Er kuschte sich vor beiden, die beglückt und überzeugt sich trennten. Adelbert ließ nicht ab, dem Wärter Verachtung zu zeigen und lüpfte flüchtig den Hut, eintretend schon als der Herr, der junge Herr, über den jener Recht und Befugnis verloren hatte, dem bittere Beleidigung nur deshalb widerfahren durfte, damit an ihm einst aller Welt die teuflische Bosheit des Systems offenbar werde und die Edlen zum Kampf treibe.
Das Haus und seine Insassen schliefen. Er störte trotz der Teppiche, trotz der Liebe, mit der ihn die Mutter geleitete und tröstend anlächelte. Am Ende der ersten Stiege stand vor der Wand ein großer Spiegel, und er sah sich auftauchen, Kopf, Schultern, Beine, auftauchen aus der Unterwelt, der Nacht, und alles schien von ihm abzufallen, hinzuklirren mitsamt der verruchten Welt. Sollte sie sich weiden an seiner Vergangenheit und ihn mit Mist bewerfen — er stand hier bei seiner Mutter und sah sich ins umflorte Auge, nahm ihren Arm und war rein, erlöst, befreit. Endlich brannten, entbrannte er in Tränen, den müden Kopf bettend auf ihre Schulter.
„Ich kehre zurück von wo ich ausgegangen — es ist noch nichts und niemals ein Mensch verloren. Wie ungerecht, gemein war diese Zeit und ihr Haß gegen diese Unschuldigen. Wie tief und göttlich weht mich hier endlicher Friede meiner ersten Tage an — o Freunde, kehrt um, zurück und vorwärts in die Arme eurer Mütter — laßt ab von mir, von eurem großen Wahnsinn.“
Die Mutter gab ihn in die Arme der Schwester, die irrlächelnd das spitze Kinn an seinen Stoppeln wetzte. Ihre kleinen Brüste fühlten sich weich durch seinen Mantel ins entwöhnte Blut. Auch hier Erholung, Liebe und Zärtlichkeit — kein Blick, kein Strich der Hand verletzte sein gieriges Mißtrauen. Er kehrte sich um gegen sich selbst, alles war vergessen, aller Unflat, alle Angst, alle Prügel.
Gewandt, lebendig legte er Hut und Mantel ab, setzte den Koffer in die Ecke. Richtete sich auf, die beiden Frauen sahen ihn ernst an, sie lauschten. Ein schwaches Wimmern biß von oben — man sah sich an und seufzte. Die Schwester stopfte das Tuch vor die Augen, die Mutter faltete die Hände und wehrte alles von sich ab, warf die Last zu Boden. Seine Knie schlotterten, als er zum Schlafzimmer emporstieg, in die Höhle dessen, den er nur als Löwe, funkelnd von Mähne, Zorn und Kraft der väterlichen Pranken gekannt hatte. Seine Knie schlotterten, sein Herz lag im Hinterhalt, — wer hält mir die Kehle zu? Vor zehn Richtern und Generälen habe ich nicht gezuckt, nicht gewankt! Muß ich hier wie von je her schlottern?
Wie Gummi schwankten Treppen und Wände mit ihm. Die beiden Frauen ließen ihn allein gehen. — Es erleichterte ihn, daß der Tisch mit den ekelhaften Kakteen verschwunden war; ihre saftige, stachlichte Behäbigkeit, die geile Röte ihrer klebrigen Blüten hatten ihn stets gereizt — jetzt aber stand der Tisch voller Flaschen und Schachteln, die nach Jod und Schwefel stanken. Und er erinnerte sich. Er war krank, man hatte ihm doch geschrieben, daß der Vater krank sei, unheilbar, dem Tod geweiht!
Das hatte ihm so unbegreiflich geklungen, daß er es nicht einmal gelesen oder geglaubt hatte. Es war ihm nicht eingegangen. Dieser starke, unbeugsame Richter seiner Jugendtage, Jahre, Ewigkeiten konnte nicht krank werden.
Er schob die Tür voll kalter Angst ob bösen Scherzes gegen das Weinen, das laut und flehentlich ihn peitschte — trat in den Flackerschein des Nachtlichtes. —
Mit großer Stimme schrie es auf in seinem Kopf, in seinem Brustkasten, daß er allein, er, Adelbert Klaasen, schuld an diesem Morde sei. „Mörder!“ formte die niedrige Kammer die fieberdürren Lippen.
Aus wildem Filzbart greinte ihm gebläht von Schmerz, verklärt von Glück dennoch, vergilbt vom nahen Tod, des Vaters Angesicht zu. Ob dieser ungeheuren Schuld war jede Pose, auch die aufrichtigste, verlorenes Spiel, vergebliche Liebesmüh.