Brutpflege. Fliegende Sommer. Spinnmilben
Dr. E.: Das letztere ist wohl richtig, obgleich es auch Spinnen gibt, die gesellig beieinander leben. Allein in bezug auf Mutterliebe kann die Spinne es mit jedem andern Tier und auch mit dem Menschen aufnehmen. Das Mindeste, was eine Spinne tut, ist, daß sie ihre Eierchen mit einem weichen seidenartigen Gespinst umgibt und diesen Eierballen, der oft die zierlichsten Formen besitzt, irgendwo an einem geschützten Orte unterbringt. Viele begnügen sich aber nicht damit; sie beschützen sie in eigenen Wohnungen, oder sie tragen sie sogar als rundliche Kugel zwischen den Hinterbeinen mit sich umher. Ja, selbst die ausgekrochenen kleinen Spinnchen werden nicht selten von der Mutter noch eine Zeitlang auf dem Rücken getragen, bis sie sich selbständig ernähren können.
Kurt: Kann man denn im Winter auch Spinnen finden? Ich hätte wohl Lust, mir eine kleine Sammlung anzulegen.
Dr. E.: Gewiß gibt es im Winter auch Spinnen, die unter Laub, Moos, in Erdhöhlen usw. ihren Winterschlaf halten. Aber ihre Zahl ist gering, denn die meisten überwintern als Eier. Die beste Zeit zum Spinnensammeln ist der Herbst, wenn die Heide blüht und am taufeuchten Morgen Wiese und Feld mit Tausenden der zarten Gewebe bedeckt sind. Um diese Zeit kann man auch die allerschönste Anwendung beobachten, welche die Spinnen von ihrer Webekunst zu machen wissen, nämlich die Herstellung von Luftballons.
Fritz: Ach, damit meinst du wohl die sogenannten fliegenden Sommer? Ich habe immer gedacht, das wären losgerissene Spinnengewebe und mich nur gewundert, daß dies bloß im Herbst geschieht.
Dr. E.: Um zufällig losgerissene Netze handelt es sich keineswegs, sondern diese Fadenmassen, die ja oft wie lange wallende Gewänder durch die Luft ziehen, sind eigens für die Luftschiffahrt gebaut worden.
Fritz: Aber wie machen die Spinnen denn das, und welchen Zweck hat diese ganze seltsame Gewohnheit?
Dr. E.: Die fliegenden Sommer werden ausschließlich von jungen und kleinen Spinnenarten verfertigt. Die kleinen Tierchen begeben sich auf irgendeinen erhöhten Punkt, sagen wir auf einen Kartoffelsack im Felde, drücken die Spinnwarzen gegen die Unterlage und ziehen den Faden dadurch aus, daß sie den Hinterleib nun schräg emporrichten, dabei mit ihren Vorderbeinen an einigen vorher gesponnenen Fädchen sich festhaltend. Der starke Herbstwind spielt mit dem Faden und zieht, ihn verlängernd, weiteren Spinnstoff aus den Drüsen heraus. In ähnlicher Weise werden immer neue Fäden gesponnen. Endlich ist das Floß stark genug; es wird vom Winde emporgehoben, und zwar mitsamt der kleinen Luftschifferin, die nun so lange damit umhersegelt, bis es irgendwo strandet. Dann springt das Tierchen geschwind ab und sucht sich in der neuen Umgebung einen Schlupfwinkel für den Winter. Die ganze Einrichtung ist also als ein Mittel zur weiteren Verbreitung der Art und zur Gewinnung besserer Winterquartiere anzusehen.
Kurt: Neulich habe ich aber noch etwas sehr Merkwürdiges gesehen, das ich mir auch heute noch nicht erklären kann: die Linden auf unserm Schulhof, der Stamm und die Äste waren über und über mit einem feinen Gespinst bedeckt, so daß sie wie mit Reif überzogen aussahen. Unter dem Gespinst bemerkte man namentlich in den Ritzen der Borke zahllose winzige gelbrötliche Tierchen, die ich für junge Spinnen hielt.
Spinnmilben. Verwertung des Spinnstoffs