Fritz: Das ist wohl wahr, aber die Spinnen müssen doch etwas in ihrem Wesen haben, was uns unheimlich ist. Sonst würde dieser Widerwille kaum so allgemein sein.
Dr. E.: Dieser allgemeine Abscheu beweist doch weiter nichts, als daß die armen Spinnen von altersher, wie die Kröten, vom unwissenden Volk als giftig und unheilbringend betrachtet wurden, und daß diese irrige Ansicht auch heute noch unser Gefühl beeinflußt. Wie ungerecht der Mensch in dieser Hinsicht sein kann, das lehrt z. B. die geradezu unglaubliche Furcht, welche die Italiener vor den so harmlosen Geckos hegen, einer in den Häusern lebenden Eidechsenform mit Haftscheiben an den Zehen. Ich selbst habe gesehen, wie sie ein solches Tier in grausamster Weise zu Tode marterten. Dabei glaubten sie dann noch ein gutes Werk zu tun.
Kurt: Ja, das mag alles sein; aber die Spinnen kann ich doch nicht anfassen.
Dr. E.: Von dir, lieber Kurt, hätte ich das am allerwenigsten erwartet, da du doch sonst ein vernünftiger Junge bist. Den sogenannten „natürlichen“ Widerwillen, der uns aber erst in der Kinderstube eingeimpft ist, muß man doch, wenn man größer wird, auch ein wenig bekämpfen können. Sieh, da war einmal ein berühmter Astronom, ich glaube Mädler war es, der als Knabe seinen Vater bat, Naturforscher werden zu dürfen. „Das ist nicht so leicht, mein Junge“, sagte der Vater; „ein Naturforscher darf vor nichts zurückschrecken und muß ein ganzer Kerl sein; ein Naturforscher muß Spinnen essen können.“ Mädler ging still hinaus. Als aber 14 Tage verflossen waren, trat er in des Vaters Stube mit einem großen Butterbrot, das dick mit Spinnen belegt war. „Sieh, Vater, nun kann ich’s,“ sagte er, und biß herzhaft hinein. Das war aber eben auch ein Junge, aus dem nachher etwas Großes geworden ist. Da solltet ihr doch wenigstens so viel Selbstüberwindung haben, daß ihr die Tiere gelegentlich einmal anfaßt und sie genauer betrachtet. Auch mir waren sie als Knaben recht widerwärtig. Da beschloß ich mir eine Sammlung von Spinnen anzulegen, und bald war der Widerwille wie weggeblasen.
Grausamkeit der Spinnen
Fritz: Aber es läßt sich doch nicht leugnen, Vater, daß die Spinnen sehr grausame Geschöpfe sind, die andern nachstellen und sie auffressen.
Dr. E.: Diese Eigenschaft hat die Spinne mit recht vielen andern Tieren gemein, denen man ganz und gar keinen Vorwurf daraus macht. Die Spinne frißt Fliegen und Mücken; genau dasselbe tun die Nachtigall und die Schwalbe, ohne daß sie uns deshalb garstig oder grausam erschienen. Ein jedes Geschöpf hat das Recht zu leben und die Nahrung zu suchen, die ihm zuträglich ist. Auch der Mensch tötet Millionen von harmlosen Tieren, um nicht selbst Hungers zu sterben.
Fritz: Aber die Hinterlist, mit der die Spinne ihre Netze spinnt und die armen Tiere darin zappeln läßt!
Dr. E.: Das scheint mir eher ein Grund der Bewunderung als des Abscheus zu sein. Gegen die Schwalbe kann sich eine Fliege nicht wehren; da ist es einfach die rohe Gewalt, welche ihr den Garaus macht. Wo diese aber nicht ausreicht, da muß die Klugheit helfen. Oder wirst du es so völlig verdammen, daß auch der Mensch List anwendet, um solcher Tiere habhaft zu werden, die er sonst nicht erjagen kann? Willst du unsere Fischer deswegen verabscheuen, daß sie ihre Fische mit Netzen fangen?
Fritz: Nein, das gerade nicht. Aber mit dem Menschen ist es doch ganz etwas anderes.