Dr. E.: O, das ist eine der drolligsten Einrichtungen, die man sich denken kann, und die in dieser Vollkommenheit nur bei gewissen Storchschnabelarten entwickelt ist. Es handelt sich nämlich um einen Apparat, die Samen unter die Erde zu bringen.

Fritz: Und wie geschieht das?

Dr. E.: Das obere Ende des anfangs geraden Schnabels biegt sich rechtwinklig gegen das untere und stemmt sich mit der Spitze gegen den Boden, wodurch auch die Teilfrucht selbst schräg gegen die Erde gestellt wird. Nun beginnt der untere Teil des Schnabels sich in Spiralen aufzurollen, wodurch die Teilfrucht in die Erde gebohrt wird, und ebenso die Spirale selbst, etwa so wie es mit einem sich drehenden Korkzieher geschehen würde. Wird der Schnabel dann wieder feucht, so daß er sich gerade strecken muß, so dreht sich das Ganze im entgegengesetzten Sinne. Da aber die gegen den Boden gestemmte Spitze des Schnabels das Geradestrecken nach oben verhindert, so wird auch durch diese Drehbewegung die Teilfrucht nur noch tiefer in die Erde hineingedreht. — Doch, ihr habt ja hier Früchte genug, und so könnt ihr einmal selbst versuchen, ob unsere Pelargoniumfrüchte es ebenso machen, wie es von gewissen Erodium-Arten beschrieben ist.

Kurt: Aber Vater, das ist doch beinah’, als wenn man es mit einem lebenden Wesen zu tun hätte, das sich verkriechen will.

Dr. E.: Nun, ein lebendes Wesen ist ja die Pflanze auch. Aber es erscheint dir wunderbar, daß sie Bewegungen ausführt, und daß diese Bewegungen zu ganz bestimmten Zwecken dienen. Wenn wir indes die Pflanzenwelt auf derartige Erscheinungen genauer durchmustern, so stellt es sich heraus, daß solche Bewegungen weit häufiger sind, als man früher dachte. Schon die Waldbalsamine[11] stellt ein ähnliches Beispiel dar. Hier werden durch spiraliges Einrollen der Fruchtschalen die Samen von der Mutterpflanze fortgeschleudert; bei der Spritzgurke[12] schießt sogar der ganze Inhalt der Frucht mit großer Gewalt heraus. Aber auch das Öffnen und Schließen der Blüten zu gewissen Tageszeiten — man hat ja eine ganz brauchbare „Blumenuhr“ danach zusammengestellt —, die mannigfachen Bewegungen der Staubgefäße, das Zusammenneigen der Drüsenhaare bei den „fleischfressenden“ Pflanzen und vieles andere gehört in dasselbe Kapitel. Der alte Satz, daß die Pflanze bewegungslos sei, kann heute nicht mehr aufrechterhalten werden. Wollten wir aber gar die niederen, mikroskopischen Pflanzen mit in Rücksicht ziehen, so würden wir sogar völlig freie Ortsbewegung finden, die sich in nichts von derjenigen der niederen Tiere unterscheidet.

Kurt: Aber die Tiere wissen doch, wo sie hin wollen, und wenn ein mikroskopisches Pflänzchen noch so frei im Wasser schwimmt, so wird es doch gewiß nie durch seinen Willen geleitet.

Dr. E.: Das ist eine Annahme, die wir zu machen gewohnt sind, weil wir dabei an die höheren Tiere und Pflanzen denken. Es ist aber doch noch sehr die Frage, ob schon bei den niedersten Tieren etwas vorhanden ist, was wir mit unserm Willen vergleichen können. Die einfache Beobachtung läßt durchaus keinen Unterschied zwischen den Bewegungsformen und Bewegungserscheinungen der mikroskopischen Tiere und denen der Pflanzen erkennen. Da überdies auch alle weiteren Unterschiede, die man früher zwischen beiden Reichen zu finden glaubte, sich als unzutreffend erwiesen haben, so werden wir uns wohl der Ansicht anschließen müssen, daß Tier und Pflanze auf ihren niedersten Stufen ohne scharfe Grenze ineinander übergehen. Vielleicht komme ich ein andermal darauf zurück; für heute wollen wir es genug sein lassen.

Löwenzahn

Ulme.Zweizahn.
Ahorn.