Steif, belästigt vom Röcheln, das weißen Schleim auf die blauen Lippen feixte, so lag er da, und der Sohn trat ans Bett des Vaters, nahm seine Hand, die Hand, deren Spuren er noch am Körper zu schmecken glaubte; er knickte ein, fiel vornüber und küßte die Lippen, die gebettet lagen im braunen, weißgestreiften Bart. Der Vater lächelte unter Tränen, konnte nicht sprechen vor Freude, vor Schmerz, trank nur immer wieder mit Fieberaugen sein Bild — ja, er vergaß sogar, daß er seine Gebrechlichkeit hatte übertreiben wollen, und richtete sich auf im Bett, bat um Licht, um ihn besser betrachten zu können.

Und als er die Sprache wiedergefunden, von seinem Herzleiden, den Ärzten, den Medizinen, den Aussichten und Hoffnungen redete, jammerte und querulierte, ließ Adelbert nicht ab von seinen Stelzen.

Er wußte: Ich bin vernichtet. Ich habe diesen Mann gehaßt, verflucht und verdammt — ich war entschlossen ihn für alle Ewigkeit zu hassen; ja, ich wollte sogar jetzt von meinem Haß ablassen, um ihn ganz auf sich zu stellen, da mit er hervorbreche am Tage der Vergeltung, Faust oder Dolchschlag oder Anklage. Und jetzt häuft alle Schuld mein Wille auf mein Haupt.

Rede du nur von Medizin und Pillen, von Schmerz und schlaflosen Nächten. Sage es mir doch, damit ich zu Boden stürze: „Du hast mir das Herz gebrochen! Sträfling! Schande meiner alten Tage!“ Was war all sein Unglück, sein Schicksal, die Verdächtigungen, Fußtritte und Gemeinheiten, Strafen, Verbote, Hohn und erzwungenen Feigheiten seines Lebens, was starke Hoffnung und Glauben an die Mission für die Menschheit, wenn alles darin gipfelte, alles davon ausging und wurzelte: Ich habe meinen Vater ermordet! Daß dieser Vater Schuld auf Schuld wider ihn getürmt, von Grund auf ihn aus allen Bahnen geschleudert hätte zu eigener Wollust, Herrschsucht und Eitelkeit, was war dieser unkontrollierbare, einseitige Verdacht, den ungezählte Geschenke, Sorgen und Opfer wettmachten, gegen diese grenzenlose Schandtat, die mit der Gewalt eines Taifuns aus allen Ritzen des Hauses auf ihn niederpfiff?

Vor wessen Auge konnte er ohne zu erröten noch hintreten und von Menschheit, Empörung, Glück und Reinheit reden?

Gierig lauerte er drei Tage auf die Worte des Alten. Sie blieben sich gleich. Röntgenstrahlen, Medizin, Ärzte, Tod. Kein Wort von seinem Verbrechen, seiner Schuld, Schurkerei. Niemand ließ einen Blick gegen ihn fallen. Wie glückliche Engel saßen sie um den Tisch unter der heiligen Lampe geselligem Schein. Sie erlosch nicht — es war keine Täuschung: Alle waren an ihm satt und glücklich.

Das hielt er nicht aus. Bleich sprang er vom Abendtisch, forschend grub sich sein Wutblick in die erschreckten Gesichter. Der Alte schlief — und er war entwaffnet, mußte sich wieder hinsetzen. Mit Bissen guten Fleisches würgte er die wütende Forderung nach dem gerechten Lohn und Aufschrei nach Rache wider sich hinab.

Es nützte ihm nichts, auf der Brücke zu stehen, unter der die Züge durchqualmten, ihn einhüllend mit lockendem Rauch. Er sprang nicht hinab. Er stürzte sich nicht in den Fluß. Nicht Gift, Dolch, Revolver vermochten gegen ihn. Wie damals schlich er, die Schuhe in der Hand, auf die schwarzen Straßen und zog mit Gesindel von Kneipe zu Kneipe. Das Grau des Morgens riß den noch eben stocksteif Betrunkenen zu vollstem Bewußtsein auf und er schlich auf Strümpfen in sein Zimmer, erschien frisch und gesund beim Frühstück.

Was wollten diese Menschen von ihm mit ihren kleinen, gleichgültigen Sorgen? Sollte er sich im Ernst über die Höhe des Eiffelturmes aufregen, über die Schnelligkeit der elektrischen Bahnen, das Gewicht des Saturn einen Schwindel nennen? Muteten sie ihm im Ernste zu, er solle den Präsidenten für einen Heiligen, seine Minister für Götter, den ganzen Staat und seine blödsinnigen Einrichtungen für Offenbarungen Gottes selbst anerkennen?

Und doch wagte er es nicht einmal, den freundlichen, interessiert lächelnden Priester, der den Vater besuchte, nicht zu begrüßen. Er hätte ihm sogar die Stiefel abgeleckt, wenn der Kranke oder die Mutter es von ihm verlangt hätten. Er ging zur Messe, kniete und segnete sich, machte Besuche bei Verwandten und erzählte von vergangenen Tagen. Ein grauer Schleier, ein Ewiges: „Wie freut es mich, Sie wieder zu sehen, gesund und munter“ schläferte ihn ein. Wie oft drohte es aus ihm aufzuschreien; glaubt Ihr denn, ich merke Eure Hinterlist nicht? Ihr wollt mich durch Euren Anblick zwingen in die Knie, in den Wahnsinn, in die Gemeinheit. — ja ich weiß und Ihr wißt, daß ich ein Schuft, ein Mörder, ein Heuchler bin — ich bekenne es ja — so laßt ab von Euren Banalitäten, Euren Regen und Mordgeschichten, Eurem Klatsch und Ekel vor Spinnen — entweiht nicht meine Niedrigkeit und Reue. Ich bereue, ich liebe Euch, ich wedele mit dem Schwanz, tretet, schlagt, pufft mich in die Ecken — macht mit mir was Ihr wollt — aber laßt Eure Masken fallen!