In der Zeit vom 8. bis 6. Jahrhundert erreichte die Traumdeutung ihren Höhepunkt in Vorderasien und Ägypten, woselbst sie sogar die Politik und Kriegsführung beeinflußte. Durch einen siegverheißenden Traum wurde Assurbanhabal zum Kriege gegen Te-Umman angeregt, und durch Träume wurde mehrfach sein Heer zur Ausdauer ermuntert. Ein Traum bewog Gyges zur Anerkennung der assyrischen Oberherrschaft. Träume waren es, welche Krösus den Tod seines Sohnes Atys, Astyages die Herrschaft seines Enkels und Cyrus die des Darius verkündeten. Ein Traum führte Sebek, König von Ägypten, zum Entschluß, seine Regierung niederzulegen; auch war es wiederum ein Traum, welcher dem König Seti die endliche Vernichtung des assyrischen Heeres unter Senacherib zusicherte und ihn so zum Ausharren in der Gegenwehr ermunterte. Endlich hatte der äthiopische Fürst Ta-nuat-Amen einen Traum, welcher ihm seine zukünftige Macht offenbarte und ihn zur Eroberung Ägyptens anspornte.

Bei den Juden war die Deutung der von Jehovah gesandten Träume erlaubt, dagegen bei Strafe der Steinigung verboten, im Namen fremder Gottheiten Träume herbeizuführen und zu deuten. Diese Bestimmung wirkt in der bei den Christen gemachten Einteilung der Träume in göttliche und teuflische bis in das vorige Jahrhundert nach.

Die letzte wichtige Wahrsagung der Chaldäo-Babylonier ist die Nekromantie. Wie oben schon mitgeteilt, ist jedem Menschen von Geburt an ein den Feruern entsprechender besonderer Geist beigegeben, welcher ihn schützt, in ihm lebt und sein geistiges Urbild ist. Nach dem Tode des Menschen wird aus diesem Geist ein Dämon (utuk, utukku), dessen Schicksal „im Land ohne Heimkehr“ je nach Maßgabe der Geneigtheit der Götter ein günstiges oder ungünstiges ist. Nur bevorzugte Seelen von Helden und Königen fanden Eingang in den Himmel und bewohnten fortan:

„Das Land mit Silberhimmel,
Wo Segensgüter
Sind zu ihrer Nahrung
Und süße Lust
Sie zu beseligen,
Wo ist Einhalt
Des Kummers und Jammers.“

Das Loos der großen Überzahl der Menschen, deren utuk in das „Land ohne Heimkehr“ (akkad. kur-nu-ga, assyr. mat la Tayarti) hinabstieg, gestaltete sich ziemlich trostlos. Das „Land ohne Heimkehr“ wird in der „Höllenfahrt der Istar“ folgendermaßen geschildert:

„Dort wohnen die Führer und die des Glückes entbehren,
Wohnen die Geringen und Großen,
Wohnen die Ungeheuer des Abgrunds der großen Götter,
Wohnt Etanna, wohnt Nir . . . .“

Im „Land ohne Heimkehr“ lebt die Seele wie im Scheol der Hebräer ohne Empfindung und Willenskraft, von Finsternis umgeben, fort. Ihr Zustand ist weder völlige Vernichtung noch Unsterblichkeit, sondern eine Art von Erstarrung oder Schlummer. Im Hintergrund des „Landes ohne Heimkehr“ befand sich jedoch, wie oben erwähnt, im „ewigen Heiligthum“ die „Quelle der Lebenswässer“, deren Sprudel die höllischen Mächte mit der größten Wachsamkeit und Ehrfurcht behüteten. Den Zugang zu ihr konnte nur ein Gebot der höchsten Götter, namentlich des Ea, erschließen, und wer daraufhin von ihr getrunken hatte, kehrte – wie Istar am Schluß ihrer Gefangenschaft – lebend an das Licht zurück. Ob diese Quelle eine Andeutung der Auferstehung, an welche die Chaldäer nach Diogenes Laërtius glaubten, ist, läßt sich nach den Texten nicht entscheiden.

Übrigens konnten die Seelen nicht nur auf Eas Gebot, sondern auch als Vampyre dem „Land ohne Heimkehr“ entsteigen, um die Lebenden zu quälen. Deshalb droht auch Istar dem Schließer des Höllenreichs mit den Worten:

„Oeffnest du aber das Thor nicht, und kann ich nicht eintreten, –
Dann werde ich die Todten erwecken, zu verschlingen die Lebenden;
Ich werde die dem Tageslicht wieder zugeführten Todten zahlreicher machen denn Alles, was lebt.“