»Euer Kitab ist größer als der Kuran. Aber höre! Ich wohnte in Mirkan, am Fuße des Dschebel Sindschar, als die Türken über uns hereinbrachen. Ich flüchtete mit meinem Weibe und zwei Söhnen nach Tel Afer, denn es ist eine feste Stadt, und ich hatte dort einen Freund, welcher mich bei sich aufnahm und verbarg. Aber auch hier drangen die Wütenden ein, um alle Dschesidi, welche hier Schutz gesucht hatten, zu töten. Mein Versteck wurde entdeckt und mein Freund für seine Barmherzigkeit erschossen. Ich ward gebunden und mit Weib und Kindern vor die Stadt gebracht. Dort loderten die Feuer, in denen wir den Tod finden sollten, und dort floß das Blut der Gemarterten. Ein Mülasim[208] stach mir, um mir Schmerz zu bereiten, sein Messer durch die Wangen. Hier siehst du die Narben noch. Meine Söhne waren mutige Jünglinge; sie sahen meine Qual und vergriffen sich an ihm. Dafür wurden auch sie gefesselt, und ebenso geschah es ihrer Mutter. Man schlug beiden die rechte Hand ab und schleppte sie dann zum Feuer. Auch mein Weib wurde verbrannt, und ich mußte es sehen. Dann zog der Mülasim das Messer aus meinem Antlitz und stach es mir langsam, sehr langsam in die Brust. Als ich erwachte, war es Nacht, und ich lag unter Leichen. Die Klinge hatte das Herz nicht getroffen, aber ich lag in meinem Blute. Ein Chaldäer fand mich am Morgen und verbarg mich in den Ruinen von Kara-tapeh. Es vergingen viele Wochen, ehe ich mich erheben konnte, und mein Haar war in der Todesstunde der Meinen weiß geworden. Mein Leib lebte wieder, aber meine Seele war tot. Mein Herz ist verschwunden; an seiner Stelle klopft und schlägt ein Name, der Name Omar Amed, denn so hieß jener Mülasim. Er ist jetzt Miralai.«

[208] Lieutenant.

Er erzählte das in einem einförmigen, gleichgültigen Tone, der mich mehr ergriff, als der glühendste Ausdruck eines unversöhnlichen Rachegefühles. Die Erzählung klang so monoton, so automatisch, als würde sie von einem Narkotisierten oder von einem Nachtwandler vorgetragen. Es war schrecklich anzuhören.

»Du willst dich rächen?« fragte ich.

»Rächen? Was ist Rache?« antwortete er in demselben Tone. »Sie ist eine böse, heimtückische That. Ich werde ihn bestrafen, und dann wird mein Leib dorthin gehen, wohin ihm meine Seele vorangegangen ist. – Ihr werdet während unseres Festes bei uns verweilen?«

»Wir wissen es noch nicht.«

»Bleibt hier! Wenn ihr geht, wird euch euer Vorhaben nicht glücken; bleibt ihr aber, so dürft ihr alle Hoffnung haben, daß es gelingen werde; denn es wird euch kein Türke mehr im Wege sein, und die Dschesidi können euch leicht unterstützen.«

Er sprach jetzt wieder in einem ganz andern Tone, und sein Auge hatte das frühere Leben wieder bekommen.

»Unsere Anwesenheit würde euer Fest vielleicht nur stören,« sagte ich in der Absicht, vielleicht einiges über seine Sekte zu erfahren.

Er schüttelte langsam den Kopf.