Ich folgte ihm längs der dichten Büsche hin, welche den Rand des Thales ringsum so vollständig bedeckten, daß ein führerloser Fremder von dem Dasein des letzteren sicher nicht das mindeste geahnt hätte. Nach einiger Zeit gelangten wir an eine Stelle, an welcher der Führer wieder abstieg. Er deutete nach rechts.
»Hier kommt man durch den Wald nach Scheik Adi, aber nur ein Dschesidi weiß den Weg zu finden. Und hier links geht es in das Thal hinab.«
Er schob die Büsche auseinander, und nun sah ich vor mir einen weiten Thalkessel, dessen Wände steil emporstiegen und zum Auf- und Niedersteigen nur die eine Stelle boten, an welcher wir uns befanden. Wir kletterten, die Pferde am Zügel führend, hinab. Unten angelangt, konnte ich das Thal in seiner ganzen Breite überschauen. Es war groß genug, um mehreren Tausend Menschen eine Zuflucht zu bieten, und verschiedene Höhlenöffnungen nebst anderen Anzeichen ließen vermuten, daß es vor noch nicht sehr langer Zeit bereits Bewohner gehabt habe. Die Sohle des Kessels war mit einem kräftigen Graswuchse überzogen, welcher selbst das Verbergen von Herden hier erleichterte, und einige künstlich in den Boden gegrabene Löcher hatten Trinkwasser genug für viele durstige Kehlen.
Wir ließen die Pferde weiden und legten uns in das Gras. Alsbald begann ich das Gespräch mit der Bemerkung:
»Das ist ein Versteck, wie die Natur es nicht praktischer anlegen konnte.«
»Es hat diesem Zwecke auch bereits gedient, Effendi. Bei der letzten Verfolgung der Dschesidi haben über tausend Menschen hier ihre Sicherheit gefunden. Darum wird kein Angehöriger unsers Glaubens diesen Ort verraten. Man weiß ja nicht, ob man ihn wieder brauchen wird.«
»Das scheint nun jetzt der Fall zu werden.«
»Ich weiß es. Aber es handelt sich jetzt nicht um eine allgemeine Verfolgung angeblich um des Glaubens willen, sondern nur um eine Maßregel, welche den Zweck hat, uns auszuplündern. Der Mutessarif sendet fünfzehnhundert Mann gegen uns, die uns unerwartet überfallen sollen; aber er wird sich täuschen. Wir haben seit sehr langen Jahren das Fest nicht gefeiert; darum wird kommen, wer nur kommen kann, so daß wir den Türken einige Tausend kampfbereite Männer entgegenstellen können.«
»Sind sie alle bewaffnet?«
»Alle. Du selbst wirst sehen, wie viel bei unserem Feste geschossen wird. Der Mutessarif braucht für seine Soldaten während eines ganzen Jahres nicht so viel Pulver, wie wir in diesen drei Tagen für unsere Freudensalven.«