Hans: Aber die Gespenster bestehen doch bloß aus einem Knochengerippe und können doch auch gehen!
Dr. E.: Wenigstens in der Phantasie der Abergläubischen! Solche albernen Vorstellungen von dürren Knochenmännern, wie sie uns ja namentlich auch für den Gevatter Tod, den „Sensenmann“, geläufig sind, konnten eben nur entstehen zu einer Zeit, wo man von der Bedeutung des Fleisches als Ursache unserer Kraft noch gar keine Ahnung hatte. Heute weiß alle Welt, daß wir beispielsweise den Unterarm gegen den Oberarm nur biegen können, wenn wir dem Fleisch oder den Muskeln, welche beide Knochen verbinden, den Befehl erteilen, sich zusammenzuziehen, wodurch dann der Unterarm mit Hilfe des Ellenbogengelenks dem Oberarm genähert wird.
Kurt: Aber ich brauche doch gar nicht erst zu befehlen, wenn ich etwa ein Glas Wasser an den Mund bringen will.
Dr. E.: Darin, daß du dies willst, liegt ja schon der Befehl. Hast du keinen Durst oder sonst kein Verlangen nach dem bereitstehenden Glase, so fällt es dem Arm gar nicht ein, sich danach auszustrecken. Der ganze Mechanismus zwischen unserm Willen und den Muskeln ist eben so vollendet eingerichtet, daß der bloße Gedanke schon genügt, die für die Ausführung unseres Vorhabens geeigneten oder zweckmäßigen Bewegungen hervorzurufen. — Wenn wir gehörig ausgeruht und frisch sind, kann das Zusammenziehen des Fleisches oder der Muskelfasern mit großer Kraft erfolgen, so daß wir z. B. beim Biegen des Armes eine recht erhebliche Last mit emporzuheben vermögen. Lange aber hält das Fleisch diese starke Zusammenziehung nicht aus; das Bedürfnis, wieder die gestreckte Form anzunehmen, wird stärker und stärker, so daß wir schließlich die Last und den Arm sinken lassen müssen. Man sagt dann, der Muskel ist ermüdet, und er bedarf erst wieder einer Zeit der Ruhe, bis er aufs neue mit der alten Kraft sich verkürzen kann. Es dünkt euch doch wohl nur eine kleine Arbeit, den Arm eine halbe Stunde lang wagerecht zu halten; ich glaube aber fast, daß er euch schon nach einer Viertelstunde wie Blei heruntersinken wird.
Fritz: Der Hauptsache nach habe ich dies alles schon von unserm Lehrer gehört; um so neugieriger aber bin ich nun, inwiefern der Vogel mit seinen Zehen immer und sogar im Schlafe die Stange umklammern kann, ohne zu ermüden.
Muskeln. Sehnen. Teile des Vogelbeins
Dr. E.: Um das zu verstehen, müssen wir uns zunächst klarmachen, daß das magere Fleisch sich meist nicht direkt an die Knochen ansetzt, sondern in der Regel mit Hilfe langer, fester Stränge, die man Sehnen nennt. Seht eure Hand und eure Finger an; es ist nur recht wenig Fleisch daran im Verhältnis zu der großen Kraft, die wir in den Fingern haben. Das kommt daher, daß die Muskeln, welche das Biegen und Strecken der Finger besorgen, gar nicht an der Hand sitzen, sondern am Unterarm, der deshalb so dick und fleischig ist. Von diesen Muskeln ziehen lange Sehnen oberhalb und unterhalb der Handfläche bis in die äußersten Fingerspitzen. Es werden die Finger also gewissermaßen aus der Ferne gelenkt, wie die Beine des Hampelmanns durch den Bindfaden. Ihr könnt euch hiervon leicht überzeugen, wenn ihr etwa mit der linken Hand den Unterarm der rechten Hand etwas unterhalb des Ellenbogens umgreift und nun die Finger der rechten Hand zu einer Faust ballt. Nicht wahr, ihr fühlt, wie außerordentlich stark sich dann die Fleischmassen, die hier in der Nähe des Ellenbogens sitzen, zusammenziehen: Ein Beweis, daß