Bereitung der Seife

Dr. E.: In den früheren Haushaltungen gab es immer einen alten Topf, den Unschlitt-Topf, in dem alle fetthaltigen Abfälle, wie Talglichtstümpfe, ranziger Speck usw. gesammelt wurden. Ebenso sammelte man die Asche, welche durch Verbrennen des Holzes, namentlich des Buchenholzes, bei Benutzung des Herdes zurückblieb. Die Asche wurde mit kochendem Wasser übergossen und durch ein Tuch gesiebt. Das durchlaufende Wasser oder die Lauge enthält dann die aus der Asche gelösten Stoffe, von denen uns namentlich einer, die sogenannte Pottasche, interessiert. In dieser Lauge mußte nun der Inhalt des Unschlitt-Topfes längere Zeit kochen, wobei eine Zersetzung des Fettes eintritt und sich aus ihm und dem Kali der Pottasche ein neuer Körper bildet, der euch wohl als grüne oder Schmierseife bekannt ist. Da aber die Hausfrauen eine harte Seife haben wollten, so fügten sie dem in der Lauge kochenden Fett noch einige Hände voll Kochsalz hinzu, wodurch dann die Kaliverbindung der Fettsäuren in die Natronverbindung übergeführt wurde. War dann später der Kessel vom Feuer genommen und erkaltet, so hatte sich oben über der Flüssigkeit eine dicke Schicht schöner, harter Seife gebildet. Sie wurde in Stücken herausgeschnitten, getrocknet und dann nach Bedarf zum Waschen verbraucht.

Fritz: Aber warum machen denn das die Frauen heute nicht mehr, wenn das so leicht geht und eigentlich so gut wie gar nichts kostet?

Dr. E.: Nun, Zeit kostet es immerhin. Sodann ist es heutzutage ein kostspieliges Vergnügen, Buchenholz statt Kohle oder Torf in der Küche zu brennen, während anderseits das Aufsammeln der Fettreste mancherlei Unzuträglichkeiten mit sich führt. Endlich ist durch Fabrikation im großen, bei welcher vorwiegend ganz billige Fette, wie Baumwollsamenöl, Palmöl usw. Verwendung finden, der Preis der Seife ein so geringer geworden, daß es den Hausfrauen wirklich nicht zu verdenken ist, wenn sie ihren Bedarf heute lieber kaufen. — Es geht mit dem Seifenkochen im Hause daher ganz ähnlich, wie mit dem Spinnen, Brotbacken, Stärkemachen, Bierbrauen und vielen andern Tätigkeiten, die früher in jedem Hausstande ausgeführt wurden, jetzt aber mehr und mehr an besondere Berufsklassen und Gewerbebetriebe übergegangen sind.

Kurt: Das kommt wohl, weil es heutzutage für alles Fabriken und Maschinen gibt?

Dr. E.: Zum Teil ja. Man kann diese Erscheinung aber noch von einem allgemeineren Gesichtspunkte betrachten. Je höher unsere Kultur, desto einseitiger und spezieller wird die Berufstätigkeit des einzelnen, weil nur auf diese Weise immer vollkommenere Leistungen erreicht werden können. Der einsam schweifende Wilde ist sein eigner Jäger, Koch, Baumeister und Waffenschmied; der zivilisierte Europäer muß zur Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse Hunderte verschiedener Gewerbetreibender in Anspruch nehmen. „Teilung der Arbeit“, das ist das große Losungswort, das die Menschheit zu immer höherer Kulturstufe emporgebracht hat. Aber indem sie es tat, hat sie den einzelnen von der stolzen Höhe seiner Selbständigkeit herabgedrängt und zum abhängigen, dienenden Gliede jenes höheren Ganzen gemacht, welches wir menschliche Gesellschaft oder Staat nennen. Mit ihm sind wir durch tausend Fäden verbunden: ihm, dem wir alles verdanken, muß die Arbeit, die Kraft unseres Lebens gewidmet sein.

Schlagwörter-Verzeichnis.

Druck von B. G. Teubner in Dresden.