Diese Götterklasse erscheint äußerst zahlreich. Viele werden in den Beschwörungen gegen die Dämonen und Krankheiten sowie in den magischen Hymnen genannt; viele werden aber auch nur an einer einzelnen Stelle und unter Umständen erwähnt, daß man daraus nichts Bestimmtes über ihre Persönlichkeiten, Ämter usw. entnehmen kann.
Um die akkadische Geisterlehre völlig verstehen zu können, müssen wir uns mit den Begriffen bekannt machen, welche sie von Himmel und Erde hatten:
Die Akkader dachten sich die von den Menschen bewohnte Erde (kî) als eine umgestürzte Barke in Gestalt einer halben Kugel, deren innere, nach unten geöffnete Höhlung der Abgrund, die Unterwelt (ge) ist, in welcher die Toten wohnen (kur-nu-ga, kîgal, arali), und in welcher auch die Sonne ihre Wanderung während der Nachtzeit vollbringt. Über der Erde dehnt sich der Himmel (ana) wie eine Decke aus. Derselbe dreht sich mit den Fixsternen (mul) um „den Berg des Ostens“ (charsak kurraj), nämlich um eine Himmel und Erde verbindende, dem Himmel als Axe dienende Säule. Dieser Berg ist nordöstlich von Akkad gelegen, welches – unter dem Zenith (nuzku) befindlich – der Mittelpunkt der bewohnten Erde ist. Weiter nordöstlich vom „Berge des Ostens“ befindet sich das Land der Aralli, „der goldreiche Wohnsitz der Götter und seligen Geister“.
In späterer Zeit nahmen die chaldäischen Astrologen einen sphärischen Himmel an, welcher die Erde nach allen Seiten hin umschloß; jedoch lassen gewisse charakteristische Ausdrücke die Vermutung zu, daß man in der Zeit, in welcher der größte Teil der magischen Urkunden abgefaßt wurde, sich den Himmel als Halbkugel dachte, deren unterer Rand als „Fundamente des Himmels“ (uru ana) auf den äußersten Enden der Erde jenseits des „großen Wasserbeckens“ (abzu) ruhten, welches das Festland gerade wie der Okeanos des Homer umgab. Die Planeten, welche, wie ihr akkadischer Name lubad – Leithammel – anzeigt, als lebende Wesen betrachtet wurden, bewegen sich in einer niedern Sphäre (ul-gana), die sich unterhalb des Fixsternhimmels (e-sara) befindet. Jedoch findet sich in diesen Texten noch keine Spur einer Annahme konzentrischer Planetenbahnen. Der Fixsternhimmel trägt den Ocean der himmlischen Gewässer (ziku), welche noch in der mittelalterlichen Magie spuken; derselbe wird auch wie der irdische Ocean als ein alles umschlingender Fluß gedacht.
Das Universum besteht aus drei Regionen, dem Himmel, der Erde und Luft sowie endlich dem Abgrund. Über diese drei Regionen gebieten die drei mächtigsten Götter: Ana, Ea und Mul-ge oder Elim, entsprechend den chaldäischen Anu, Ea und Bel. Der akkadische Ana ist jedoch nicht nur der Himmel selbst, sondern auch der Gott desselben und der oberste Herr der Naturgeister.
Ea ist „der gewaltige Fisch des Oceans“ (gal-chana-abzu), den er bewohnt, der Oannes (ea-chan) des Berosus. Derselbe nennt Ea den Beschützer und Retter des Xisuthros (khasisatra), des chaldäischen Noah und sagt, nachdem er erzählt hat, wie das Schiff des Gerechten auf einem hohen Berge stehen geblieben war: „Ein Theil dieses gestrandeten Schiffes ist noch vorhanden in den korydäischen Bergen in Armenien, und Wallfahrer holen von da Asphalt, den sie vom Wrack abkratzen, um es als Mittel gegen Bezauberung zu gebrauchen.“ Ähnlich sagt der Auszug des Abydenus: „Aus dem Holze des Schiffes machen die Bewohner des Landes Amulette, welche sie zum Schutz gegen Bezauberung um den Hals hängen.“
Über die Vorstellungen, welche die Akkader von der Gestalt der Erde hatten, wurde bereits das Nötige gesagt; es bleibt nur noch übrig, die Anschauungen derselben von der Unterwelt, dem „Abgrund“ und „Land ohne Heimkehr“ zu entwickeln. In der Höllenfahrt der Istar wird dasselbe ähnlich dem hebräischen Scheol folgendermaßen geschildert:
„Die Tochter des Sin (Istar) hat ihren Geist gerichtet
Auf die Stätten der Auflösung, den Sitz des Gottes Irkalla,
Auf die Stätte, in die man eintritt, ohne wiederzukommen[35],
Auf den Pfad, den man wandelt, ohne wiederzukehren,
Auf die Stätte, wo Allen, die da eintreten, das Licht durch Blindheit ersetzt wird,
Wo die Menge nur Staub für ihren Hunger, nur Schlamm zu ihrer Nahrung hat,
Wo man das Licht nicht erblickt und im Finstern wohnt,
Wo die Schatten gleich Vögeln gekleidet sind in ein Gewand von Flügeln,
Wo auf der Thür und den Thürflügeln der Staub sich anhäuft.“
In Istars Höllenfahrt wird eine „Quelle des Lebenswassers“ erwähnt, welche sich im Hintergrund des Landes ohne Heimkehr befindet und von den unterirdischen Mächten eifersüchtig vor der Annäherung der Schatten (utuk) der Verstorbenen bewacht wird. Nur ein Befehl der himmlischen Götter kann sie veranlassen, eine Annäherung zu gestatten; wer aber „das Wasser des Lebens“ getrunken, kehrt lebend an das Tageslicht zurück. – Eine ähnliche Vorstellung hat wohl schon zur Zeit der Abfassung der magischen Texte existiert, weil ein Hymnus auch dem Silik-mulu-khi, dem Mittler zwischen Gott und Mensch, die Macht zuschreibt, „die Todten ins Leben zurückzuführen“. – Auch Diogenes Laërtius berichtet ausdrücklich, daß die Chaldäer an eine Auferstehung glaubten, nach welcher die Menschen unsterblich sein sollten.