Kurt: Gibt es denn so viele Palmenarten?
Dr. E.: Jedenfalls mehr als du denkst. Es sind bereits über achthundert verschiedene beschrieben worden.
Kurt: Das hätte ich nicht gedacht. Kennst du denn die alle?
Dr. E.: O nein, mein Junge. Dazu gehört selbstverständlich ein jahrelanges eingehendes Studium. Und an unsern paar Zimmer- und Gewächshauspalmen kann man das überhaupt nicht lernen. Viele Arten sind wohl noch nie in Kultur genommen, und die Mehrzahl der andern bringt bei uns gerade die wichtigsten Merkmale, wie Stamm, Blüten und Früchte, kaum je zur vollen Ausbildung.
Fritz: Sind denn die Stämme auch verschieden?
Dr. E.: Gewiß. Für gewöhnlich gleicht der Palmstamm bekanntlich einer einfachen, geraden Säule, an deren Ende die mächtigen Blätter sich schirmförmig nach allen Seiten ausbreiten. Dieser Stamm kann nun fast glatt oder geringelt sein, oder er ist dicht mit den Überresten abgestorbener Blätter, ja auch wohl mit Dornenreihen besetzt. Bei manchen Arten teilt sich der Stamm in eine Reihe von Ästen, deren jeder eine Blattkrone trägt, wie bei der in Oberägypten so häufigen Dumpalme[50], und noch wieder bei andern ist er ganz kurz und fast unterirdisch.
Kurt: So sieht es ja immer bei unsern Zimmerpalmen aus. Einen ordentlichen Palmenstamm habe ich noch nie gesehen.
Dr. E.: Da wirst du wohl ein wenig im Irrtum sein. Oder solltest du nie in deinem Leben die Bekanntschaft mit einem sehr nützlichen Instrument gemacht haben, das man für gewöhnlich zum Rockausklopfen braucht, manchmal sogar, wenn noch ein Junge in dem Rock drinsteckt?
Kurt: Du meinst den Rohrstock? Aber den habe ich nicht für einen Palmenstamm gehalten. Er heißt ja auch „spanisches Rohr“, und Rohr oder Schilf gehört doch zu den Gräsern.
Dr. E.: Aus allem dem folgt weiter nichts, als daß die Leute, welche zuerst die Pflanzen überseeischer Länder kennenlernten, eben nicht immer Botaniker waren. Es gibt in der Tat zwei ganz verschiedene Dinge, die beide mit dem Namen „spanisches Rohr“ belegt werden. Das eine ist wirklich ein Gras[51], und zwar das größte, das wir in Europa haben, denn es erreicht über doppelte Mannshöhe und hat einen bis armdicken, sehr festen, fast holzigen Halm. Die bekannten, ineinander schiebbaren Angelstöcke sind häufig aus diesem Gras gemacht, das in Südeuropa weit verbreitet ist und zu allen möglichen Dingen verwendet wird. Das andere spanische Rohr, auch Stuhlrohr oder Rotang[52] genannt, ist eine ostindische Palmengattung mit vielen Arten. Sie zeigen allerdings in ihrem ganzen Aussehen etwas Grasartiges, haben sonst aber mit den Gräsern nicht die geringste Verwandtschaft. Aus diesem Rotang werden neben zahllosen andern Sachen namentlich auch unsere Rohrstühle geflochten. Du sitzt also in diesem Augenblicke auf zerfaserten Palmenstämmen, die du noch nie gesehen zu haben glaubtest.