraker südlich von Haemus bei den Bessern oder freien Thrakern ein Heiligtum und Orakel des Dionisos (Herod. 7, 111, vgl. Thuc. 2, 96, Plin. 4. § 40, Strabo p. 318, 331 fr. 48, Sueton Aug. 94, Dio 51, 25), so bei den Geten auf der Nordseite des Gebirges und für die zu ihnen gehörenden Völkerschaften ein ähnliches des Zamolxis bestand. Antonius Diogenes (bei Phot. cod. 166 p. 110 Bekk.) erzählte, daß Astraeus, ein Genosse des Zamolxis, zu diesem, als er schon bei den Geten für einen Gott galt, mit zwei andern gereist sei und daß diese Orakel über ihr Geschick erhalten hätten, daß Astraeus aber beim Zamolxis zurückgeblieben und von den Geten hochgeehrt sei. Der Name Astraeus soll wohl die Stern- und Himmelskunde des Gottes andeuten, die bei Strabo ihm zugeschrieben wird. Ähnlich bezieht sich auf eine andere Seite seines Wesens wohl die Hestia, die wie wir sahen bei Diodor neben ihm steht; Suidas s. v. nennt sogar eine Göttin Zamolxis.

Daß ihm ein vollständiger Kultus zu teil wurde, erhellt nicht nur aus dem, was Herodot mitteilt, sondern auch aus einer Stelle in der vit. Pythagor. des Porphyrius § 14, 15, die sich offenbar noch auf echte alte Überlieferungen stützt, es wird hier nämlich ganz der herrschenden Auffassung des Zamolxis als eines Nomotheten gemäß die ganze Einrichtung des Kultus auf ihn selbst zurückgeführt. Pythagoras hatte einen Sklaven, den er aus Thrake gekauft, Zamolxis mit Namen; denn ihm war bei seiner Geburt ein Bärenfell übergeworfen, die Thraker aber nennen ein Fell ζαλμός. Pythagoras hatte ihn lieb und unterwies ihn in der Lehre von den himmlischen Dingen – τὴν μετέωρον ϑεωρίαν –, auch in allem was das Opferwesen und sonst den Götterdienst angeht. Einige aber sagen, daß er auch Thales geheißen habe. Als Herakles verehren ihn die Barbaren. Dionysiphanes (ein unbekannter Schriftsteller) gibt an, er sei zwar des Pythagoras Knecht gewesen, aber Räubern in die Hände gefallen und stigmatisiert habe er sein Angesicht verbunden wegen der Male; einige sagen, daß der Name Zamolxis bedeute fremder Mann. Wie es sich auch mit diesen Deutungen verhalten mag – die durch ζαλμός – (sanskr. tscharma, griech. δερμα?) rechtfertigt jedesfalls die herodoteische Namenform Ζαλμόξις –, so giebt Hesychius s. v. noch an, daß nicht nur ein Name für Kronos, sondern auch für einen Tanz und für ein Lied oder einen Gesang gewesen, was ebenfalls auf den Kultus hinweist und sich nur aus den Anrufungen des Gottes bei den ihm zu Ehren angestellten Tänzen und Gesängen erklärt. Was sonst noch bei Lucian, Julian, den Kirchenvätern und andern über Zamolxis vorkommt, ist ohne Wert, da es kaum etwas Neues und Eigentümliches bietet, was nicht auf eine mißverständliche oder ungenaue Auffassung der Angaben Herodots sich zurückführen ließe. Man findet die Stellen sowie die Ansichten und Meinungen der neueren sehr vollständig nachgewiesen in der Dissertation de Zamolxide von Athan. Serg. Rhonsopoulus (Gottingae 1852).

Nächst dem Zamolxisdienste soll den Griechen an den Geten besonders ihre Vielweiberei und Unmäßigkeit in der Geschlechtsliebe aufgefallen sein. Hecataeus von Milet soll dafür der erste Zeuge sein, indem er (fr. 144) das homerische Kabesos (II, 13, 363) auf die gleichnamige Stadt jenseits des thrakischen Haemus deutete, doch S. Meineke zu Steph. Byz. 344. 15. Herodot 5, 5. 6 und Heraklides Ponticus (Polit. 28), beides vollgültige Zeugen (vgl. Xenoph. Anab. 7, 2, 38), schildern aber die Vielweiberei und was damit zusammenhängt als allgemein thrakische Sitte und der Komiker Menander bei Strab. p. 297 läßt seinen getischen Sklaven auch nur als Thraker sprechen:

„Die Thraker alle, doch wir Geten zu allermeist,
(Denn ich selbst berühme mich von dort entstammt zu sein),
Wir sind nicht sehr enthaltsam!
Denn unter uns heiratet keiner unter zehn,
Elf Frauen, auch zwölf und noch mehr. Wer erst vier
Oder fünf genommen hat und stirbt, der heißt bei uns
Zu Land ein ehelos armer, unbeweibter Mann.“


Noch viel zweifelhafter und dunkler ist alles, was die Alten von noch höher nach Norden belegenen Erdstrichen und den dort wohnhaften Völkern, den Kimmeriern und vor allem von den Hyperboräern zu berichten wissen. Vielleicht kann man als Hyperboräer die Bewohner Skandinaviens gelten lassen. Ein Hyperboräer soll der mythische Abaris gewesen sein, der angeblich etwa um das Jahr 570 v. Chr. (Lobeck) nach Griechenland kam, wie erzählt wird, durch eine ihm von Apollo gegebene Offenbarung veranlaßt. Er soll mit Pythagoras bekannt geworden sein. „Als Abaris von den Hyperboräern, unerfahren in der hellenischen Bildung und Sprache schon in Jahren vorgerückt ankam, so führte ihn Pythagoras nicht durch mannigfache Betrachtungen in seine Geheimwissenschaft ein, sondern statt des Stillschweigens und des so lange Zeit nötigen Zuhörens und der übrigen Prüfungen machte er ihn schnell durch ein abgekürztes Verfahren zum Anhören seiner Lehrsätze geschickt und lehrte ihn die Schrift über die Natur und die andere über die Götter in aller Kürze verstehen.“ (Jamblichus, de vita Pythagor. § 136.) Abaris erregte nicht nur durch seine fremde Kleidung, sondern mehr noch durch seine „occultistischen“ Gaben großes Aufsehen in Griechenland. Er zog, wie Epimenides, wahrsagend und Orakel sprechend umher, trat als Sühner auf, befreite Sparta von einer Pest und heilte viele Krankheiten durch seine Zaubergesänge. Ja, es wird berichtet, daß er auf einem von Apollo empfangenen Pfeile die Luft durchflog, überhaupt ein Luftwandler (ἀιϑροβάτης) war.

Toland vermutet daher, er sei ein Druide gewesen, und die Hyperboräer seien auf den Hebriden zu suchen. Dagegen möchte Creuzer (Symbolik II, Anhang) ihn zu einer bloßen Personifikation der aus den Kaukasusländern hergekommenen Schrift verflüchtigen. Der Pfeil soll die „Rune“ sein, der Pfeilfahrer Abaris = Runa, Seher, Schreiber. Dazu bemerkt mit Recht Guigniaut in seiner französischen Übersetzung des Creuzerschen Buchs: Nous ne nous dissimulons pas que cette interpretation du mythe d'Abaris est singulièrement hasardée.