Auf der Straße warten die Hehler mit Wagen, um die Ware abzutransportieren.

Nicht weniger als sechsmal mußten sie diesen lebensgefährlichen Weg zurücklegen. Klettern, springen, gleiten.

Am Sonntag steigen sie ab und gehen zu Kempinski, das alte Berliner Weinrestaurant, speisen. Kehren ruhig zu ihrer Arbeit zurück und vollenden sie am Montag früh. Zwei Nächte und einen Tag hielten sie sich an der Arbeit. Der Wert des Raubes betrug mehrere hunderttausend Mark. Er selbst löste für die „Sore“ (Beute) nur siebzehntausend Mark, ein herzlich geringer Betrag, zumal da es Papiermark waren. Der eigentliche Wert dürfte etwa den gleichen Betrag in Dollars ausgemacht haben.

Natürlich wußte die Polizei sofort, wessen Werk dieser Einbruch war. Das Einsteigen in Warenhäuser war die Spezialität der Brüder. Große Firmen wie Michels und Wertheim waren ihrer Geschicklichkeit zum Opfer gefallen. Auch hier hatte er, an den Fassaden emporkletternd, Stoffe im Werte von hunderttausenden geraubt und verschärft. Die Ware wurde nie wieder gefunden. Auch von den Geldern nichts. Einen anderen verwegenen Zug unternahm er gegen einen großen Juwelier in der Passage Friedrichstraße, dessen Laden er ausräumte, ohne daß auch nur eine Spur entdeckt wurde, weder von ihm, noch von den geraubten Kostbarkeiten. Immer fiel ihm reiche Beute in die Hände, für tausende von Dollars. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. Es gab für sie keine Hindernisse, Abwehrmaßnahmen. Sie kletterten an den Fassaden über Dächer und Mauern, wie andere über Straßen gehn.

Dies war der letzte und größte Einbruch der beiden Einbrecherkönige, deren Namen in aller Munde waren und eine Popularität erlangten, wie kaum ein gleich mutiger und verwegener Abenteurer vordem.

VII.

Hier beginnt nun ein Abschnitt im Leben dieses sonderbaren Menschen, der für ihn vielleicht die glücklichste Zeit bedeutete. Ihn zugleich aber auch zum ersten Male vor den Ausgang aller Abenteuer früher oder später stellte und um ein Haar in den Abgrund gerissen hätte.

Die Schwierigkeit der Erhellung der einzelnen Phasen seiner Entwicklung liegt vor allem in der vollkommenen Abseitigkeit des Lebens, das Strauß führte. Entweder er war eingesperrt hinter Kerkermauern. Dann schlief sein dunkles Ich. Das Tier, die Haßinstinkte wandelten sich in der Einsamkeit in den starken Trieb nach Bildung. Er studiert Sprachen, Stenographie, Elektrotechnik. Schreibt Gedichte von einer seltsamen Vollendung. Natürlich abhängig von den Dichtern, die er jeweils liest. Sein künstlerisches Empfinden ist allerdings nicht originär. Aber er besitzt angeborenes Formgefühl. Mit artistischer Gewandtheit weiß er sich einzufühlen in Stimmungen und Rhythmen, die ihm geläufig bleiben. Das Wort versagt ihm nie den Dienst. Wenn er will.

Die Tage der Freiheit sind mit wildem Tatendrang ausgefüllt. Es leidet ihn nicht in der Enge der Wohnung. Arbeit kann er als Zuchthäusler und berüchtigter Einbrecher ja doch nicht finden. Niemand würde ihn aufnehmen. Niemand an seine Besserung glauben.

Für Menschliches bleibt da kein Raum. Er führt das Leben eines Einsiedlers. Eines Fanatikers, der nur an seine Pläne denkt. In einer eingebildeten Welt umherrast und ausbricht in die reale und dort Unheil gegen sich und die Mitmenschen anrichtet. Zweifellos unterliegt er ganz starken, unwiderstehlichen Trieben, die sein ganzes Denken absorbieren und jede Erwägung über Gut und Böse lähmen. Insofern fällt er unter die Menschen, vor denen sich die Gesellschaft schützen muß. Auf welche Weise, ist allerdings nachdem einmal der Weg der Strafen beschritten wurde, schwer zu sagen. Das Schicksal wollte, daß Strauß im gleichen Moment, wo seine Tage Menschlichkeit und seine Züge den Ausdruck allgemeiner Verfassung gewinnen, zu Fall kam.