sie es sind, welche das Krümmen der Finger bewirkt haben. Da die Sehnen sich nicht zusammenziehen und einfach wie Stricke wirken, an denen gezogen wird, so können sie auch nicht ermüden, wie das Fleisch, und wenn wir dies im Auge behalten, so werden wir auch mit dem Rätsel des nie ermüdenden Vogelbeins bald im klaren sein. Ein Vogelfuß ist ja noch viel dürrer als eine Menschenhand; er besitzt, nebst seinen Zehen, nicht die geringste Spur von Fleisch. Ihr werdet euch also schon vorstellen können, daß auch hier das Krümmen der Zehen vermittels langer Sehnen geschieht, deren zugehörige Muskeln weiter oben am Beine sitzen. Bis so weit ist alles ziemlich einfach und ganz ähnlich, wie an unsern Händen und Füßen. Jetzt aber kommt ein etwas schwieriger Punkt, zu dessen Verständnis wir uns die einzelnen Teile des Vogelbeins und deren Winkelstellung ins Gedächtnis zurückrufen müssen. Wir wollen hierzu diese Abbildung eines Vogelbeins zu Hilfe nehmen. Seht, dieser oberste Teil, der sich an das Becken ansetzt und für gewöhnlich gar nicht zu sehen ist, höchstens an einem gerupften Vogel, ist der Oberschenkel. Den zweiten Abschnitt, den man fälschlicherweise meist als Keule bezeichnet, z. B. bei einer gebratenen Gans, bildet der sehr fleischige Unterschenkel, und nun folgt der Fuß, der wieder aus dem langen, dürren, mit Schuppen besetzten Lauf und aus den Zehen besteht. Zwischen Ober- und Unterschenkel befindet sich das Kniegelenk, zwischen Unterschenkel und Lauf das Fersengelenk, und diese Gelenke ermöglichen es, daß die einzelnen Teile in verschiedenem Winkel zueinander gestellt werden können, und zwar um so mehr, je mehr der Vogel eine geduckte, in sich zusammengesunkene Stellung einnimmt.
Kurt: O, das Vogelbein haben wir sehr genau in der Schule durchgenommen. Ich weiß auch, daß der Lauf den sogenannten Fußwurzel- und Mittelfußknochen des Menschen entspricht.
Dr. E.: Nun gut, so ungefähr wenigstens. Jetzt wollen wir die Anordnung der die Knochen gegeneinander bewegenden Muskeln betrachten. Was zunächst die eigentlichen Zehenbeuger betrifft, so unterscheiden sie sich in ihrer Lage kaum von unsern Zehenbeugern. Sie verlaufen an der Unterseite der Zehen als lange Sehnen, die sich dann am Grunde des Laufes vereinigen und an dessen Rückseite einen Strang bilden, der schließlich am Unterschenkel in den zugehörigen Muskel übergeht. Die Zehen werden sich krümmen, sobald dieser Muskel durch Zusammenziehen einen Zug auf die Sehne ausübt. Allein — und dies ist die interessante Einrichtung, auf die ich euch aufmerksam machen wollte — diese Sehne des Zehenbeugers kann noch auf eine zweite Art in Bewegung gesetzt werden, da sie an der Hinterseite des Laufes mit der äußerst langen Sehne eines andern Muskels zusammengewachsen ist, der, vom Hinterrande des Beckens kommend, als Sehne vorn über das Kniegelenk verläuft, und dann um den Unterschenkel sich herumwindend, an der Hinterseite des letztern und des Laufes herabzieht. Nimmt nun der Vogel eine hockende Stellung ein, d. h. wird das Knie stark gebeugt, so wird dadurch die lange, über das Kniegelenk herabziehende Sehne straffer gespannt, und sie übt somit auch einen Zug auf die Sehne des Zehenbeugers aus, mit der sie verwachsen ist. Die Zehen werden demnach lediglich durch das Beugen der Knie gekrümmt, ohne daß irgendein Muskel dabei in Frage käme. — Die Sache ist ein wenig schwierig; so ungefähr aber werdet ihr mich ja wohl verstanden haben.