Fritz: O, er hat sich ganz dick aufgeblasen und seinen Kopf zwischen die Flügel gesteckt. Er sitzt auch ganz still auf der Stange und rührt sich nicht.
Dr. E.: Daß er still sitzt, kann man am Ende als ein Zeichen des Schlafens ansehen. Aber würdest du denn auch so auf einer Stange sitzend schlafen können? Ich meine, es würde gar nicht lange dauern, so wärest du heruntergepurzelt.
Kurt: Ja, das ist doch sehr einfach; der Vogel hat eben die langen Zehen und Krallen, mit denen er die Stange umgreift. Wenn wir die hätten, würden wir auch so schlafen können.
Dr. E.: Was du schlau bist, mein Junge. Ich glaube, die Sache hat doch ihren Haken! Sieh, unsere Hände sind doch mindestens noch ebensogut zum Greifen eingerichtet wie die Krallen des Vogels. Nun denke dir, du solltest einen dünnen Stock, den du gut umgreifen kannst, auch nur eine Stunde lang fest in deinen Händen halten. Würdest du das wohl aushalten können?
Kurt: Eine Stunde lang möchte ich es wohl mal versuchen; aber freilich so unaufhörlich, wie der Vogel die Stange umklammert hält — da würde mir am Ende doch wohl die Hand lahm werden.
Dr. E.: Das ist sogar ganz sicher! Und zwar liegt der Grund in dem ganz allgemein gültigen Satz, daß Muskeln nur verhältnismäßig kurze Zeit angespannt werden können und bald erschlaffen.
Hans: Papa, was sind denn eigentlich „Muskeln“? Mein Freund Wilhelm sagt, an den Armen hätten wir auch Muskeln, und die würden immer dicker, wenn man ordentlich turnt.
Dr. E.: Da hat dein Freund Wilhelm ganz recht. Wir haben aber nicht bloß Muskeln an den Armen, sondern auch an den Beinen, am Kopf, am Rumpf, kurz überall; denn Muskeln sind weiter nichts als mageres Fleisch, und wenn wir ein Beefsteak essen, so essen wir eben Muskeln.
Kurt: Was hat denn das Fleisch aber mit der Kraft zu tun? Und wieso kann dasselbe angespannt werden, wenn ich den Stock in den Händen halte?
Dr. E.: Das Fleisch, welches ja aus lauter einzelnen Fasern besteht, wie ihr namentlich gut am gekochten Suppenfleisch beobachten könnt, besitzt im lebenden Zustande eine ganz merkwürdige Fähigkeit. Es vermag sich nämlich um einen Teil seiner Länge zu verkürzen, wobei es gleichzeitig entsprechend an Dicke zunimmt. Ihr könnt euch leicht davon überzeugen, wenn ihr z. B. den Unterarm gegen den Oberarm biegt. Ihr werdet dann finden, daß das Fleisch auf dem Oberarm ziemlich viel dicker wird. Diese merkwürdige Fähigkeit des Fleisches, sich ganz nach unserm Wunsch und Willen zusammenziehen zu können, ist die Ursache aller Kraft, die wir in uns fühlen, und die wir gegen unsere Umgebung äußern. Wenn ich jemandem die Hand drücke, so geschieht dies durch Zusammenziehen der mit den Fingerknochen in Verbindung stehenden Fleischmassen, und ebenso ist es, wenn ich den Hammer schwinge oder das Bein zum Gehen erhebe.