Dr. E.: Nun denn, du Quälgeist, wenn du durchaus hinter das Geheimnis kommen willst, so muß ich es dir wohl sagen. Also: die Einwirkung des Lichts befähigt die Pflanze, ihre Nahrung aus der Luft aufzunehmen und dieselbe in Baustoffe für ihren Körper umzuwandeln, etwa so ähnlich, wie eine Ziegelei die Backsteine für ein aufzuführendes Gebäude liefert. Mit Hilfe der Wärme wird dann aus diesen Baustoffen der Pflanzenkörper selbst aufgebaut, oder, um den Vergleich beizubehalten, die Backsteine werden hergerichtet und zum Hausbau aneinandergefügt. Wollten wir uns die Sache durch Vorgänge in unserm eigenen Körper klarmachen, so könnten wir vielleicht sagen: Das Licht befähigt die Pflanze zu essen und das Gegessene in Stoffe umzuwandeln, die etwa unserm Blute entsprechen; die Wärme hingegen bewirkt, daß aus dem Blute sich neue Körperteile bilden, daß also der Körper wächst. Solange nun Licht und Wärme in ausreichendem Maße vorhanden sind, kann der Pflanzenkörper getrost darauf loswachsen, da ja das Licht dafür sorgt, daß immer wieder neue Baustoffe fertiggemacht werden. Anders dagegen, wenn wir nur Wärme auf die Pflanzen einwirken lassen. Dann wird natürlich die Pflanze zum Bauen angeregt, sie bildet neue Triebe und Blätter. Allein bald ist der Vorrat an Baustoffen erschöpft; es werden nicht genügend neue gebildet, und das, was die Pflanze dann noch bauen kann, ist saft- und kraftlos und trägt den Stempel des Krankhaften deutlich zur Schau. Die Triebe sehen aus wie ein Junge, der bei ungenügender Ernährung lang und dünn emporgeschossen ist. Man nennt dies das „Vergeilen“ der Pflanze. Sie wird krank oder, wenn wir es geradezu sagen wollen, sie verhungert, da sie so wenig essen konnte, obwohl sie so viel arbeiten mußte. Da ist es denn selbstverständlich besser, man läßt die Pflanzen im Winter kalt stehen, damit sie vollkommen ruhen und erst dann wieder anfangen zu wachsen, wenn die Sonne im Frühling genügend Licht spendet, um neue Baustoffe zu bilden.
Kurt: Wie sieht denn das aus, wenn die Triebe „vergeilen“?
Dr. E.: Ich glaube, gerade eins der schönsten Beispiele hierfür hast du schon oft genug gesehen. Weißt du nicht, was mit den Kartoffeln im Keller wird, wenn es gegen den Frühling geht?
Kurt: Ja, dann bilden sich lange weiße Keime daran.
Dr. E.: Nun also! Und diese sogenannten Keime, die fast wie weißgelbe Wurzeln aussehen, sollten eigentlich grünende, kräftige, beblätterte Zweige sein. Aber der Mangel an Licht hat so jämmerliche Gebilde aus ihnen gemacht. — Ähnliches sieht man ja auch oft genug, wenn man ein Brett oder einen Stein im Garten aufhebt, unter dem Pflanzen gewachsen sind. Wenn es dir Vergnügen macht, können wir ja überdies einen unserer Blumentöpfe ins warme Zimmer nehmen und etwas entfernt vom Fenster aufstellen, damit er recht hungern muß.
Fritz: Ja, das würde mich sehr interessieren. Wir haben ja verschiedene Geranien, die wir vielleicht zu dem Versuch benutzen könnten.
Geranien und Pelargonien
Dr. E.: Nun gut! Sind es denn auch wirkliche Geranien?
Fritz: O, die kenne ich doch; sie haben rosa Blüten und eine lange Frucht, wie ein Storchschnabel.
Dr. E.: Deshalb braucht es noch immer kein Geranium zu sein. Ich dächte, wir hätten nur Pelargonien. Kennst du denn den Unterschied?