„Sieht einer im Traum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Einen männlichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Gestalt eines Hundes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Gestalt eines Bären mit den Füßen eines . . . . . . . . . . .
Das Vordertheil eines Bären mit den Füßen eines . . . . . . . . .
Die Gestalt eines Hundes mit den Füßen eines andern Thiers . . . .
Einen todten Hund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Den Gott Nin-kistu (Nergal) todtschlagen . . . . . . . . . . . . .
Leichen großer Thiere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Ein Licht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Einen Mann auf sich harnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .“

Das Urinlassen als Traumsymbol dünkte den Chaldäern ganz besonders wichtig und wird auch noch von einem Weib, Bären, Hunde usw. angeführt. Herodot berichtet bekanntlich von einem hierhergehörigen Traum des Astyages, dessen Tochter Mandane auf diese Weise ganz Asien überschwemmte und so die Herrschaft des Cyrus prognostizierte.

Von den Kapiteln des Auguralwerkes scheint besonders das von der Traumdeutung gehandelt zu haben, dessen Anfang lautet:

„Ein Traum von hellem Schein, das Land in Feuer . . . .
Ein Traum von hellem Schein, die Stadt in Flammen . . .“

Bekanntlich spielen Träume von Feuer und Flammen noch in der modernen Traumdeutung eine große Rolle.

Nach Jamblichus begaben sich die babylonischen Frauen absichtlich in den Tempel der Zirpanit oder Aphrodite, um divinatorische Träume zu erhalten, welche sie sofort von den Traumdeutern auslegen ließen. Bekanntlich wurde dieser incubatio oder ὲγκοίμησισ genannte Brauch auch in Ägypten oder Griechenland ausgeübt.

In Chaldäa und wahrscheinlich auch in Assyrien, da ja die Assyrier in diesen Dingen nur die Schüler und Nachbeter der Chaldäer waren, gab es nach den Keilschrifttexten Seher (sabru), welchen die Götter vorzugsweise prophetische Träume zu Teil werden ließen. Derartige Seher und Seherinnen scheint es, wie die oben mitgeteilte Nachricht Herodots vom Tempel zu Borsippa andeutet, in manchen Tempeln ständig gegeben zu haben. – Zweifellos wurden bei den Chaldäern prophetische Träume auch durch narkotische Mittel hervorgerufen wie bei andern Völkern des Altertums und noch bei vielen wilden Völkerschaften.

Der Eingang des obersten – siebenten – Stockwerks des Turmes von Borsippa war dem Gott Nebo (Prophet) geweiht und hieß bab assaput, „Thor des Orakels“. Ein ähnliches Orakelgemach, bil assaput, existierte noch nach inschriftlichen Angaben in der Pyramide des königlichen Stadtviertels zu Babylon. Ob jedoch die Art und Weise, wie die Orakel in diesem erteilt wurden, die gleiche war wie im Turme von Borsippa, ist aus den Inschriften nicht ersichtlich. Gewiß ist nur, daß dieses Gemach als Grabkammer des Bel-Maruduk galt, was vermuten läßt, daß daselbst Incubation stattfand, weil man im Altertum häufig Grabstätten aufsuchte, um in ihnen prophetische Träume zu erhalten. Auch ist bekannt, daß das Orakel des Belus oder Bel-Maruduk in der Geschichte Alexanders des Großen insofern eine Rolle spielt, als die Chaldäer den siegreichen Eroberer im Namen dieses Heiligtums zu bestimmen suchten, von Babylon fern zu bleiben. Allerdings blieb dieser Versuch erfolglos, weil Alexander die egoistischen Beweggründe der Chaldäer wohl erkannte.

Das Gebet, welches Incubation im Grab des Bel-Maruduk einleitete, ist teilweise erhalten und enthält folgende charakteristische Stellen:

„Gewähre mir den Eintritt, daß mir ein Glückstraum zu Theil werde!
Der Traum, den ich träume, daß er günstig sei!
Der Traum, den ich träumen werde, daß er wahrhaft sei!
Der Traum, den ich träumen werde, laß ihn ausfallen zu meinen Gunsten!
Makhir, der Traumgott, möge walten über meinem Haupt!
Gewähre mir Eintritt in den E-saggal, in das Götterschloß, den Wohnsitz des Herrn!
Auf daß ich mich nähere Maruduk, dem Erbarmer, dem Glückspender und den gesegneten Händen seiner Allmacht!
Möge ich rühmen können deine Größe, lobpreisen deine Gottheit!
Mögen die Bewohner meiner Stadt rühmen können deine Werke!“