»Er wird fliehen – haltet ihn!«
Da erhob ich den Stutzen zum Schuß.
»Halt! Wer es wagt, mich zu hindern, der ist eine Leiche! Zedar Ben Huli, ich danke dir für die Gastfreundschaft, welche ich bei dir genossen habe. Wir sehen uns wieder!«
Ich trat hinaus. Eine Minute lang wagte es keiner, mir zu folgen. Diese kurze Zeit genügte, den Rappen zu besteigen und die Haut vor mich hinzunehmen. Als sich das Zelt wieder öffnete, galoppierte ich bereits am letzten Zelte vorbei.
Hinter mir und zur Seite, wo der Körper des Löwen lag, erscholl ein wütendes Geschrei, und ich bemerkte, daß alle zu den Waffen und zu den Pferden rannten. Als ich das Lager hinter mir hatte, ritt ich nur im Schritte. Der Rappe scheute vor dem Felle; er konnte den Geruch des Löwen nicht vertragen und schnaubte ängstlich zur Seite. Jetzt blickte ich rückwärts und sah die Verfolger zwischen den Zelten förmlich hervorquellen. Nun ließ ich den Hengst traben, und erst als der vorderste Verfolger in Schußweite gekommen war, wollte ich den Rappen weiter ausgreifen lassen; ich besann mich aber anders. Ich hielt, drehte mich um und zielte. Der Schuß krachte, und das Pferd brach unter seinem Reiter tot zusammen. Diesen Pferdedieben konnte eine solche Lehre nichts schaden. Nun erst ritt ich Galopp, wobei ich den abgeschossenen Lauf wieder lud.
Als ich mich abermals umwandte, waren mir zwei wieder nahe genug gekommen; ihre Flinten freilich hätten mich nicht zu erreichen vermocht. Ich hielt wieder, drehte um und zielte – zwei Schüsse knallten nacheinander und zwei Pferde stürzten nieder. Das war den andern doch zu viel; sie stutzten und blieben zurück. Als ich mich nach längerer Zeit wieder umschaute, erblickte ich sie in weiter Ferne, wo sie bloß noch meinen Spuren zu folgen schienen.
Jetzt jagte ich, um sie irre zu leiten, beinahe eine Stunde lang stracks nach West fort; dann bog ich auf einem steinigen Boden, wo die Hufspuren nicht zu sehen waren, nach Norden um und hatte bereits gegen Mittag den Tigris beim Strudel Kelab erreicht. Er liegt kurz unter dem Einflusse des Zab-asfal, und nur wenige Minuten unterhalb ist die Stelle, an welcher die Kanuzaberge in das Gebirge von Hamrin übergehen. Dieser Übergang geschieht durch einzelne isolierte Erhöhungen, welche durch tiefe und nicht sehr breite Thäler getrennt werden. Das breiteste Thal von ihnen wurde jedenfalls von den Feinden zum Durchzuge gewählt, und so prägte ich mir das Terrain und die Zugänge zu demselben mit der möglichsten Genauigkeit ein; dann eilte ich dem Thathar wieder entgegen, den ich am Nachmittage erreichte und überschritt. Das Verlangen trieb mich zu den Freunden; aber ich mußte das Pferd schonen und hielt daher noch eine Nachtruhe.
Am andern Mittag kam mir die erste Schafherde der Haddedihn wieder vor Augen, und ich ritt im Galopp auf das Zeltlager los, ohne auf die Zurufe zu achten, welche von allen Seiten erschollen. Der Scheik hatte aus ihnen geschlossen, daß etwas Ungewöhnliches vorgehe, und trat eben aus dem Zelte, als ich vor demselben anlangte.
»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß du wieder da bist!« begrüßte er mich. »Wie ist es gegangen?«
»Gut.«