Dann trat eine Frau in sein Leben und alles wurde anders.

Emil lernte sie eines Abends in einem Caféhaus am Alexanderplatz kennen. Nannte sich Vogel und war als Verliebter eigentlich genau so, wie er als Typus in der Geschichte der Kriminalfälle unserer Zeit weiterleben wird. Voll unermüdlicher Höflichkeit. Still und doch lebendig. Aufopfernd. Las der Freundin jeden Wunsch von den Augen ab. Für Geld hatte er keinerlei Sondergefühle. Gab es mit vollen Händen aus. Kaufte ihr Kleider und Wäsche. Er war Schlosser und verdiente. Führte auch seinen Bruder ein. Zog schließlich ganz zu ihr. Lüftete aber nie das Geheimnis, das sich hinter dem rätselhaften Vogel verbarg.

Als der Vater der Freundin starb, kaufte er ihr Trauerkleider und ging ihr zuliebe auch in Trauer.

Nicht nur die Richter legten ihm diese Rolle übel aus. Fanden seine Zärtlichkeit und die Schonung, die eigentlich aus allen seinen Handlungen sprach, unaufrichtig, seine Freigebigkeit verschwenderisch. In Wirklichkeit aber hatte ihn zum ersten Male der Hunger nach Leben gepackt. Die Erkenntnis vor der endlichen Fruchtlosigkeit seines Kampfes mochte ihm ganz entfernt und leise dämmern. So klammerte er sich mit allen Fasern seines liebebedürftigen und bisher verschmähten Herzens an dieses Erlebnis und war entschlossen, es bis zum Ende auszukosten.

Dieses Ende sollte bald hereinbrechen.

Im Dezember des Jahres 1919 herrschte geradezu eine Epidemie der Einbrüche und Überfälle. Die Polizei war Tag und Nacht auf den Beinen. Alle Kommandos waren ständig unterwegs. So suchte am neunten Dezember ein Kommando unter Führung des Kriminalwachtmeisters Erdmann nach den Urhebern eines Raubüberfalles auf einen Geldtransport der Post in der Nähe des Schlesischen Bahnhofes.

Nun waren bei der Polizei Nachrichten eingegangen über die auffallenden Ausgaben einer Witwe B. in der Guineastraße, bei der zwei Brüder Vogel wohnten.

Die Gegend war nicht geheuer und der Schluß der Polizei, daß diese Gelder aus unlauterer Quelle stammen müßten, vielleicht aus jenem Raub, lag nahe.

So machten sich also die Beamten auf den Weg zur Guineastraße – fünf an der Zahl.

Frau B. feierte ihren Geburtstag und es ging hoch her. Etwa ein Dutzend Personen war um den Tisch des Hauses versammelt. Es gab Wein, Schnaps, Kuchen und reichlich zu essen und zu trinken.