Silik-mulu-khi, der Verkünder des Willens und der Ratschläge Eas, der Mittler zwischen ihm und der Menschheit, ist eng mit dem Erzengel Çraoscha, „dem Heiligen und Gerechten“ des Zoroastrismus verwandt, ebenso mit Mithra, wie man denselben am Ende der Periode der Achämeniden unter dem Einfluß des medischen Magismus zur Zeit der Zersetzung der alten mazdeischen Lehre auffaßte.

Eine andere Analogie zwischen der Magie der Akkader und der spätern mazdeischen Religion findet sich in der Lehre von den Feruern, welche im Zoroastrismus die reinen Formen der Dinge, himmlische Urbilder der irdischen Wesen sind. Jeder Engel, jeder Mensch, jeder Stern, ja jedes Tier und jede Pflanze hat seinen eigenen Feruer, seinen unsichtbaren Schutzgeist, welcher beständig über ihm wacht, und den der Mensch durch Gebet und Opfer um Gnade anfleht. Diese Feruer sind offenbar die den Einzelwesen vorstehenden Geister der Akkader, welche in den spätern Parsismus Aufnahme fanden und hier ihren Platz auf den untern Stufen der Hierarchie des guten Prinzips fanden.

Wie im Zendavesta jeder Mensch seinen Feruer besitzt, so ist bei den Akkadern einem jeden von Geburt an ein besonderer Gott zugeeignet, welcher ihn beschützt, in ihm lebt und sein geistiges Urbild ist.[37] Nach einer Vorstellung entspricht jedem Menschen sogar „ein Gott und dessen Göttin, reine Geister über ihm“. Daher heißt es auch so häufig anstatt z. B. der fromme Mensch, der fromme König: „der Mensch, Sohn seines Gottes“, „der König, Sohn seines Gottes“. Daher ruft auch z. B. in einer Beschwörung der Priester dem Feuergott zu: „Mit dir sei in Frieden das Herz meines Gottes und meiner Göttin, der reinen Geister!“ und deshalb heißt es: „Er werde zurückversetzt in die gnädigen Hände seines Gottes!“

Diese Schutzgötter sind übrigens keineswegs vollkommene Wesen, sondern teilen die menschliche Natur ihrer Schutzbefohlenen mit ihren Unvollkommenheiten und Schwächen. Sie können samt den mit ihnen verbundenen Menschen von den Dämonen und Zauberern bezwungen und dienstbar gemacht und sogar dahin gebracht werden, alles Böse im Menschen zu bewirken und zu veranlassen, was Dämonen und Zauberer befehlen. Wenn z. B. der Pestdämon Namtar einen Menschen ergriffen hat, so befinden sich der Gott und die Göttin des Menschen ebensogut in der Gewalt des Geistes der Krankheit als dessen Körper. Es läßt sich mithin sagen, daß der besondere Gott und die besondere Göttin eines Menschen einen Teil seiner Seele bilden, was auch von den zoroastrischen Feruern gilt, nur daß die Auffassung der letzteren eine dem „transcendentalen Subjekt“ entsprechende höhere war und sich von der Stofflichkeit und Unvollkommenheit des irdischen Menschen besser abgelöst hatte.

[Zweites Kapitel.]
Das Divinationswesen der Chaldäer.

Das chaldäische Divinationswesen gehört der sechzehn Jahrhunderte umfassenden Periode an, welche von Sargon I., König von Agane, bis zu Alexander dem Großen reicht.

Aus den im vorigen Kapitel angegebenen Elementen hatte sich die chaldäische Staatsreligion herausgebildet und war in den in Babylonien, Assyrien und Chaldäa gleich einflußreichen Priesterschulen nach einem einheitlichen philosophischen System geregelt worden. Ihre ein zusammenhängendes Ganze bildenden Lehren waren in den heiligen Büchern codifiziert und wurden in den Tempeln und Priesterschulen, deren einflußreichste sich zu Erech befand, gelehrt.

Wie schon gesagt, nahm die akkadische Magie in dieser Staatsreligion nur eine niedere Stufe ein, denn die den forschenden Geist der Priester der neuen Religion belebenden Ideen waren ganz anderer Natur. Die Basis derselben war die Astrologie, welche die im Altertum sprichwörtlich gewordene Hauptbeschäftigung der Chaldäer bildete. Die Bezeichnung Chaldäer hat hier jedoch keine ethnische Bedeutung, sondern wird im Sinne der Bibel wie der Griechen für die Angehörigen jener großen Priesterkaste gebraucht, welche sich nach der eingangs erwähnten großen Reformation um das Jahr 2000 v. Chr. über Babylonien wie Chaldäa verbreitete und ihren allgewaltigen Einfluß auch auf die assyrische Kultur ausübte.